Auf den Spuren Theodor Fontanes und Klaus Störtebekers an der ostfriesischen Küste

Bericht über die Kulturreise des Fontane-Kreises Hannover (26. und 27. Mai 2018)

Der Blick zurück in die Abenteuer- und Spielwelt des halbwüchsigen Theodor Fontane mit den Swinemünder Straßenjungen am Ostseestrand bei Heringsdorf, den der märkische Dichter dem Lesepublikum in seinem autobiographischen Roman „Meine Kinderjahre“ gewährt, enthüllt „Störtebeckers Kul“ als poetische Reizquelle seines Fragment gebliebenen historischen Romans „Die Likedeeler“. Hätte Fontane die poetische Gestaltung dieser Kindheitserlebnisse vollendet, so wäre laut Thomas Mann ein literarisches Werk „von höchstem poetischen Rang“ entstanden. Den lebenslangen tastenden Versuch, den Störtebeker-Mythos zu bewältigen – intendiert als „Aussöhnung […] zwischen meinem ältesten und romantischsten Balladenstil und meiner modernsten und realistischsten Romanschreiberei“ – gab Fontane trotz intensiver Recherchen vor Ort (in Norden, Marienhafe und Emden) 1895 zugunsten des politischen Zeitromans Der Stechlin auf.

Für seine Recherchen zum legendären Kaperkapitän Störtebeker und zur Geschichte der Likedeeler (wie die Vitalienbrüder in Holland und Friesland genannt wurden) nach der Vertreibung aus der Ostsee und der Verlagerung ihres Raubgewerbes in die „Westsee“ im ausgehenden 14. Jahrhundert reiste Fontane 1880, 1882 und 1883 (in Verbindung mit der Sommerfrische auf der Insel Norderney) in das Gebiet der ehemals rivalisierenden friesischen Stammeshäuptlinge, die die Seeräuber aus eigennützigen Motiven in ihrem Macht- und Gewinnstreben duldeten.

Urkundlich belegt ist, dass Marienhafe, damals ein kleines Hafenstädtchen an der Leybucht, einer der vielen Unterschlupfhäfen der Likedeeler war, die von dem friesischen Häuptling Keno tom Brok in seinem Herrschaftsgebiet, dem Brookmerland, gehegt wurden, was den Zorn der Hansestädte und die Ankündigung harter Sanktionen und Gewaltaktionen heraufbeschwor. In Bezug auf Störtebeker sind die zuverlässigen historischen Überlieferungen jedoch sehr dürftig, wovon die vielen Varianten über seine Herkunft, seinen Werdegang als Seeräuber, seine Kaperfahrten, seine geheimen Schlupfwinkel, sein Liebesleben und die Legende über seine Trinkfestigkeit (der sprechende Name Störtebeker in der Übersetzung ins Neuhochdeutsche Stürz den Becher) Zeugnis ablegen. Namentlich erwähnt wird ein Störtebeker und seine Ankunft in Marienhafe am 13. Januar 1396 u.a. in der Chronik des Pastors Bernhard Elsenius zur Geschichte Frieslands, außerdem auch im Stadtgeschichtlichen Archiv der Hansestadt Wismar, das über die älteste Urkunde eines Nicolao Störtebecker verfügt. Im Gegensatz dazu ist die Sagenbildung ausufernd, was der poetischen Seite der Persönlichkeit des Geschichtenerzählers Fontane sicherlich sehr entgegenkam, da die zum Seehelden stilisierte Symbolfigur Störtebeker als Anführer der Likedeeler (Gleichteiler) soziale Gerechtigkeit und Mildtätigkeit suggeriert und dies der Wertethik Fontanes entspricht.

Die Hauptinformationsquelle Fontanes war der Norder Lehrer und Heimatforscher Friedrich Sundermann und dessen größtenteils aus dem Volksmund zusammengetragene Überlieferungen zu Marienhafe als Schlupfwinkel Störtebekers. Der damals 80 Meter hohe Kirchturm der Marienkirche, der zugleich als Seezeichen diente, soll die Wohn- und Lagerstätte des Freibeuters und seines Raubguts vor dessen unrühmlichem Ende, der Enthauptung auf dem Grasbrook vor den Toren Hamburgs, gewesen sein. Die Abrechnungen im Kämmereibuch der Stadt Hamburg dokumentieren die Ausgaben für die Tätigkeit des Scharfrichters, der auch 70 Kumpane, die mit Störtebeker auf offener See bei Helgoland von der Flotte der Hamburger überwältigt worden waren, hinrichtete. Die Rufus- Chronik belegt, dass die Köpfe der Seeräuber aufgespießt und zur Abschreckung auf der Wiese am Elbufer aufgestellt wurden. So gilt der Störtebekerturm heute als Wahrzeichen des Städtchens und die nicht zu übersehende Bronzestatue Störtebekers auf dem Marktplatz, entworfen von dem Leeraner Bildhauer Karl-Ludwig Böke nach einer Radierung des zwischen 1500 und 1536 in Augsburg arbeitenden Kupferstechers Daniel Hopfer, die aber nicht Störtebeker, sondern – wie nachgewiesen – eindeutig Cunz von der Rosen, den Hofnarren Kaiser Maximilians I., zeigt, der 100 Jahre nach Störtebeker lebte, heute als touristischer Anziehungspunkt. Lohnenswert ist vor allem –  auch unabhängig von aller Seeräuberromantik –  die zwischen 1230 und 1270 erbaute ehemals dreischiffige Marienkirche mit wunderschön geschnitzter Holzkanzel aus dem 17. Jahrhundert und sehr gut erhaltener Orgel aus dem frühen 18. Jahrhundert, die bis zum Rückbau im Jahre 1829 die bedeutendste Gemeindekirche Ostfrieslands war.

Ein weiteres Glanzlicht unserer Kulturreise war Schloss Lütetsburg mit seinem herrlichen Schlosspark. Bereits seine erste Reise nach Ostfriesland führte Fontane 1880 über Emden nach Lütetsburg mit dem Ziel, im Hausarchiv des Grafen Edzard zu Innhausen und Knyphausen, der 1900 durch Kaiser Wilhelm II. in den preußischen Fürstenstand erhoben wurde mit dem Titel Durchlaucht und seit 1904 Präsident des preußischen Herrenhauses war, für das Kapitel Hoppenrade des Bandes Fünf Schlösser der Wanderungen durch die Mark Brandenburg  zur Beziehung der Erbin von Schloss Hoppenrade Luise Charlotte Henriette von Kraut, Geschiedene von Elliot, mit dem Kammerherrn Georg Anton Wilhelm zu Innhausen und Knyphausen, Kammerherr auf Schloss Rheinsberg, zu recherchieren. Am 21. Juli 1880 schrieb Fontane seiner Frau über die Gastfreundschaft der Knyphausens:

Es ist schön hier […] reiche, vornehme, charaktervolle und überaus wohlwollende Wirte, dazu 8 Comtessen von 17 bis 5 und ein kleiner Graf von etwa 6 Jahren […]. Die Ausbeute, die mir das Familienbuch gewährt, ist noch viel größer als ich erwartete. Wahre Schätze. Ich könnte 4 Wochen hier leben und extrahieren und würde immer noch nicht fertig sein. Das geht nun aber aus hundert Gründen nicht, so werde ich mich auf meine Hoppenrader Geschichte, deren Held ein Knyphausen war, beschränken und am Freitag, spätestens am Sonnabend von hier abreisen. Ich gehe dann nach Norderney, bleibe bis den nächsten Tag, fahre dann mit dem Dampfschiff nach Bremerhafen und von dort in einem Ruck nach Hannover.

Auch der Spaziergang im naturhaft angelegten Schlosspark, dessen Gestaltung im 18. Jahrhundert Edzard Mauritz von Knyphausen  zu verdanken ist, auf den Wanderwegen entlang der kleinen Inseln und Teiche, auf Holzbrücken über Wasserläufe im Blick die majestätischen Baumgruppen und exotischen Gewächse, das Farbenspiel der in voller Blüte stehenden Rhododendren und Azaleen – eine Gestalt gewordene Rousseausche Sehnsucht der Hinwendung zur Natur. Schließlich auch ein kleiner Abstecher nach Hilgenriedersiel bei ablaufendem Wasser. Hier wurde 1844 ein Wattfahrweg für den Passagier- und Postverkehr zur vorgelagerten Insel Norderney angelegt, den neben vielen anderen prominenten Gästen auch Fontane und Otto von Bismarck auf ihrem Weg in die Sommerfrische nutzten. So schrieb Fontane am 26. Juli 1880 an seine Frau: „[…] hin nach Norderney hatte ich den Landweg genommen, der dann blos zuletzt mit einer Ueberfahrt über das Watt endigt.“ (Hilgenriedersiel!)

Was wäre Ostfriesland ohne seine Teekultur? Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch des Tee-Museums in Norden mit der Sammlung Oswald-von Diepholz zur Kulturgeschichte des Tees. Gezeigt wurden kostbare Prestigeobjekte der höfischen Teekultur des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch preisgekrönte moderne Exponate im Rahmen eines „Spaziergangs“ durch die Kulturgeschichte Europas. Abgerundet wurde der Aufenthalt in Norden mit der Besichtigung des romanisch-gotischen Bauwerks der Ludgeri-Kirche, die mit 80 m Länge der größte erhaltene mittelalterliche Sakralbau Ostfrieslands ist, dessen reiche Innenausstattung, vor allem die berühmte Arp-Schnitger-Orgel, das gotische Chorgestühl, die barocke Kanzel und der Schriftaltar, der im Zuge der Reformation die Bildwerke ersetzte, uns sehr beeindruckte.

Ostfriesland im äußersten Nordwesten Deutschlands ist immer wieder eine Reise wert!

 

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