Fontane – der Mario Barth des Bürgertums? taz, wie bitte?

Manchmal passiert es, dass man im Internet auf einen Artikel stößt, der so schwer verdaulich ist, dass er sich – wie ein zu trockenes Stück Brot – in der Kehle festsetzt und den ganzen Tag dort verweilt. Unangenehm, sehr unangenehm! Man möchte schlucken. Die Augen tränen. Schlussendlich bekommt man einen verzweifelten Hustenanfall. Das Stück Brot lässt sich nicht entfernen, ebensowenig wie der zirkulierende Artikel in den Tiefen des Internets.

So erging es mir heute morgen:

Die überfüllte U1 rattert übers Gleisdreieck, ich befinde mich auf meinem täglichen Weg zur Uni und scrolle durch die Neuigkeiten, die mein Smartphone ausspuckt. Zufällig stoße ich auf den Artikel „Der Mario Barth des Bürgertums“ der taz von Fabian Stark. Beim zweiten Blick merke ich erst, dass es sich um Fontane handelt. Ok … Ok … ich schlucke: Ist das ernst gemeint? Beim Untertitel fällt mir dann die Kinnlade herunter:

Zum Auftakt des Fontane-Jahrs ein Anwurf: Der Schriftsteller Theodor Fontane ist schuld, dass deutsche Komödien so schlecht sind.

Nun muss ich weiter lesen…

Es gibt viele schlechte Gründe zum Lachen: Nach-unten-Treten, Sexismus, Rassismus, Klassismus; sich lustig machen über Schwächere – eine Machtgeste.

Und dann kommt Theodor Fontane ins Spiel, denn jener – so betont der Artikel – würde nur diese schlechten Gründe zum Lachen wählen. Fabian Stark bedauert:  „Fontane war der Mario Barth des Bürgertums, und darunter leiden wir noch heute.“ Es wird ein herausgerissenes Beispiel von Frau Jenny Treibel herangezogen, um festzustellen, dass dieser Text wohl das Leben humorvoll erheitern wolle „und keinen Deut mehr“. Hier stelle ich mir die Frage, wie gründlich der Roman gelesen wurde. Meine Lektüre des selbigen liegt auch schon etwas zurück, doch diese Formulierung „und keinen Deut mehr“ lässt mich nicht in Ruhe! Sicherlich, die Handlung von Frau Jenny Treibel ist aus typischen Komödienelementen erbaut, hochgradig selbstreflexiv wird dies im Text thematisiert und dient zum Mittel der Kritik, zur Durchleuchtung der Fassade eines gesellschaftlichen Systems. Jenny Treibel ist eine komische Figur, aber solch eine, die man sich in aktuellen Komödien wünschen würde! Komik entsteht vor allem in der stetigen Diskrepanz von Renden und Handeln, ihrem gewünschten Habitus und der Wirklichkeit. Den gesamten Roman durchzieht die überaus prägnante Kritik an der Bourgeoisie. Bildung- und Besitzbürgertum werden gegenübergestellt. Standesdünkel wird entlarvt – die sich neu entwickelnde Bourgeoisie will zwanghaft den Platz der Aristokratie einnehmen, gibt sich dabei so manchen Lächerlichkeiten preis.  

Doch der Artikel von Herrn Stark zieht aus der Lektüre der Frau Jenny Treibel ein anderes Bild. Fontanes Verständnis vom poetischen Realismus und der Verklärungsästhetik werden anschließend paraphrasiert:

Der Realismus werde „erst ganz echt sein, wenn er sich (…) mit der Schönheit vermählt und das nebenherlaufende Häßliche, das nun mal zum Leben gehört, verklärt hat. Wie und wodurch? Das ist seine Sache zu finden; der beste Weg ist der des Humors.“

um dann festzustellen:

So schrumpft Fontanes Humor zum Mittel, das Schlechte in der Welt erträglich zu machen – aber nichts daran zu ändern.

Stark resümiert:

Lachen kann befreiend wirken, ja. Aber manchmal führt es auch in eine unheimliche Enge. So endet Fontanes Realismus in schrecklicher, falscher Harmonie, wie sie nach wie vor auf vielen Brettern und Leinwänden gezeigt wird – das Publikum bekommt, was es erwartet.

Ich mache mein Smartphone aus, aber der Artikel sitzt mir im Hals.

Lieber Herr Stark, lesen Sie Fontane – und zwar wirklich!
Dann wüssten Sie, dass genau das, was Sie an heutigen deutschen Komödien kritisieren keinesfalls bei Fontane zu finden ist, dass eine gezielte Fontane-Lektüre den Schreibern gewisser Komödien sogar helfen würde! Mir ist nicht bewusst, dass Fontane gerade für komödienhafte „Happy Ends“ und schematisch typisierte Charaktere bekannt ist, die nur erheitern wollen „und keinen Deut mehr“. Vielmehr jedoch ist er ein Autor, welcher den Schein der Gesellschaft – mit erstarrten Normen und vorgefertigten Rollenmustern – in Frage stellt. Die Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft werden fortwährend thematisiert und genau an dieser Kluft scheitern viele ProtagonistInnen. Fontanes Humor ist wohl zu komplex und vielseitig, um ihn hier gebührend in ein paar Zeilen quetschen zu können – ich kann es jedenfalls nicht.

Nun muss ich schmunzeln. Es ist mal wieder Zeit Frau Jenny Treibel aus dem Regal zu nehmen, um mich bei der Lektüre zu amüsieren und gleichzeitig hinter die Fassade der Berliner Gesellschaft der Gründerjahre gucken zu können. Fontane – ein Meister eines sprachgewaltigen Humors, der entlarvend sein kann und vieles mehr.

Nachdem ich mir das nun von der Seele geschrieben habe, kann ich schon etwas besser schlucken, aber der Vergleich mit Mario Barth sitzt einfach zu tief.

Taz, muss das sein?

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