Fontane und Eich. Teil II – Die zwei Altäre

Den Berg erklimmen

Wir, meine Schwester und ich, eben noch lächelnd die Hitze genießend, schwitzen nun unter der strahlenden Sonne und traben die uns ausgewiesene Backsteinstraße entlang. Unsere Wegrichtung führt zum Museum, doch im verlassen daliegenden Teil der Lebuser Altstadt verliert sich unser Bewusstsein für das Ziel.

Meister Adebar, (c) Lea Latendorf

Denn schon hat meine Schwester Meister Adebar entdeckt. Sein Blick geht in die Ferne, uns versperren die schlicht anmutenden Häuser und die still emporragende Kirche die Sicht in ebenjene. Und ich erinnere mich in einem zunehmenden Maße, wodurch das meines Zielbewusstseins konstant abnimmt, an die Worte Fontanes:

Die Stadt, so klein sie ist, zerfällt in eine Ober- und Unterstadt. […] Die ‚Unterstadt‘ hat Höfe und Treppen, die an das Wasser führen; die ‚Oberstadt‘ hat Zickzackwege und Schluchtenstraßen, die den Abhang bis an die Unterstadt herniedersteigen. Auf diesen Wegen und Straßen bewegt sich ein Teil des städtischen Lebens und Verkehrs. Gänse und Ziegen weiden dort unter Gras und Gestrüpp; Frauengestalten, zum Teil in die malerische Tracht des Oderbruchs gekleidet, schreiten bergab […].[1]

Erinnert, getan! Während die „Frauengestalten“ von einst „bergab“ gingen, schlage ich einen dieser steilen „Zickzackwege“ zur Oberstadt bergaufführend ein. Meine Schwester folgt widerwillig, aber zügig. Auf halber Strecke laben wir uns an der Wasserflasche und Keksen, bewältigen den mühsamen Anstieg. Oben angekommen, blicken wir orientierungslos, ziellos, doch nicht mutlos auf rostrote Metallkonstruktionen und unterschiedliche Steinfärbungen eines gepflasterten Oberstadtplatzes.

Blick auf die Oder, (c) Lea Latendorf

Diese Konstruktionen und Färbungen sind Teil eines historischen Projekts und verdeutlichen die Umrisse der vormals alles überschattenden Kathedrale. Meine Schwester interessiert dies aber nur peripher, ich möchte sagen, überhaupt nicht. Viel eher fasziniert sie der Blick des Storchs in die nun freiliegende Ferne. Mir ist als ob Eichs Gedicht Oder, mein Fluss im Hintergrund erklingt: „Oder, mein Fluß, / der keine Quelle hat: / In Tropfen sickert es / aus Gebirgen von Zeit, / Wasser, das nach Kindheit schmeckt.“[2] Aber der Strom liegt aus der Entfernung betrachtet ruhig und trennt die belebte Stadt von der unbelebt wirkenden Ebene. Wobei uns immer noch kein Lebuser begegnet ist und erste Zweifel in mir keimen.

Eine Menschenseele

Daher dränge ich meine Schwester weiter, erkläre ihr unser neues Ziel: die Kirche. Sie nimmt den schnellen Entschluss zum Abstieg in die Unterstadt zwar mit böser Grimasse aber klaglos hin. Der Weg, diesmal am zur Oder zugeneigten Hang, bietet wunderschöne Rastplätze und Möglichkeiten Fontanes einstige Eindrücke zu teilen:

Lebus, die Kathedralenstadt, ist hin, aber Lebus, das vor dreihundert Jahren einen ‚fleißigen Weinbau‘ trieb, ‚das‘ Lebus existiert noch. Wenigstens landschaftlich. Nicht daß es noch Wein an seinen Berglehnen zöge, nur eben der malerische Charakter eines Winzerstädtchens ist ihm erhalten geblieben.[3]

Aber wir haben keine Zeit, jedenfalls sagt mir das mein innerer Kompass, der mich den Pfad in Eile statt in Ruhe hinabpreschen lässt. Wie falsch er doch damit lag, werde ich alsbald merken. Unten wieder angekommen, gehen wir zum Eingang der Kirche und finden diesen verschlossen. Meine Schwester kann sich ihr übertriebenes Stöhnen nicht verkneifen und lässt meine Zweifel nur noch mehr aufkeimen.

Flieder, (c) Lea Latendorf

Während sie Fotos vom violett blühenden Flieder schießt, höre ich den Storch fast hämisch klappernd über uns hinfort fliegen. Zu zweit bleiben wir weiterhin einsam, umrunden die Kirche, rütteln mal hier, mal dort an einer verriegelten Tür und können uns dem Eindruck nicht erwehren, dass Lebus zur Vormittagszeit ausgestorben ist.

Jedoch erscheint plötzlich in einiger Entfernung ein winkender Mann, an seiner Seite läuft ein kleiner Hund. Beide nähern sich mit schnellem Schritt. Der Mann trägt einen Strohhut, Hemd, Dreiviertelhose und Sandaletten, der Hund einen braun-weißen Pelz. Fröhlich lächelnd und wild gestikulierend stellt sich der Mann als Angetrauter der hiesigen Pfarrerin vor. Bei sich trägt er einen Schlüssel und noch bevor wir erleichtert Hände schütteln können, betreten wir schon gemeinsam die Kirche.

Der Mann, die Kirche und zwei Altäre

„Zwischen beiden [Unter- und Oberstadt], am Abhang, und, wie es heißt, an selber Stelle, wo einst die alte Kathedrale stand, erhebt sich jetzt die Lebuser Kirche, ein Bau aus neuer Zeit.“[4] Nicht ganz unrecht hatte Fontane dereinst, denn die Kirche direkt am Berg, der die Oberstadt trägt, gelegen, wird dennoch zur Unterstadt gezählt. Der Mann der Pfarrerin beginnt nach einer kurzen Vorstellung unsererseits mit einer privaten Führung. Er zeigt uns Bilder von vergangenen Konfirmationen, referiert über die Kathedrale, ihre Geschichte und ihren Fall, und erklärt uns den Fakt, weshalb die heutige Kirche einzigartig ist.

Im Zuge des zweiten Weltkriegs wurde sie nämlich stark beschädigt. Das Kirchenschiff wurde teilweise zerstört, der Turm blieb heil. In der Aufbauphase der Nachkriegszeit wurde daher überlegt, wie in der, zwar zerstörten, aber weiterhin nutzbaren Kirche, Gottesdienste abgehalten werden können. Die Entscheidung fiel damals durchaus sonderbar aus.

Altar im Kirchturm, (c) Lea Latendorf

Der nicht in Trümmern liegende Teil des Kirchenschiffs wurde zum Eingang umfunktioniert, während das Portal am Kirchturm zugemauert wurde und fortan als Altarplatz diente. In den folgenden Jahrzehnten und mit den andauernden Restaurationsarbeiten wurde der zerstörte Teil des Kirchenschiffs rekonstruiert und durch einen Neubau ergänzt.

Erst nach dessen Fertigstellung installierten die Lebuser einen zweiten Altar an der Stelle, an der voreinst die Heilige Schrift und weitere Insignien ihren Platz hatten. Heutzutage wird nur der Altar im Kirchturm für Gottesdienste genutzt, der Altar im neugeschaffenen Kirchenschiff hat nur symbolischen Charakter, doch bietet der moderne Bau Räumlichkeiten für religiösen Unterricht oder kleine kulturelle Veranstaltungen.

Altar im restaurierten Kirchenschiff, (c) Lea Latendorf

All das erzählt uns der Mann in einem angenehmen Tempo. Wir fragen noch zweimal nach und verabschieden uns höflich, denn, ich mag es kaum glauben, zwei weitere Besucher wenden sich an den Mann. Als wir wieder ins Freie treten, wird uns bewusst, wie unbewusst wir unser Reiseziel erneut vernachlässigt haben. Ich stürze zurück in die Kirche und erfahre, in welche Richtung wir zu gehen haben.

Getreu dem Lebuser Schlachtruf, an den sich auch Fontane erinnert, „Lebus oder der Tod“[5], schreiten wir voran. An den Straßenrändern erblicke ich immer mehr Lebuser, ich muss zwangsläufig aufatmend schmunzeln und auch meine Schwester scheint in diesem Moment zufrieden. Und so wandle ich weiter auf der literarischen Landkarte, derer helle Flecken immer mehr Farbe bekommen, und lasse mir gewahr werden, weshalb es mich nach Lebus verschlagen hat: Theodor Fontane und Günter Eich.

 

[1] Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Hg. v. Gotthard Erler und Rudolf Mingau. Berlin: Aufbau 1997, S. 17.

[2] Günter Eich: Gesammelte Werke. Bd 1: Die Gedichte, Die Maulwürfe. Hg. v. Axel Vieregg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 210. Eich hatte 1951 zwei Fassungen dieses Gedichts bei der Erarbeitung der Hörspieladaption von Fontanes Unterm Birnbaum geschrieben. Die hier zitierten ersten Verse stammen aus der zweiten Fassung.

[3] Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Hg. v. Gotthard Erler und Rudolf Mingau. Berlin: Aufbau 1997, S. 16-17.

[4] Ebd., S. 17.

[5] Ebd., S. 16.

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