Wolfgang Büttner liest Fontanes „Jenny Treibel“

Dreihundertsechsundneunzig Minuten Laufzeit: So lange benötigte Wolfgang Büttner (1912-1990) um Fontanes Berlin-Roman Frau Jenny Treibel (Berlin: F. Fontane 1893) in einem Tonstudio einzulesen. Dem Audio Verlag ist es zu danken, dass dieses Hördokument im März 2018 erneut aufgelegt wurde.

Büttner ließ für den Schauspielberuf, den er bei Max Reinhardt am Berliner Deutschen Theater erlernte, sein Germanistik-Studium fahren. Als der Krieg zu Ende war und er 1946 aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, setzte er die in den dreißiger Jahren begonnene Karriere fort: am Münchner Bayerischen Staatsschauspiel und im Kinofilm. Ihm glückte der Wechsel von der großen Leinwand der Lichtspielhäuser zum Bildschirm in den Wohnzimmern. Seine Filmografie ist so lang wie abwechslungsreich. Sie spiegelt die Lust am Spiel, an wechselnden Rollen. Nicht ein Typus reizte ihn,  er wollte Wandel, wollte Vielfalt, wollte gestalten und Gestalt-geben. Als eine tückische Krankheit seinen Körper zu lähmen begann, musste er die Bühne verlassen, widerwillig, fast verletzt von dieser Ungehörigkeit des Schicksals. Was ihm blieb, war die Stimme, ein kostbares Instrument, das er beherrschte und noch einmal kultivierte. In seinem Nachruf schrieb der Der Spiegel (48/1990), Büttner sei  in seiner Schauspielkunst „der perfekte General, Kardinal, Rechtsanwalt oder Arzt“ gewesen, sparsam in der Mimik und in „pergamentener Strenge“.

Diese Einfärbung war es, die ihn für Fontane empfahl. Dessen Erzählen, das eine untergegangene, feingewobene Gesprächskultur bewahrt, bedarf eines Vortragenden, der von ihr noch einen Begriff hat. Der SWR, in dieser Hinsicht verdienstvoll sondersgleichen, hat Büttner jene Bourgeois-Satire Fontanes mit dem Untertitel „Wo sich Herz zum Herzen find’t“ vor dem Mikrophon seines Senders lesen lassen. Aus seinem Archiv sind die Tonaufzeichnungen nun zu denen zurückgekehrt, für die sie gedacht waren: für eine Fontane-Zuhörerschaft.

Wer über das Hörvergnügen hinaus sein Urteilsvermögen schulen will, der kann sich nach Büttners Lesung die des legendären Gert Westphal (1920-2002) anhören. Der hatte am Ende seines langen Lebens, gefragt, was sein Beruf sei, keine Scheu, „Vorleser“ zu antworten. Ob Büttner, für sich, dem zugestimmt hätte? Wir wissen es nicht, aber attestieren, attestieren können wir es ihm.

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