Der langweiligste Literaturklassiker überhaupt? Jan Böhmermann, Effi Briest und die letzte Stunde vor den Ferien

Effi Briest. Der mit Abstand LANGWEILIGSTE „Literaturklassiker“ überhaupt. Ich meine mich daran zu erinnern, dass Effi die ersten 30 Seiten des Buchs ausschließlich schaukelnd im Garten saß und Selbstgespräche führt. Nichts weiter. Obwohl ich Deutsch in der Schule immer sehr mochte: Dieses Buch war tatsächlich die einzige Lektüre, die ich nie komplett gelesen habe – weil es einfach nicht zum Aushalten öde war… (Kommentar der „reklamedame“ auf youtube)

So und anders lesen sich die meisten Kommentare unter Jan Böhmermanns filmischer Interpretation von Theodor Fontanes erstem Erfolgsroman Effi Briest. Verfasst sind sie, so scheint es, vornehmlich von Personen, welche das Werk im Rahmen des Deutschunterrichtes unfreiwillig zur Kenntnis nahmen. Böhmermanns gut zehn-minütiges Werk bedient diese Grundhaltung. Die „wohl langweiligste und überinterpretierteste Liebestragödie der deutschen Literaturgeschichte“ wird unter dauernder Betonung ihrer den Empfindungen der AbiturientInnen entsprechenden Ereignislosigkeit nacherzählt. Sowohl eine Stimme aus dem Off, als auch die durch Anna-Maria Mühe und Jan Böhmermann dargestellten Effi und Innstetten werten darüberhinaus die Handlung, indem sie die fontaneschen Wendungen aus moderner Perspektive kommentieren. Dies äußert sich beispielsweise in der Charakterisierung des Innstetten, der als alter, weißer, zu hundert Prozent privilegierter Cis-Mann eingeführt wird, aber auch in Effis zur Seite gesprochener Analyse ihrer zeitbedingten Unmündigkeit bezüglich ihrer Verheiratung. Solche Kontrastierungen werden durch den wiederholten Bruch mit der pseudo-historischen Aufmachung des Videos unterstützt. So begegnet Innstetten beim Eintritt in das Anwesen der Briests einem modern gekleideten Lieferando-Angestellten, benutzt Effi einen Laptop, stammen die Pistolen für das finale Duell aus dem zwanzigsten Jahrhundert.

Was haben diese neuzeitlichen Kommentare für eine Funktion? Sie scheinen moderne Erkenntnisse, z. B. aus den Bereichen Feminismus und Gender an die dargestellten gesellschaftlichen Begebenheiten zur Entstehungszeit des Romans anzulegen. Effis Unmündigkeit wird durch die feministisch geprägten Einwürfe ebenso unterstrichen, wie der lüsterne Charakter des Barons und dessen patriarchalisches Wesen. Auch tritt ein Überlegenheitsgestus zutage. Die Einstreuung moderner Requisite, die zur Seite gesprochenen Selbsteinschätzungen der Figuren, sowie die Organisierung der kommentargerechten Atmosphäre durch die Stimme aus dem Off sorgen für unfreiwillige Komik und erheben die SchauspielerInnen über ihre Rollen. Es entsteht eine Atmosphäre, in der alles, was dem eigentlichen Romangeschehen angehört, lächerlich erscheint und erscheinen muss, um der auf diese Lächerlichkeit angewiesenen böhmermannschen Produktion einen Zielpunkt zu geben.

Ist diese Dartstellungsweise überzeugend? Aus literaturwissenschaftlicher Sicht gewiss nicht. Dies wird anhand einiger Beispiele klar. Die Inszenierung des Innstetten wird der Komplexität des Charakters nicht annähernd gerecht, erkennt er doch theoretisch sehr wohl seine hohle Vorgehensweise und übernimmt dennoch hemmungslos seine den gesellschaftlichen Gegebenheiten entsprechende Rolle, ist also um einiges ambivalenter als dargestellt. Auch die gerafften, hoch-ironischen 10,56 Minuten des Handlungsablaufs wirken, indem ohne Rücksicht auf den historischen Hintergrund inzwischen überholt erscheinende Praktiken und Umgangsformen angeklagt werden, wenig überzeugend. Insgesamt muss der über den Deutschunterricht hinaus mit Fontane vertraute Zuschauer den Eindruck gewinnen, Böhmermann selbst habe den Roman vor Beginn seines humoristischen Projekts nicht mehr zur Hand genommen, wäre sich der vorsichtigen psychologischen Analyse, den vielen Widersprüchen und Motivationen, die in den Figuren angelegt sind, nicht bewusst. Es ließe sich weiter zu einem intellektuellen Gegenschlag ausholen, dessen Zieplunkt vor allem die Absurdität der feministischen Schlagrichtung sein müsste, lässt sich doch vor allem die Thematisierung der Inkongruenz von gesellschaftlichen Normen mit Effis ethischen Bedürfnissen, also eine keineswegs selbstverständliche Darstellung vornehmlich weiblicher Problemfelder zu Fontanes Zeiten, im Roman finden. Dieser Schlag würde jedoch am Wesentlichen vorbeigehen. Die ihn ausführende Kraft müsste sich ihrerseits den Vorwurf gefallen lassen, den Gegenstand der Kritik nicht genau wahrgenommen-, die interessanteren Beobachtungen nicht gemacht haben zu können und hätte Böhmermann unterschätzt.

Wie sollte also mit dieser Verfilmung umgegangen werden? „Die letzte Stunde vor den Ferien“ ist ein Format des NEO MAGAZIN ROYALE, welches neben der hier besprochenen Verfilmung von Effi Briest weitere Romane, die im Schulkanon der letzten Jahrzehnte einen prominenten Platz einnehmen, auf ähnliche Weise parodiert. Auch Goethes Faust , Kafkas Verwandlung und Dürrenmatts Die Physiker werden grob gerafft und auf ihre im Großteil der Kommentare verbürgte vermeintliche Essenz herunter gebrochen. Diese Essenz ist nicht  in einem genauen Verständnis oder einer anschaulichen Verbildlichung der tatsächlichen Qualitäten der literarischen Vorlage zu suchen. Vielmehr konstituiert sie sich über jenes in den Kommentaren und der wahrscheinlichen Zielgruppe zu verortende Phänomen der ersten, frustrierenden Berührung mit anspruchsvollerer Literatur im Schulalltag. Die ehemaligen SchülerInnen finden in der hier angebotenen Lesart ihre damalige Überforderung humoristisch bestätigt. Eine nostalgisch-polemische Rückkehr in das klar gegliederte „wir und ihr“ der Welt der Lehrenden und Lernenden ist die Folge. Diese Beobachtung gibt einigen Stoff für Gedanken über das Schulwesen, welches solche Erfahrungen in seinen AbsolventInnen entstehen lässt. Die verantwortlichen Lehrkräfte scheinen der Aufgabe, die oben angedeuteten komplexe Beschaffenheit der Unterrichtsgegenstände zu vermitteln in vielen Fällen nicht nachgekommen zu sein. Böhmermanns Reihe hat zum jetzigen Zeitpunkt in etwa 1,75 Mio. Zuschauer gehabt, von denen nur rund 600 ihr Missfallen durch einen Disslike zum Ausdruck brachten. Dies hat, wie manche Kommentare anzeigen, verschiedene Gründe. Klagen über zu früh angesetzte Beschäftigung mit voraussetzungsreichen Texten lassen sich ebenso vernehmen, wie solche über pädagogisch unqualifiziertes Lehrpersonal. Eine Fontanelektüre im Alter von 14 Jahren, bzw. eine Auseinandersetzung mit Effi Briest ohne eine gelungene Vergegenwärtigung der historischen Kontexte lassen sich schwerlich als gute Beiträge zur Förderung der literarischen Allgemeinbildung von SchülerInnen denken.

Böhmermann kann also, neben aller angebrachten Problematisierung und geschmacklichen Differenzen hinsichtlich der teilweise sehr gewollten Gags, als Kritik am Bildungssystem verstanden werden. Allerhand Fragen, wie jene danach, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Voraussetzungen sich Autoren wie Fontane für den Schulunterricht eignen, lassen sich anschließen.

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