Kategorie: Lebensstationen

Fontane oder Lafontaine im „Tunnel über der Spree“

Das Jahr 1988 an der Humboldt-Universität: ein besonderer Schatz wird gehoben. Der literarische Verein „Tunnel über der Spree“ hatte seinen Archivbestand und seine Bibliothek bereits im Jahr 1912 der damaligen Friedrich-Willhelms-Universität überlassen, aber durch Zeit und Weltkriege ging er verloren und wurde verstreut, bevor er in ebenjenem Glücksjahr wiedergefunden wurde. Seither befinden sich die Bestände in der Bibliothek der Universität und werden dort noch immer ausgewertet und verwaltet.

Hugo von Blomberg: Eulenspiegelfest des Berliner literarischen Sonntagsvereins „Tunnel über der Spree“ Quelle: https://www.stadtmuseum.de/sites/default/files/mediapool/ct_veranstaltung/ludwig-burger-tunnel-ueber-der-spree.jpg

Was macht den Fund aber so besonders?

Der „Tunnel“ brachte einige bedeutende Politiker und Künstler hervor, unter ihnen der Maler Adolph Menzel, der Kunsthistoriker Franz Kugler, Louis Schneider, Vorleser des preußischen Königs, der Justizminister Heinrich von Friedberg, und schließlich auch Theodor Fontane. Sie alle präsentierten ihre ersten künstlerischen Versuche den übrigen Mitgliedern als „Späne“ und wurden dafür mit Bewertungen von sehr schlecht bis Akklamation versehen. Vorher, bei Aufnahme in die Gesellschaft, bekam jedes Mitglied, so sahen es die Statuten vor, einen Decknamen. So wurde aus Fontane Lafontaine und eben dieser

„hätte durchaus zufrieden sein können, wenn ich nur mit dem, was ich dichterisch zum Besten gab, mehr oder doch wenigstens einen Erfolg gehabt hätte“ (S.161).

Aber dieser Erfolg war ihm anfangs nicht vergönnt. Erst später sollte Fontane seine ersten Erfolge mit einigen patriotischen Gedichten feiern:

„Die für mich Bessere war der Geschichte, besonders der brandenburgischen, entlehnt, und eines Tages erschien ich mit einem Gedicht „Der Alte Derfflinger“, das nicht bloß einschlug, sondern mich für die Zukunft etablierte.“ (S.160)

Gegründet wurde diese „Sonntags-Gesellschaft“ am 3. Dezember 1827, und

„lauter „Werdende“ waren es, die der Tunnel allsonntäglich in einem von Tabaksqualm durchzogenen Kaffeelokale versammelte: Studenten, Auskultatoren, junge Kaufleute, zu denen sich […] alsbald auch noch Schauspieler, Ärzte und Offiziere gesellten, junge Leutnants, die damals mit Vorliebe dilettierende Dichter waren, wie jetzt Musiker und Maler“ (S.149).

Der Tunnel unter der Themse in der Mitte des 19.Jahrhunderts, kurz nach seiner Fertigstellung. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thames_Tunnel

Der von Schriftsteller, Satiriker und Gründer des Vereins Moritz Gottlieb Saphir gewählte Name der Sonntags-Gesellschaft sollte den Bau eines Tunnels unter der Themse in London parodieren und gleichzeitig darauf hinweisen, dass Berlin eben über einen solchen noch nicht verfügte. Der Umgang miteinander, die Vortragsweisen, die Inhalte – alles das sollte von scherzhafter, humoristischer Art sein. Er wurde aber etwas zu humoristisch, wie neben Fontane viele andere bemerkten, und so ging der Verein hauptsächlich wegen seines Dilettantismus und seiner Mittelmäßigkeit in die Literaturgeschichte ein. Bezeichnend dafür sind das Motto des Vereins: „Ungeheure Ironie und unendliche Wehmut“, sowie sein Schutzpatron, Till Eulenspiegel. Auch Fontanes eigene Beschreibung der hierarchischen Organisation im Verein lässt tief blicken:

Mitgliedkarte des „Tunnel“ mit Motto und Schutzpatron Quelle: http://www.literaturport.de/literaturlandschaft/orte-berlinbrandenburg/literaturort/tunnel-ueber-der-spree-157/

„Der Vorsitzende, der immer auf ein Jahr gewählt wurde, hieß nicht Vorsitzender oder Präsident, sondern das ‚Haupt‘, noch genauer das ‚angebetete Haupt‘. Sein Zepter war das Eulenzepter, ein etwas übermannshoher Stab, auf dessen oberem Ende eine vergoldete Eule thronte. Dieses Zepter war eine Art Heiligtum, aber ihm an Ansehen gleich oder fast noch überlegen war ein anderes Stück aus dem Tunnel-Kontressor: der ‚Stiefelknecht‘, der, ich weiß nicht wie motiviert, die ‚unendliche Wehmut‘ oder den Weltschmerz symbolisieren sollte.“ (S.153)

Und trotz des scherzhaften, possenhaften Umgangstons im Verein zählte dieser 214 Mitglieder und bestand über 70 Jahre, bis die letze Sitzung am 30. Oktober 1898 sein Ende besiegelte. Wer sich heute noch auf die Spuren jenes Vereins begeben möchte, dem sei die Bibliothek der Humboldt-Universität empfohlen. Wie beschrieben findet sich das gesamte Archiv des Tunnels dort und kann eingesehen werden.  

Verwendete Literatur:

Fontane, Theodor: Zwischen Zwanzig und Dreißig. In: Theodor Fontane. Sämtliche Werke. Hrsg. v. Edgar Groß, Kurt Schreinert, Rainer Bachmann, Charlotte Jolles, Jutta Neuendorff-Fürstenau. Bd.15. München 1959-1975.

Fontane und die Medien

Wenn man sich mit der Medialität Fontanes beschäftigt, scheint die Vielfalt zunächst überschaubar. Schließlich liegt Fontanes Schaffen vollständig im 19. Jahrhundert, als technische Medien erst erfunden und entwickelt wurden, aber noch nicht etabliert waren. So etwas wie Radio-Hörspiele oder Film-Drehbücher wird man in Fontanes Werk darum nicht finden. Fontanes Hauptmedium ist und bleibt die (gedruckte) Schrift. Innerhalb dieser Schriftkultur hat sich Fontane jedoch durchaus breit positioniert.

Zeitungen und Zeitschriften

Neue Preußische Zeitung (Kreuz-Zeitung), Rede des Kaisers „An das Deutsche Volk“ auf der Titelseite der Morgenausgabe vom 7. August 1914
Titelblatt der Neuen Preußischen Zeitung (Kreuz-Zeitung) vom 7. August 1914

Heutzutage ist Theodor Fontane in erster Linie für die Romane bekannt, die er in seiner letzten Lebensphase verfasst hat, wie etwa Effi Briest oder Der Stechlin. Dieser Hochphase seines Schaffens ging jedoch eine langjährige schriftstellerische Entwicklung voraus. Fontanes Verbindungen mit der Presse waren besonders eng. Er war für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften journalistisch und feuilletonistisch tätig. Besonders bekannt ist seine Arbeit für zum Teil politisch gegenseitig ausgerichtete Blätter wie die Vossische Zeitung und die Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung.

Gerade in der Anfangsphase seines Schaffens veröffentlichte Fontane in erster Linie Gedichte und Balladen in Zeitschriften wie dem Figaro. Später ging er zu politischer Berichterstattung oder Kriegsberichten über, gepaart mit Beiträgen für das Feuilleton. Dieser Phase seines Schaffens wird in der Forschung in erster Linie als Übergang zwischen Balladendichtung und Prosa Bedeutung beigemessen.[1] Aber auch schon als freier Schriftsteller und Verfasser von Romanen blieb Fontane auf die Zeitungen und Zeitschriften angewiesen, denn die meisten seiner Werke wurden in diesen vorabgedruckt, um Interesse des Publikums zu generieren. Nicht zuletzt war Fontane außerdem sein Leben lang ein fleißiger Verfasser von Kritiken zu Literatur, Kunst und Theater.

Das Medium der Zeitung und Zeitschrift zeichnet sich durch eine periodische Veröffentlichung und starke Aktualität aus. Man kann also davon ausgehen, dass Fontane immer auf der Höhe der Zeit lebte und sich stets gut im Zeitgeschehen auskannte. Sein Interesse an der Politik ist nicht allein durch Beiträge zur Vormärzdichtung nachweisbar, die genaue Ausrichtung dieses Interesses bleibt jedoch aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit umstritten.[2]

Briefe

Hastiger Briefschreiber und Postillon, Neuer gemeinnützlicher Briefsteller für das bürgerliche Geschäftsleben, Berlin 1825
Hastiger Briefschreiber und Postillon, Neuer gemeinnützlicher Briefsteller für das bürgerliche Geschäftsleben, Berlin 1825

Fontane war ein sehr fleißiger Briefeschreiber. Der Brief war das Kommunikationsmedium des 19. Jahrhunderts und Fontane hat viel und gern kommuniziert. Da er auch viel gereist ist, sind vor allem die Briefe an seine Ehefrau Emilie zahlreich vorhanden. Aber auch mit Schriftstellerkollegen und Verlegern kommunizierte er viel schriftlich.

Das Medium Brief zeichnet sich vor allem durch seine persönliche Note aus. In der Regel geht man nicht davon aus, dass außer dem Sender und Empfänger ein Außenstehender Zugang zu dem Brief bekommt, darum werden darüber auch persönliche und vertrauliche Informationen geteilt. Der Aktualitätsbezug in Briefen ist groß. Man kann darum in Fontanes Briefen, die er während des Arbeit an Romanen und Essays geschrieben hat, zusätzliche Bemerkungen zu diesen finden.

Fontane selbst soll die Authentizität des Mediums Brief hochgehalten und sie als historisches Dokument jedem anderen Stoff vorgezogen und als Quelle seiner journalistischen Arbeit geschätzt haben.[3] Nicht nur darum sind zahlreiche seiner Romanfiguren leidenschaftliche Briefeschreiber.

Erste Briefsammlungen zu Fontane wurden bereits kurz nach seinem Tod veröffentlicht. Aus Rücksicht auf noch lebende Familienangehörige und Freunde waren diese jedoch gekürzt und zensiert worden. Diese Tatsache muss man bei der Betrachtung von zeitgenössischen Bezügen auf diese Sammlungen, wie etwa den Essay Der alte Fontane von Thomas Mann, im Kopf behalten. Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden ein großer Teil dieser Briefe neu editiert und kommentiert herausgegeben. In den 80er Jahren wurden die Sammlungen durch neue, bisher unveröffentlichte Briefe ergänzt. Die editorische Arbeit an den Briefen bleibt eine große Herausforderung für die Fontane-Forschung.[4]

Romane und Novellen

Das Medium des Romans schließlich ist das, wofür Fontane in der heutigen Zeit am meisten bekannt ist. Schon in der Schule kommen die meisten mit seinem bekanntesten Werk Effi Briest in Berührung. Ein Roman ist etwas, das die Zeit überdauert, ein Kommunikationsmedium, das Jahrhunderte überbrücken kann. Trotz dieser potenziellen Zeitlosigkeit gelten Fontanes Romane als sehr zeitbezogen, als Blick in die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Titelblatt der esten Buchausgabe "Der Stechlin" von Theodor Fontane (1899)
Titelblatt der esten Buchausgabe „Der Stechlin“
© Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack), 14:26, 27. Jul. 2007 (CEST).

Das liegt unter anderem auch daran, dass Fontane sich für seine Stoffe von aktuellen Geschehnissen in seiner Umgebung und der Öffentlichkeit inspirieren ließ. So soll zum Beispiel ein Kriminalfall im Oderbruchsdorf Letschin die Inspiration für seine Novelle Unterm Birnbaum gewesen sein[5] oder ein Ehebruchskandal in der Berliner Gesellschaft als Vorbild für L’Adultera[6] gedient haben.

Seine Novellen und Romane haben eins gemein: die Konzentration auf Gesellschaft und Dialoge. Vor allem Themen wie die gesellschaftlichen Konsequenzen von Ehebruch oder die schicksalhafte Stellung der Frau in seiner Zeit haben Fontane fasziniert – und die Fontane-Forschung mit ihm. Die Romane Fontanes sind zeitbezogen und bleiben nicht nur darum über alle Zeiten hinweg interessant, wie ein Fenster in die eigene Vergangenheit. Auch im digitalen Zeitalter bleibt Fontane also aktuell wie eh und je.


[1] Vgl. Charlotte Jolles: Theodor Fontane. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart/Weimar 1993, S. 25.
[2] Vgl. ebd., S. 116.
[3] Vgl. Helmuth Nürnberger: Fontanes Welt. Berlin 1997, S. 388.
[4] Vgl. Charlotte Jolles: Theodor Fontane. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart/Weimar 1993, S. 139.
[5] Vgl. ebd., S. 57.
[6] Vgl. ebd., S. 47.

Literaturverzeichnis

Charlotte Jolles: Theodor Fontane. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart/Weimar 1993.
Helmuth Nürnberger: Fontanes Welt. Berlin 1997.

Fontane als Schriftsteller

Theodor Fontane war ein deutscher Schriftsteller.

Dieser Satz, der so oder so ähnlich in zahlreichen Enzyklopädien und Schulbüchern steht, ist zweifelsohne richtig. Was hier jedoch so nonchalant als Tatsache präsentiert wird, ist in Wahrheit das Produkt eines langen und mühsamen Prozesses, die Kumulation eines ganzen Lebens. Denn Fontanes Schaffen als freier Schriftsteller und Romanautor beginnt erst in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens. Die großen, weltberühmten Romane wie Effi Briest oder Der Stechlin entstanden gar wenige Jahre vor Fontanes Tod. Die Anerkennung als Autor und Dichter fiel Fontane nicht wie selbstverständlich in den Schoß, tatsächlich hat er bis zuletzt darum gekämpft.

Theodor Fontane mit Feder und Notizbuch (Gemälde von Carl Breitbach 1883)
Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Die Schriftsteller in der Literaturlandschaft des 19. Jahrhunderts kann man grob in zwei Arten einteilen: zum einen die Romanautoren und Dichter aus bürgerlichen oder adeligen Kreisen, überwiegend mit Hochschulbildung, die das Dichten als eine Art Hobby ausübten, während sie auf eine höhere und angesehenere Karriere zustrebten, oder im Staatsdienst Auftragswerke verfassten, und zum anderen Berufsschreiber, etwa von Zeitungsartikeln, Reiseberichten oder Unterhaltungsliteratur, die mit dem Schreiben oft mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt bestritten. Die Letzteren waren in der Gesellschaft nicht so hoch angesehen wie die Ersteren. Tatsächlich begegneten Journalisten oft einer großen Skepsis und Misstrauen ihrem Berufsstand gegenüber. Fontanes schriftstellerische Karriere begann als ein solcher Berufsschreiber und Journalist.

Suche nach Bestätigung im „Tunnel“

Als nicht studierter Sohn eines Apothekers – was im 19. Jahrhundert kein akademischer, sondern eine Art Handwerksberuf war – hat auch Fontane zunächst eine Apothekerausbildung absolviert. Statt jedoch den Fußstapfen seines Vaters zu folgen und eine eigenen Apotheke zu eröffnen, begann er für Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Kontakte zur journalistischen Berufswelt fand er durch Bekanntschaften im literarischen Verband „Der Tunnel über der Spree“, dem er sich schon während seiner Apothekerausbildung anschloss. Die Nähe zu solchen literarischen Verbänden suchte Fontane sein Leben lang. Dort fand er die Inspiration und die kritische Auseinandersetzung mit seinen dichterischen Werken, die seinen Traum vom Schriftstellertum nährten.

Als fast Siebzigjähriger schrieb er im Gedicht Lebenswege über den Tunnel und die Schriftstellerei:

Fünfzig Jahre werden es ehestens sein,
Da trat ich in meinen ersten „Verein“.
Natürlich Dichter. Blutjunge Ware:
Studenten, Leutnants, Referendare.
Rang gab’s nicht, den verlieh das „Gedicht“,
Und ich war ein kleines Kirchenlicht.
So stand es, als Anno 40 wir schrieben;
Aber ach, wo bist du Sonne geblieben?
Ich bin noch immer, was damals ich war,
Ein Lichtlein auf demselben Altar,
Aus den Leutnants aber und Studenten
Wurden Generäle und Chefpräsidenten. […][1]

Es lässt sich daraus eine große Sehnsucht nach Gleichstellung herauslesen, die im „Tunnel“ zunächst auch erfüllt schien: Die Mitglieder vergaben sich Decknamen – Fontane selbst war unter dem Namen „Lafontaine“ bekannt – wodurch Standes- und Bildungsunterschiede nicht mehr so deutlich erkennbar waren. Nur das eigene Schaffen zählte. Und doch wurden die Unterschiede im Verlauf der Jahre deutlich: Geld, Titel und Ansehen spielten in der Gesellschaft trotz allem eine große Rolle und all das fehlte Fontane bis zuletzt.

Lithographie, Widmungsblatt Moritz Lazarus des Vereins „Tunnel über der Spree“
© Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsbibliothek

Die Arbeit für Zeitungen und Staatsorgane, die teilweise sogar seinen eigenen politischen Überzeugungen widersprachen, trat Fontane in erster Linie aus Geldnot an. In Ausgleich dazu stand sein literarisches Schaffen, das er im „Tunnel“ und anderen literarischen Verbänden bestätigen ließ. Erfolgreiche Projekte wie die Kriegsgeschichtsschreibung und die Reiseberichte Wanderungen durch die Mark Brandenburg ermöglichten erst, dass er zum Ende seines Lebens hin es wagen konnte, sich völlig dem Schreiben von Romanen zu widmen.

Die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller

Und doch wird er auch weiterhin von Selbstzweifeln und Frust über die mangelnde Anerkennung des Schriftstellerberufs geplagt. In dem 1891 anonym veröffentlichten Aufsatz Die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller zeigt er mehrere Problemfelder auf, die der Anerkennung des Schriftstellers im Wege stehen. Zum einen der scheinbar fehlende gesellschaftliche Nutzen von Schriftstellerei: „Schreiben kann jeder. Und außerdem ist das Schriftstellern so nutzlos, es ist das einzige Metier, das ganz überflüssig dasteht und mit einem ernsten Bedürfnis der Menschen nicht recht zusammenhängt.“[2]

Ein klar definierter Mangel des Menschen, die Berufe wie etwa die des Arztes oder Apothekers legitimieren, fehlt dem Schriftsteller also. Auch die hobbymäßig ausgeübte Dichtkunst scheint dem Profi-Schriftsteller im Weg zu stehen. Wenn jeder schreiben kann, werden Profis nicht gebraucht. Diese beiden vermeintlich verbreiteten gesellschaftlichen Ansichten machen Schriftstellern um 1900 das Leben schwer.

Der Lösungsvorschlag Fontanes ist dabei sehr überraschend:

Es giebt nur ein Mittel: Verstaatlichung, Aichung, aufgeklebter Zettel. Vielleicht ist das Mittel schlimmer als der gegenwärtige Zustand. Aber dann müssen wir uns getrösten und es lassen wie es ist. Wollen wir Aenderung schaffen, so giebt es keinen anderen Hülfweg. […] Die Anschauung, daß nur Examen, Zeugnis, Approbation, Amt, Titel, Orden, kurzum alles das, wohinter der Staat steht, Wert und Bedeutung geben, beherrscht die Gemüter mehr denn je und die freien Genies, die ‚Wilden‘, immer süspekt gewesen, sind es jetzt mehr denn je.[3]

Der Beruf des Schriftstellers soll also staatlich anerkannt und ihm damit durch eine Autorität gesellschaftlicher Status verliehen werden. Fontane sieht dabei zwar ein, dass das vielleicht ganz eigene Probleme mit sich ziehen könnte, sieht es aber dennoch als die effektivste Lösung an. Die Alternativlösung dazu wäre schlicht: „größere Achtung vor uns selber“[4].

Das scheint vielleicht der größte Problempunkt bei Fontane gewesen zu sein. Sein Misstrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Missachtung und Hintanstellung der eigenen Wünsche und Träume angesichts der finanziellen Verantwortung für die Familie und die stetige Suche nach Bestätigung und Legitimation von außen. Thomas Mann beleuchtet in seinem Essay Der alte Fontane eine Anekdote, laut der Fontane zu seinem siebzigsten Geburtstag den Gästen folgende Worte in den Mund gelegt haben soll: „Und eigentlich ist es doch ein Jammer mit ihm; er hat nicht mal studiert.“[5] 

Dieser Komplex über den eigenen Bildungsmangel hat Fontane stets verfolgt. Sein Leben lang strebte er nach dem Status eines anerkannten Schriftstellers – ein Traum, der sich ihm zu Lebzeiten nie als erfüllt erschien. Umso mehr ist er heute als Schriftsteller bekannt, sogar derart, dass all sein anderes Schaffen im Vergleich zu seinen Romanen in den Schatten tritt. Und doch darf man nicht vergessen, wie Komplex Fontanes Werdegang in Wahrheit war.


[1] Zitiert nach Helmuth Nürnberger: Fontanes Welt. Berlin 1997, S. 335 f.
[2] Theodor Fontane: Die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller. In: Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1890-1910. Hrsg. von Erich Ruprecht und Dieter Bänsch. Stuttgart 1981, S. 2.
[3] Ebd., S. 3.
[4] Ebd., S. 4.
[5] Thomas Mann: Der alte Fontane. In: Ders.: Essays. Bd. 1 Frühlingssturm 1893-1918. Hrsg. von Herrmann Kurzke und Stephan Stachorski. Frankfurt am Main 1993, S. 132.

Literaturverzeichnis

Theodor Fontane: Die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller. In: Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1890-1910. Hrsg. von Erich Ruprecht und Dieter Bänsch. Stuttgart 1981, S. 1-4.
Thomas Mann: Der alte Fontane. In: Ders.: Essays. Bd. 1 Frühlingssturm 1893-1918. Hrsg. von Herrmann Kurzke und Stephan Stachorski. Frankfurt am Main 1993, S. 124-149.
Helmuth Nürnberger: Fontanes Welt. Berlin 1997.

Gedenktafel am Potsdamer Platz

„Theodor Fontane lebte von 1872 bis zu seinem Tode im Haus des Johanniter-Ordens Potsdamer Straße 134c.

So steht es auf einer Gedenktafel zu Ehren Theodor Fontanes, doch wo das besagte Haus stand, lässt sich heutzutage nur noch schwerlich nachvollziehen.  Sucht man nach der auf der Tafel angegebenen Adresse findet man fälschlicherweise ein Gebäude auf Höhe der Bülowstraße, welches mit Fontane wohl wenig bis gar nichts zu tun hat. Dies ist dem Umstand zu schulden, dass sich die Hausnummern der Potsdamer Straße im Laufe der Zeit verändert haben. 1938 wurde dem Haus, in welchem Fontane bis zu seinem Tode lebte, die Hausnummer 15 zugeordnet. Heute steht es nicht mehr. Es ist  im zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer gefallen.

Die Gedenktafel allerdings gibt es noch und wenn man gründlich sucht, dann findet man sie auch. Die Tafel hängt heute ziemlich unauffällig und schmucklos an der Fassade eines bekannten amerikanischen Kaffeehauses neben einem der Seiteneingänge zu den Potsdamer Platz Arkaden. Wer sich trotz der etwas beschwerlichen Umstände auf die Suche begeben möchte, dem gebe ich den Tipp, nicht in der heutigen Potsdamer Straße, sondern in der Joseph von Eichendorff Gasse 2 danach zu suchen.

Oder um es in den Worten Fontanes zu sagen:
„Hast du nun aber aber alle diese Punkte reichlich erwogen, hast du, wie die Engländer sagen ‚deine Seele fertig gemacht‘, und bist du zu dem Resultat gekommen: ‚Ich kann es wagen‘, nun denn, so wag‘ es getrost.“(1)

Auch wenn das Haus des Johanniter-Ordens nun nicht mehr steht, stellt sich doch unweigerlich die Frage: Warum hat Fontane hier gelebt und was hatte der Schriftsteller mit dem Johanniter-Orden zu schaffen? Vor allem, weil es wohl für notwendig erachtet wurde, dies noch einmal explizit auf eben jener Gedenktafel zu Wort zu bringen.

Doch zunächst zu den Johannitern selbst: Der Orden ist ein Zusammenschluss aus fünf europaweit verteilten St. Johannes Ordensgemeinschaften. Die deutsche Vertretung bildet die „Balley Brandenburg des ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem“. (2) Damit ist der Johanniter-Orden in Deutschland in der Region Berlin-Brandenburg zu verorten.

In den 1860er Jahren, also zu Lebzeiten Fontanes, waren die Belange des Ordens eher konservativer Natur. Diese Haltung spiegelte sich deutlich in der wöchentlich erscheinenden Zeitung des Ordens wider. Hier lässt sich die Schnittstelle zu Theodor Fontane ausmachen, welcher ebenfalls immer konservativer zu werden schien. „Fontane stellte sich – Politisch, publizistisch und literarisch – dem Lager der traditionellen Führungsmächte Krone, Militär und höhere Bürokratie zur Verfügung.“ (3) Der Schriftsteller veröffentlichte eine große Anzahl seiner Texte in einem konservativen Blatt und engagierte sich auch sonst in dieser Richtung. „Jutta Fürstenau hat in ihrem Überblick über die Veröffentlichungen der einzelnen Wanderungskapitel im Johanniter-Blatt allein 33 Beiträge ermittelt. Mit dieser Zahl kann kein anderes Blatt konkurrieren.“ (4)

Also kam Fontane zu seiner  Wohnung  im Hause des Johanniter-Ordens wohl durch seine ausgezeichneten Beziehungen zu diesem und dessen Wochenblatt.

 


(1) Theodor Fontane: Die schönsten Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Hrsg: Peter Brambök. München 1998, S. 10.

(2) http://www.johanniter.de/die-johanniter/johanniterorden/

(3) Roland Berbig: Theodor Fontane im literarischen Leben. Zeitungen und Zeitschriften, Verlage und Vereine. Walter de Gruyter. Berlin 2000, S. 171.

(4) Ebd., S. 175.