Fontane: Heute – allseits und allzeit …

Das lässt mich nicht los: Auf der zweiten Beiratssitzung im Oktober 2017 – wir berieten das Neuruppiner-Ausstellungskonzept  von Frau Prof. Gefrereis – kam (aus dem Off, wer weiß) die Frage: Gibt es eigentlich eine Botschaft, irgendetwas, das wir heute, ganz zwingend mit Fontane verbinden? Oder ist der Wirbel, der sich abzeichnet, nichts als Kulturmarketing? 200 Jahre Fontane – ja, und …?

Ein Ruck ging durch die Runde. Alle Taschen wurden geöffnet, alle Register gezogen: Fontane als Medienprophet und -innovator, Fontane als Notizvirtuose, Fontane als witziger Briefschreiber, immer wieder jener unfassbare Fontane-Ton, Fontane vom Rand aus in die Mitte  – und so weiter und so fort. Wer redete, fand sich überzeugend, wer zuhörte, schüttelte leise den Kopf. Eher betrübt, als triumphierend. Was müssen das für glückliche Zeiten gewesen sein, als man in Fontane den zum Fast-Demokraten bekehrten Preußenkritiker feierte. Wie wohlig musste denen gewesen sein, die sich unter den Schirm solcher Sätze wie „Alles Interesse ruht beim vierten Stand. Der Bourgeois ist furchtbar, und Adel und Klerus altbacken […]“ (an James Morris, 22. Februar 1896) zu stellen vermochten ohne Vorbehalt. Auch die wechselnde Gemeinde preußisch-märkischer Vaterländler hatte es gut: die „Wanderungen“ als einen Hort anheimelnder Historie, gestellt in eine vertraute Landschaft, auf die poetischer Schein fiel, und die – natürlich nur beiläufig wahrgenommenen – Kriegsbücher, die frühen Preußenlieder, die etwas hatten, was Dichtung dieser Art gewöhnlich nicht hatte …

Doch wir? Wir heute, wir jetzt, wir im Fast-Fontanejahr? Lässt er uns im Stich? Sein Wort für unsere Zeit – bleibt es aus? Jener Kreis gab sich redlich Mühe, schlug dies vor und brachte jenes in Anschlag. Aber ein Zündholz, das ein weithin leuchtendes Fontane-Feuer zu entflammen vermochte, fehlte. Wir wusste ja alle und ausnahmslos, dass solche Hölzer nicht wohlfeil sind, dass sie nicht auf der Straße liegen oder griffbereit in einer Schachtel. Eins indes war in diesem ratlosen Moment zu spüren: Wie gut, so zu fragen! Wie gut, entschlossen nachzuhaken! Den Betrieb nicht aufgehen zu lassen in seinen Mechanismen – sondern noch einmal Luft zu holen und sich in die Pflicht zu nehmen. Was nicht zu erzwingen ist, darf nicht erzwungen werden. Statt über ein ersehntes Soll zu lamentieren, lohnt der Blick aufs Haben. Peter Wruck hat 1993 in seinem Abschiedswort auf der Potsdamer Tagung zum ‚mittleren‘ Fontane dazu ermuntert, den Dichter von jenem Podest herunterzuholen, an dem die Nachwelt immer wieder herumgezimmert hat. Sich auf einen Fontane in Augenhöhe einzulassen, bedeute kein Verlust, sondern Gewinn. Der nämlich benötigt unsere Gehhilfen nicht und keinen Schneider, der ihm einen je nach den Zeitläuften passgerechten Gehrock zusammenflickt. Hier gerade liegt die Stärke eines heterogenen Werkes, das aus einem Werdegang erwuchs, „welcher dermaßen durch Positions- und Ansichtswechsel hindurchführte“, das sein Kontinuum, „als das Fontanes Anschauungswelt, seine Einstellungen und Verhaltensweisen zu denken sind“ (Peter Wruck in: Fontane Blätter 58/1994, S. 10), aus dem Blick zu geraten droht.

„Augenhöhe“, das kam mir wieder in den Sinn. Andacht ist leichter, Feierzeremonien verlockender, gut eingewickelte Vergangenheit als Geschenkpaket für die Gegenwart bequemer.  Augenhöhe, das heißt sich auf ein Gespräch einlassen, in den Austausch treten, nicht besser zu wissen, was besser gewesen wäre – es bedeutet, sich nicht zu bedienen nach den eigenen Zwecken, sondern einander in den Dienst treten. Begegnungsorte und -anlässe sind nötig. Vorwegzunehmen ist nichts. Alles Wertschätzende ist gesagt, nun gilt es, den Wert zu schätzen, in dem er genutzt, in dem er ausprobiert wird. Fontane ist anzunehmen, wie er gewesen ist – so weit wir davon wissen. Wer glatt schleift, schleift weg und verwandelt am Ende den, den man doch auf Hochglanz bringen möchte,in ein glattes Nichts. Nett und nichtig zugleich. Der eine Achsengestalt in den Windungen seiner wechselvollen und wandlungsreichen medialen Gegenwart war, kommt unter die Räder leicht zu verwaltender Beliebigkeit. Fontane trotzte den literarisch-publizistischen Zwangsmühlen seiner Zeit, deren Trends Gleichmacherei und Mittelmaß waren, Originalität ab – in Wortgestalt und Dichterprofil: vom Rand aus der Mitte zu.

Als ich, so in Gedanken verloren, aufschaute, sah ich gerade noch, wie ein hoch aufgeschossener Mann rasch seinen Gehrock griff, ein Notizbuch in der Innentasche verstaute, den lang über die Lippen gewachsenen Bart glatt strich und dem Ausgang zustrebte. Zu schnell, um sich seiner zu vergewissern, aber nicht schnell genug für die Gewissheit: „Er“ ist da und unter uns – in der Tendenz aber flüchtig …

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