Fontane, Cécile, meine Mutter, ihr Knie und ich – Tag 3

Es ist Bergfest unseres Aufenthalts in Quedlinburg und ich muss dem Knie meiner Mutter ein großes Lob aussprechen, es verhält sich nicht nur unauffällig, sondern über alle Maße vorbildlich, wenn wir Pause machen, dann sicher nicht wegen des Knies! Vielmehr nötigt uns die Hitze die eine oder andere Unterbrechung auf.
Unser Tag startet wieder im Markt-Café, der Prosecco mit Zitroneneis hat es uns wirklich angetan, außerdem schreibt es sich dort sehr nett, man kennt uns schon und wir dürfen uns bereits hinsetzen, als das Café eigentlich noch geschlossen hat.
Aufgrund der anhaltenden Hitze haben wir unseren Reiseplan etwas umgestellt und schieben einen Ruhetag dazwischen; im Übrigen haben wir auch gestern nicht alles geschafft. Nachdem der Text geschrieben ist, kommen wir zum vergnüglicheren Teil des Tages, wir starten mit der ausführlichen Besichtigung des Rathauses und wie wir uns so umschauen, läuft eine Mitarbeiterin an uns vorbei, die uns darauf hinweist, dass der Festsaal um 13:00 Uhr zur Besichtigung geöffnet wird. Das lässt uns genug Zeit, nochmals zwecks Recherche der Nikolai-Kirche einen Besuch abzustatten und den schweren Laptop im Hotel abzuwerfen.
Zehn Minuten vor der Zeit („Preußen-Moral“, was sonst), sitzen wir gespannt im ersten Stock des Rathauses und warten darauf, dass uns geöffnet wird.

Und warten… und warten… und warten…; es passiert… nichts.

Kurz vor 13:00 laufe ich nach unten, um mich beim Pförtner zu erkundigen und ignoriere erst einmal den A4-großen, grasgrünen Aushang, der uns darüber informiert, dass der Festsaal nur in Verbindung mit der Rathausführung zu besichtigen ist. Also flitzen wir rüber zur Tourist-Information (kein leichtes Unterfangen bei 36 Grad im Schatten) und kommen tatsächlich rechtzeitig – das Glück winkt den Tüchtigen! Die Führung wird von einer entzückenden, älteren Dame jenseits der 80 gemacht, bei der man in Sorge ist, dass die Temperaturen ein wenig zu viel für sie sind, doch sie marschiert uns forsch voran und erzählt uns Informatives rund um das Rathaus. Ursprünglich wurde es als überdachter Marktplatz genutzt, doch je mehr Rechte sich Quedlinburg als Stadt erwarb, desto stärker kristallisierte sich heraus, dass die wachsende Stadt einen zentralen Verwaltungsort brauchte, also wurde die Markthalle zu einem Rathaus umgebaut. An die Marktzeiten erinnern nur noch zwei geeichte Maßeinheiten an der zentralen Säule, denn auch schon damals wurde gemogelt, wo es nur ging. Über das hübsche Treppenhaus (Baujahr 1901) geht es hoch in den Bürgersaal, in dem uns die Partnerstädte Quedlinburgs vorgestellt werden, um dann endlich zum ersehnten Festsaal zu gelangen, der sich im Erweiterungsbau von 1901 befindet.

Übergabe der Königskrone an Heinrich I. vor der Eiche am Finkenherd; zumindest die historisierte Version dessen. Foto: Franz Schorr

Während wir so im sehr warmen Saal sitzen und vor uns hin kochen, trotzdem natürlich hochkonzentriert den Schilderungen über die 1901 fertiggestellten bunten Glasfenster, Holzschnitzereien und Wandtäfelungen lauschen, einige davon mit fragwürdig historisierendem Inhalt, beugt sich meine Mutter zu mir herüber und flüstert mir leise ins Ohr: „Wenn das hier erst 1901 gebaut wurde, was haben sich denn dann Cécile und Begleitung angeschaut?“
Eine gute Frage, die nur Cécile beantworten kann, wir warten, weil wir nicht nur preußisch, sondern auch höflich sind, bis zum Ende der Führung, sodass wir der Hitze des Saals entfliehen und Cécile konsultieren können und stellen fest, dass sie nur den Roland und die Kiste, in der der Regensteiner gefangen war, besichtigten, beides Dinge, die wir schon abgearbeitet haben. Da mussten wir doch herzlich lachen, ohne uns zu ärgern, wir haben ja durchaus interessante Dinge erfahren, unter anderem, warum Quedlinburg so klein geblieben ist, wohingegen andere mittelalterliche Städte sich doch deutlich ausdehnten.

Links oben, die Kanonenkugel im Gemäuer, als Zeugnis des aussichtlosen Kampfes der Bürger um die Unabhängigkeit ihrer Stadt. Foto: Franz Schorr

1477 begehrten die Bürger der Stadt gegen die Vorherrschaft des Damenstifts auf dem Schlossberg auf, bedachten bei ihrer kleinen Revolution jedoch nicht, dass Hedwig, Äbtissin des Damenstifts und sehr gut vernetzt, – ihr Onkel ist Kaiser Friedrich III. – ihre beiden großen Brüder Albrecht und Ernst zur Hilfe holen konnte, die problemlos ein paar renitente Kleinstädter in ihre Schranken weisen konnten.

Der Roland, wieder zusammengesetzt, und wohl einer der ältesten, vollständig erhaltenen. Foto: Franz Schorr

Das Ergebnis war ein gestürzter Roland, der erst nach rund 400 Jahren das Licht der Welt wieder erblickte und der Verlust sämtlicher Rechte einer Hansestadt – die Unabhängigkeit war somit obsolet. Damit die Bürger zukünftig nicht mehr auf dumme Gedanken kamen, durften Neuansiedlungen nur noch innerhalb des Stadtgebietes von 1477 etabliert werden. Blöd für die Stadtentwicklung, gut für uns aus dem 21. Jahrhundert, denn so sehen wir heute Quedlinburg vor uns, wie es sich auch schon vor 500 Jahren im Großen und Ganzen präsentiert hat. Während wir so nebenbei Wissen akkumulieren, entschließen wir uns, noch eins draufzusetzen und das Klopstock-Haus zu besichtigen, denn dort werden wir nicht nur einen berühmten Sohn Quedlinburgs kennen lernen, sondern sogar ganze vier und dazu noch eine Tochter, die immerhin die erste promovierte Ärztin des deutschsprachigen Raums war. Aber zuvor verlangt der Körper sein Recht, also kehren wir im Café am Finkenherd ein, stärken uns und setzen unsere Wissensakkumulation fort. Auf diese Weise in jeder Hinsicht gesättigt, stellen wir fest, dass unser Plan für heute abgearbeitet ist, wir also Zeit haben, ziellos durch Quedlinburg zu mäandern, was wir auch ausführlich tun: Wir entdecken noch den Ständebau, der das Fachwerkmuseum beheimatet, und den Adelshof, ein ausgesprochen malerisches Renaissance-Ensemble, das langsam aus seinem Dornröschenschlaf befreit wird.
Nun wird es Zeit für einen abendlichen Snack und eine Überarbeitung des am Morgen verfassten Textes. Diesmal entscheiden wir uns für ein griechisches Restaurant namens Pantheon, das mit einer leckeren Vorspeisenplatte und großzügig bemessenem Aperol Spritz aufwarten kann.
Es schließt sich zwar kein Kreis, aber wir gehen beseelt ins Bett.

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