Nicht um der Hähne willen

VON MARCUS WEINGÄRTNER

In den Neuzigern entdeckten viele Menschen Theodor Fontane für sich, um mit den Wanderungen durch die Mark Brandenburg die neuen Bundesländer kennenzulernen. Zwar sah man niemanden mit einem Bändchen Fontane die Straßen Brandenburgs ablaufen, doch beim Lesen wurde deutlich, wie modern der 1819 geborene Preuße ist: Fontane wollte keine Grenzen anerkennen, er wollte frei sein, umherzuwandern, immer unterwegs, und am liebsten „ohne vorgeschriebene Marschroute, ganz nach Lust und Laune“.

Seine Modernität belegt auch das folgende Zitat nur allzu gut: „Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht.“ Ist das toll! Wie viele Hähne mir da direkt einfallen. Männer, die nicht nur glauben, dass die Sonne „ihretwegen aufgeht“, sondern der festen Überzeugung sind, sie seien überhaupt die Sonne, um die sich alles dreht. Nie, so scheint es mir, war testosteronsattes Gehabe mehr en vogue. Es wird geprotzt und gepoltert, Meinungen werden im Fanfarenton kundgetan, und was nicht passt, wird passend gemacht. Das berühmteste Exemplar dieser Gattung Mann ist der amerikanische Präsident, dieser Wüterich an der Grenze zur eigenen Karikatur, unter dessen maisfarbenem Haar man nichts als Arroganz und Ignoranz zu finden scheint. Doch auch eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln lässt erkennen, dass präpotentes Mackertum offenbar nie aus der Mode kommt.

Man kennt ihn zu gut, den Sitznachbarn in der U-Bahn, dessen Beinschere so viel Platz einnimmt, dass zwei weitere Platzhälften von seinen Oberschenkeln halbiert werden. Man nennt diese Form des Raumgreifens „Manspreading“. Das „She-Bagging“ beschreibt die weibliche Form: Frauen, die ihre Tasche neben sich stellen und mit der anderen Körperhälfte auf den Nachbarsitz rutschen, auf dem man dann selbst auch nur noch mit halbem Po sitzt.

Aber wir reden von Hähnen. Fontane musste nicht U-Bahn fahren, unter männlichen Zeitgenossen dürfte er indes auch zu leiden gehabt haben. Immerhin brachte das 19. Jahrhundert einen neuen, aggressiveren Männertypus hervor, der seine Männlichkeit beim Militär oder dem kaiserlichen Beamtentum unter Beweis stellen konnte.

Seitdem ist die Sonne mehrmals aufgegangen. Geändert hat sich „am Mann“ recht wenig. Setzt er sich nicht breitbeinig hin, findet er andere Wege zur Verbreitung, im Englischen auch als „Mansplaining“ bezeichnet. In der Regel wird das „Mansplaining“ gegenüber Frauen angewandt und bedeutet eine klare Machtasymmetrie – der Mann erklärt, die Frau soll bewundernd lauschen. Man könnte das Phänomen als mentale Dauererektion bezeichnen, eine besonders unangenehme Form der Dominanz, die immer einhergeht mit der Abwertung des Gegenübers und der eigenen Aufwertung.

Ob und wann Theodor Fontane dieses Zitat niedergeschrieben hat, mochte selbst das Fontane-Archiv nicht exakt zu verifizieren, wohl aber, dass der Doyen der Fontane-Forschung, Helmuth Nürnberger, den Schriftsteller in „unbekannten bayrischen Balladen“ zitiert: „Wenn nun auch die Tränen quillen – die Welt nimmt ihren Lauf. Nicht um der Hähne willen geht klar die Sonne auf.“ Schön, dass das mal jemand gesagt hat.

 

Anm.: Dieser Text erschien zuerst in der Berliner Zeitung Rubrik Unterm
Strich/Fontane der Woche.

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