Autor: Christine Bretschneider

Fontane oder Lafontaine im „Tunnel über der Spree“

Das Jahr 1988 an der Humboldt-Universität: ein besonderer Schatz wird gehoben. Der literarische Verein „Tunnel über der Spree“ hatte seinen Archivbestand und seine Bibliothek bereits im Jahr 1912 der damaligen Friedrich-Willhelms-Universität überlassen, aber durch Zeit und Weltkriege ging er verloren und wurde verstreut, bevor er in ebenjenem Glücksjahr wiedergefunden wurde. Seither befinden sich die Bestände in der Bibliothek der Universität und werden dort noch immer ausgewertet und verwaltet.

Hugo von Blomberg: Eulenspiegelfest des Berliner literarischen Sonntagsvereins „Tunnel über der Spree“ Quelle: https://www.stadtmuseum.de/sites/default/files/mediapool/ct_veranstaltung/ludwig-burger-tunnel-ueber-der-spree.jpg

Was macht den Fund aber so besonders?

Der „Tunnel“ brachte einige bedeutende Politiker und Künstler hervor, unter ihnen der Maler Adolph Menzel, der Kunsthistoriker Franz Kugler, Louis Schneider, Vorleser des preußischen Königs, der Justizminister Heinrich von Friedberg, und schließlich auch Theodor Fontane. Sie alle präsentierten ihre ersten künstlerischen Versuche den übrigen Mitgliedern als „Späne“ und wurden dafür mit Bewertungen von sehr schlecht bis Akklamation versehen. Vorher, bei Aufnahme in die Gesellschaft, bekam jedes Mitglied, so sahen es die Statuten vor, einen Decknamen. So wurde aus Fontane Lafontaine und eben dieser

„hätte durchaus zufrieden sein können, wenn ich nur mit dem, was ich dichterisch zum Besten gab, mehr oder doch wenigstens einen Erfolg gehabt hätte“ (S.161).

Aber dieser Erfolg war ihm anfangs nicht vergönnt. Erst später sollte Fontane seine ersten Erfolge mit einigen patriotischen Gedichten feiern:

„Die für mich Bessere war der Geschichte, besonders der brandenburgischen, entlehnt, und eines Tages erschien ich mit einem Gedicht „Der Alte Derfflinger“, das nicht bloß einschlug, sondern mich für die Zukunft etablierte.“ (S.160)

Gegründet wurde diese „Sonntags-Gesellschaft“ am 3. Dezember 1827, und

„lauter „Werdende“ waren es, die der Tunnel allsonntäglich in einem von Tabaksqualm durchzogenen Kaffeelokale versammelte: Studenten, Auskultatoren, junge Kaufleute, zu denen sich […] alsbald auch noch Schauspieler, Ärzte und Offiziere gesellten, junge Leutnants, die damals mit Vorliebe dilettierende Dichter waren, wie jetzt Musiker und Maler“ (S.149).

Der Tunnel unter der Themse in der Mitte des 19.Jahrhunderts, kurz nach seiner Fertigstellung. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thames_Tunnel

Der von Schriftsteller, Satiriker und Gründer des Vereins Moritz Gottlieb Saphir gewählte Name der Sonntags-Gesellschaft sollte den Bau eines Tunnels unter der Themse in London parodieren und gleichzeitig darauf hinweisen, dass Berlin eben über einen solchen noch nicht verfügte. Der Umgang miteinander, die Vortragsweisen, die Inhalte – alles das sollte von scherzhafter, humoristischer Art sein. Er wurde aber etwas zu humoristisch, wie neben Fontane viele andere bemerkten, und so ging der Verein hauptsächlich wegen seines Dilettantismus und seiner Mittelmäßigkeit in die Literaturgeschichte ein. Bezeichnend dafür sind das Motto des Vereins: „Ungeheure Ironie und unendliche Wehmut“, sowie sein Schutzpatron, Till Eulenspiegel. Auch Fontanes eigene Beschreibung der hierarchischen Organisation im Verein lässt tief blicken:

Mitgliedkarte des „Tunnel“ mit Motto und Schutzpatron Quelle: http://www.literaturport.de/literaturlandschaft/orte-berlinbrandenburg/literaturort/tunnel-ueber-der-spree-157/

„Der Vorsitzende, der immer auf ein Jahr gewählt wurde, hieß nicht Vorsitzender oder Präsident, sondern das ‚Haupt‘, noch genauer das ‚angebetete Haupt‘. Sein Zepter war das Eulenzepter, ein etwas übermannshoher Stab, auf dessen oberem Ende eine vergoldete Eule thronte. Dieses Zepter war eine Art Heiligtum, aber ihm an Ansehen gleich oder fast noch überlegen war ein anderes Stück aus dem Tunnel-Kontressor: der ‚Stiefelknecht‘, der, ich weiß nicht wie motiviert, die ‚unendliche Wehmut‘ oder den Weltschmerz symbolisieren sollte.“ (S.153)

Und trotz des scherzhaften, possenhaften Umgangstons im Verein zählte dieser 214 Mitglieder und bestand über 70 Jahre, bis die letze Sitzung am 30. Oktober 1898 sein Ende besiegelte. Wer sich heute noch auf die Spuren jenes Vereins begeben möchte, dem sei die Bibliothek der Humboldt-Universität empfohlen. Wie beschrieben findet sich das gesamte Archiv des Tunnels dort und kann eingesehen werden.  

Verwendete Literatur:

Fontane, Theodor: Zwischen Zwanzig und Dreißig. In: Theodor Fontane. Sämtliche Werke. Hrsg. v. Edgar Groß, Kurt Schreinert, Rainer Bachmann, Charlotte Jolles, Jutta Neuendorff-Fürstenau. Bd.15. München 1959-1975.

Günter Grass‘ Roman „Ein weites Feld“ als Versuch, den Mythos Fontane zu stürzen

Wie einflussreich Theodor Fontane wirklich war, lässt sich ablesen an den Dichtern, Filmemachern und anderen Kunstschaffenden, die sich auf ihn beziehen. Zahlreiche Adaptionen finden sich, die alle mehr oder minder auf ihn selbst oder sein Werk eingehen und es gewissermaßen fortschreiben. Eins dieser Werke ist der Roman Ein weites Feld von Günter Grass, der 1995 erschien und sofort große Aufmerksamkeit auf sich zog. Dabei wurden nicht nur Lorbeeren verteilt, sondern auch einige starke Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki traten auf.

Fontane-Denkmal in Neuruppin
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor-Fontane-Denkmal_(Neuruppin)#/media/File:Fontane_denkmal.jpg

Was aber ist das Besondere an Grass‘ Roman?

Schon der Titel des Romans entstammt einem Roman Fontanes, Effi Briest nämlich, deren Vater den Schlusssatz: „Ach Luise, lass … Das ist ein zu weites Feld.“ sagt. Aber auch der Name des Protagonisten, Theo Wuttke, dessen Spitzname Fonty sich durch den Roman zieht, lässt eindeutige Schlüsse auf Theodor Fontane zu. So dient die Konstruktion des Romans als Spiegelung der Person Fontane in Gestalt des DDR-Bürgers Theo Wuttke. Die Geschichte des Romans, zur Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten angesiedelt, verbindet dieses große geschichtliche Ereignis mit den Geschehnissen des 19. Jahrhunderts zur Zeit Fontanes. Es wird immer wieder auf die Unsterblichkeit Fontanes hingewiesen, als großer deutscher Dichter. Viele öffentliche Medien seiner Unsterblichkeit nehmen eine große Rolle im Roman ein: Das Neuruppiner Fontane-Denkmal, das Berliner Grab und viele

Fontanes Grab in Berlin
Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cc/Fontane_denkmal.jpg

Porträts sind dafür zu nennen. So wird Fonty schon als Kind an die zukünftig den Vater ersetzende Figur Fontanes herangeführt, indem er mit seinem leibhaftigen Vater dessen Denkmal besucht und dort „auf die ewige Dichtkunst eingeschworen“ wird. Er identifiziert sich mit Fontane und wird ihn fortan als Vorbild Zeit seines Lebens bewahren. Interessant ist hierbei, warum Grass nach eigenen Angaben gerade Fontane als Vorbild seines Romans benutzte, und nicht einen der anderen großen deutschen Dichterfürsten. Schiller oder Goethe wären doch dafür ebenso geeignet gewesen?

„Fontane wäre mir näher. Ich teile seine Scheu vor Weimar. Zwar hat er noch im Alter den Schiller-Preis bekommen, aber gleichzeitig über ‚Schillers perpetuierten Lorbeerzustand‘ gespottet. Das zeigt seine Distanz zu dieser Art von Unsterblichkeit.“ (Interview vom 17.08.1995, Oskar Negt (Hg.): Der Fall Fonty. »Ein weites Feld« von Günter Grass im Spiegel der Kritik. Göttingen 1997. S. 411f)

Günter Grass möchte in seinem Roman den großen Kult und den Mythos um eine einzelne Person aufheben. Seinem Verständnis zufolge ist der Mythos ein integraler Bestandteil der Realität. Goethe und Schiller sind dabei aber schon so sehr in das kollektive deutsche Gedächtnis integriert, dass deren Mythos nicht mehr ironisiert und auch entmythologisiert werden kann, wie es mit Fontane geschieht. Thomas Mann, dessen grundlegender Mythosbegriff ein „Leben als Zitat“ beinhaltet, ein „In-Spuren-Gehen“, bildet damit die Abgrenzung zu Grass‘ Konzept des vitalen Mythos.