Antwort Böhmermann

Einer meiner Kommilitonen, Luca, hat einen Artikel über die Ausgabe der „Letzte[n] Stunde vor den Ferien“ (2016) geschrieben. Dabei handelt es sich um ein Format der Sendung Neomagazin Royal von Jan Böhmermann, in denen Klassiker der deutschen Literatur für ein relativ junges Zielpublikum humoristisch aufbereitet werden.
Dieses Mal ging es um Fontane, genauer Effi Briest. Luca leitete seinen Artikel mit einem Zitat ein, das den Grundtenor aller weiteren Kommentare schön wiedergibt: Effi Briest = superlangweilig, Böhmermann = superwitzig. Im Seminar wurde die Effi von Böhmermann kontrovers diskutiert, der eine Teil war verstimmt, wie man nur so platt Effi bzw. Fontane verballhornen konnte, der andere war der Persiflage doch etwas wohlgesonnener.
Ich gehöre zum zweiten Teil, denn ich habe mir vor drei Wochen den Clip angeschaut und war hellauf begeistert, da ich feststellte, dass Böhmermann weniger Effi Briest karikiert, als vielmehr deren Rezeption. Euphorisch habe ich meine Erkenntnis dem Seminar mitgeteilt und dabei Worte der Kategorie „genial“ bemüht, die auf mildes Unverständnis stießen.
Ich fand die Karikatur durchaus gelungen, von einigen Plattheiten einmal abgesehen.
Darauf folgte die berechtigte Frage, ob ich Effi Briest gelesen hätte, zu meiner Schande musste ich gestehen, dass die Lektüre schon einige Zeit zurücklag und sehr von der allgemeinen Meinung – „überinterpretiert und langweilig“ – überdeckt war. Ich bin also verwirrt aus dem Seminar gegangen, mit dem Vorsatz, mich etwas intensiver mit Effi und Böhmermann auseinanderzusetzen.
Natürlich habe ich in der Endphase des Semesters keine Zeit, die Effi noch einmal zu lesen, aber Zeit, den Wilpert zu bemühen, habe ich schon. So gerüstet, konnte ich Böhmermanns „Effi Briest“ einer kritischeren Betrachtung unterziehen und stellte fest, dass mein Urteil sich nicht verändert hat. Ich finde die „Effi Briest“ von Böhmermann wirklich gut, und zwar unter der Voraussetzung, dass der Roman nur als Projektionsfläche für Böhmermann dient. Effi Briest gilt als das große Alterswerk Fontanes, eine inhaltlich wie sprachlich brillante Analyse der damaligen Verhältnisse. Schon bei einer oberflächlichen Betrachtung der Effi Briest finden sich verschiedene gesellschaftskritische Motive, die uns unter anderem aus L’Adultera und Cécile bekannt sind. Zu nennen wären da die Ungleichheit der Paare (der Mann, meist deutlich älter als die Frau, die Frau auf die Rolle der hübschen Zierde des Mannes reduziert); Duelle um die Ehre; Mütter, denen der Umgang mit ihren Kindern verwehrt wird – das lässt sich beliebig fortführen. Jedoch wird erst in Fontanes letztem Roman die eigentlich Schuldige am Scheitern der Protagonisten klar herausgearbeitet, die bürgerliche Gesellschaft im ausgehenden 19.Jahrhundert.
Allein diese Tatsache macht deutlich, dass gerade Effi Briest alles andere als langweilig sein muss. Genau hier setzt Böhmermann an. Er persifliert nicht Fontane, sondern die Rezipienten. Schon die Häufigkeit, mit der der Erzähler darauf hinweist, wie unglaublich fade das doch alles sei, sollte den kritischen Zuschauer stutzig machen.
Die Charakterisierung der Protagonisten fällt zugegebenermaßen etwas schlicht aus, jedoch schimmern auch hier die von Fontane angelegten Figuren durch. Baron von Innstetten ist ein prinzipientreuer und pedantischer Beamter, in der Persiflage wird das recht deutlich gemacht, unter anderem dadurch, dass Innstetten beim Koitus Marschmusik bevorzugt und es überhaupt nicht schätzt, wenn lieb gewonnene Dinge aus der Jugend plötzlich eine andere Bezeichnung bekommen, wie das bei „Capri Sonne“ der Fall ist. Sein Unverständnis teilt er auch der Umwelt mit, ob sie will oder nicht.
Effi erscheint in dem Clip als deutlich selbstbewusster und reflektierter – moderner – als im Roman. Des Weiteren denke ich, dass Böhmermann nicht Effi kritisiert, sondern Innstetten, die Verkörperung des weißen alten Mannes, der sich und seine Position nicht in Frage stellen muss. Böhmermann zeigt, dass heute der Fokus nicht auf Affäre und Ehebruch liegt, im Mittelpunkt steht die legalisierte Vergewaltigung der Minderjährigen.

Was die Niveaulosigkeit angeht, die dieser Effi Briest von Teilen des Seminars vorgeworfen wurde, so meine ich, dass dies auch wieder ein Seitenhieb auf die kommentierenden Zuschauer ist: Ein Publikum, das sich in seinem ablehnenden Urteil, das einzig auf Erinnerungen aus der Schulzeit fußt, so eins ist, soll nicht verunsichert werden. Eine dezidiertere Auseinandersetzung mit dem Stoff würde es vermutlich überfordern, denn kein Kommentator ist auf die Idee gekommen, sein Urteil aus der Schulzeit nochmals zu überprüfen.

Ich denke also, dass Böhmermann mit seiner „Effi Briest“ bei weitem nicht versucht, Fontane zu diskreditieren, sondern sich vielmehr seinerseits kritisch zu der Gesellschaft äußert – einer Gesellschaft, der kollektives Schwelgen in Schulerinnerungen und schnelle Lacher wichtiger sind, als die eigenen Erfahrungen zu hinterfragen und einen zweiten Blick zu wagen.
Dass Böhmermann uns zu diesem Blick animiert, ist sein eigentlicher Verdienst.

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