»Gundermann allein ist zu wenig«. Eine Pflanze in Fontanes »Stechlin« und andernorts

Eine merkwürdige Gesellschaft versammelt der Erzähler da am Ufer des geheimnisvollen welt­verbundenen märkischen Orakel-Sees – um eine alte, heilige Ruhmes-Eiche (Dubslav): ein hoff­nungs­grünes Wald­märchen (Woldemar), ein eigenwilliges Klein-Raubtier (Katzler), einen martia­li­schen Bildergebnis für Theodor Fontane der stechlin BilderBlech­­helm (Czako), einen Imperator (Rex) in spe, eine geheimnisvolle schöne Melu­sine (was tief blicken lässt), einen Getreuen aus Laurentum (Lorenzen), einen imkernden Pädagogen namens Krippen­­stapel, als wenn das Weihnachtswunder lehr- und reproduzierbar wäre, eine Amphibie (Uncke), ein Lamm (Agnes), unschuldig, beladen mit der Erbsünde, sogar der Diener noch ein Angelus minor (Engelke). Die Aufzählung der Preziosen in dieshttps://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/78/Fontane_der_stechlin_titel.jpg/220px-Fontane_der_stechlin_titel.jpgem Kuriositäten­kabinett ließe sich fortsetzen. Herr und Frau von Gunder­mann passen gut in diese Runde. Am Abend nach dem Souper befragt Rex den Freund Czako nach seinem Eindruck: »Sonderbare Leute – haben Sie schon mal den Namen Gunder­mann gehört?« Czako repliziert schlagfertig: »Ja. Aber das war in ›Waldmeisters Brautfahrt‹.« Rex bestätigt: »Richtig, so wirkt er auch.« Tatsächlich gibt es in Otto Roquettes Rhein-, Wein- und Wandermärchen eine Figur, die diesen Namen trägt. Im Rahmen einer von Maibowle beschwingten allegorischen Traumgeschichte erzählt Roquette von der romantischen Brautfahrt des Prinzen Wald­meister nach Rüdesheim, um die Prinzessin Rebenblüte zu freien, die Tochter des Königs Feuerwein.

Ill. von Arpad Schmidhammer (1857-1921) zur Ausgabe von Roquette aus dem Jahre 1897. http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/otto-roquette.html [23.7.2018]
Gundermann, Kanzler am Hofe und Gegenspieler von Haushofmeister Wachholder, wird hier als »pedantisch alter Tropf«1 [Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1851, S. 17] dargestellt. Und daran erinnern sich die beiden Freunde nach jenem denkwürdigen Souper an ihrem ersten Abend auf dem Gut ihres Freundes Woldemar. Der Mühlenbesitzer Gundermann und seine Frau haben sich in der Tafel-Runde nach Kräften als lächerliche Gestalten präsentiert, er mit seiner stets disponiblen Redensart, sie mit ihrer naiven Geltungssucht. Der Hinweis auf Roquettes romantisches Rhein-, Wein- und Wander­märchen beweist, dass der Autor beabsichtigte, dieses Paar bereits durch die Namensgebung zu charak­teri­­sieren. Was über sie gesagt wird, ist wenig schmeichelhaft. Er sei ein ›Kluten­treter‹, dumm, Intrigant, ein Esel und ein Jämmerling; – Bourgeois und Parvenu, kurz »so ziemlich das Schlech­teste, was einer sein kann«. Dabei ist Gundermann eine durchaus bemerkenswerte Pflanze, als Heilkraut wie als Küchenkraut vielfältig ver­wendbar. Die zahlreichen Namen, die die Pflanze erhalten hat, zeugen noch davon, dass sie ganz erstaunliche Eigenschaften besitzt. Unscheinbar in der Natur, in der Literatur ein großer Held: Gundermann, Glechoma hederacea, Hederich, Gundelrebe, Erdhopfen oder Soldatenpetersilie genannt, Lippen­blüt­engewächs, aromatisch, bitter schmeckend, überall verbreitet, eine Randerscheinung, oft mit Füßen getreten, in Sage und Geschichte mit großer ­Tradition. Hoppenmarieken hat ein Büschel davon in ihrer Hexenküche. Melanie findet Sprößlinge dieser Art unter dem alten Laub und nimmt dies als Zeichen für einen neuen Anfang. Horst Pulkowski hat zusammengetragen, was aus germanistischer Sicht über Gunder­mann zu sagen ist. Sein Buch sei jeder Fontane-Bibliothek für die botanische Ecke empfohlen.

Horst Pulkowski: Mein Name ist Gundermann. Eine (außer)gewöhnliche Pflanze im Spiegel der deutschsprachigen Literatur. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2015, 158 S.

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