Fontane, Cécile, meine Mutter, ihr Knie und ich – Tag 4

Nachdem wir nun einen Tag etwas kürzer getreten sind, können wir uns mit vollem Elan der wohl anstrengendsten Etappe unserer Reise widmen, dem Besuch Thales, und damit sehen wir wenigstens ein kleines, wenn auch bedeutendes Stück vom Harz. Wir haben uns schon vor einigen Tagen erkundigt, wie man dort am besten hinkommt und erfahren, dass alle halbe Stunde ein Bus nach Thale fährt und wir wegen der von uns entrichteten Kurtaxe sogar umsonst mitfahren dürfen. Also schnüren wir unsere Schuhe, die Mutter präpariert ihr Knie (Voltaren ist neben der Cécile unser zweiter ständiger Begleiter) und auf geht‘s zum Bahnhof, um unser Ziel noch vor der großen Hitze zu erreichen. Dort angekommen, erfahren wir, dass der Bus ca. 40 Minuten braucht, abhängig vom Verkehr, wohingegen der Zug die Strecke in 10 Minuten zurücklegt. Wir entscheiden uns für den Zug, denn wir sind ja auf Céciles Spuren, welche auch mit dem Zug anreiste, nur in umgekehrter Richtung. Außerdem scheinen 40 Minuten in einem immer heißer werdenden Bus unserem heutigen Reiseziel nicht sonderlich zuträglich zu sein. Zehn Minuten später sitzen wir also im angenehm klimatisierten Zug und nach drei Zwischenhalten, unter anderem Neinstedt, welches wir, als aufmerksame Leser und weil wir ja aus Quedlinburg kommen, nicht mit ebenjenem verwechseln können. So steigen wir also kurze Zeit später aus und werden des majestätischen Anblicks des sich erhebenden Harzes, der jedem Zugreisenden gegönnt ist, gewahr. Kaum treten wir aus dem Bahnhof heraus, der übrigens renoviert ist, auch wenn die orangefarbenen Türen nicht so recht zu dem taubenblauen Fachwerk passen möchten, so fallen wir gleich auf das Hotel Zehnpfund.

Ehemaliges „Hotel Zehnpfund“, zum Glück noch recht gut in Schuss. Foto: Franz Schorr

Das ist zwar nach wie vor geschlossen, strömt aber dennoch einen Hauch von Mondänität und altem Kurglanz aus. Selbst der Balkon ist noch da, auf dem häufiger das Frühstück eingenommen wurde, so dass es uns ein Leichtes ist, uns vorzustellen, wie Cécile dort stand und das Treiben der anderen Gäste beobachtete. Meine Mutter macht mich auf die Blutbuchen im Kurpark aufmerksam, durch die die Vormittagssonne freundlich scheint. Ganz anders bei Cècile, die ein „glühroter Schein blendete“. Sie sieht „die niedergehende Sonne […], deren Glut durch eine drüben […] stehende Blutbuche fiel. Und in der Glut stand Gordon und war wie davon übergossen.“ – eine dunkle Vorahnung überkommt Cécile, dass ihre Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Nichtsdestotrotz ist das hier alles sehr entzückend und wir freuen uns, dass es tatsächlich noch möglich ist, die im Roman beschriebene Stimmung so nachempfinden zu können.
Wir schlendern durch den von alten Bäumen beschatteten Park auf die Seilbahnen zu und überlegen, ob wir den Hexentanzplatz oder die Rosstrappe besichtigen wollen. „Am meisten aber empfiehlt sich’s wie gewöhnlich, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen“, diesem Ratschlag folgen wir und werden dahingehend bestätigt, dass es ein Kombi-Ticket für beide Seilbahnen gibt. Diese sind quasi die modernen Maultiere, die in Fontanes Roman zwar erst für den Weg nach Altenbrak bemüht werden, von uns aber schon jetzt, denn sie bringen uns trotz der Hitze bequem den Berg hinauf- und wieder herunter.
Wir starten mit dem viel gerühmten Hexentanzplatz, in der Hoffnung, dass der um die Uhrzeit noch nicht so überlaufen ist. Unsere Hoffnung erfüllt sich, jedoch muss ich feststellen, dass der Hexentanzplatz überhaupt nicht das ist, was ich mir vorgestellt habe, weswegen ich erstmal schnurstracks daran vorbeilaufe. Man kommt sich vor wie auf einem Jahrmarkt, aber es ist nicht einer der guten Sorte, sondern einer, bei dem man sich sofort über den Tisch gezogen fühlt. Alles hier ist darauf ausgerichtet, möglichst viele Leute möglichst schnell durchzuschleusen, natürlich erst, nachdem sie viel Geld für Eis, Souvenirs und anderen Schnickschnack ausgegeben haben.

Furchtbar! Foto: Franz Schorr

Von Mystik und Naturschauspiel kann keine mehr Rede sein, man kann bis zum Hexenring (blitzblanke Sandsteine, die aussehen, als ob man sie gestern vom Baumarkt abgeholt hätte, gekrönt mit scheußlich klischeehaften Bronzefiguren) mit dem Auto fahren.
Auch das Hexen offensichtlich nur in zwei Varianten vorkommen, entweder als hässliche Alte oder als verführerische Schönheit ist etwas befremdlich, wobei Fontane dies damals wenigstens ironisch kommentierte.
So bleibt das einzig Sehenswerte die Aussicht auf die Rosstrappe und der Blick ins Tal.
Das Softeis ist – wir sind ja nicht ganz frei von den Verlockungen – auch nicht schlecht.

Blick vom Hexentanzplatz ins Bodetal. Foto: Franz Schorr

Wir gehen also, so schnell wir gekommen sind, und hoffen, dass die Rosstrappe nicht auch so furchtbar ist. Diese Seilbahn überzeugt schon mal mehr, denn es ist ein Sessellift, man ist also nicht in eine Plastikkapsel eingeschlossen, sondern lässt sich den Wind um die Nase wehen, was bei über 30 Grad sehr angenehm ist. Leicht abgekühlt, marschieren wir zur Rosstrappe, was sich als richtige Kletterpartie erweist. Der Weg startet am „Berghotel Rosstrappe“ das auf eine 200jährige Geschichte zurückblicken kann, nur die Terrasse mit dem Blick auf den Felsen ist nicht mehr ausfindig zu machen. Wir werden es wieder entgegengesetzt der St. Arnauds machen: Wir wandern erst und erfrischen uns dann mit einem Eis.
Das Hotel ist nach der nächsten Biegung schon vergessen, so reizvoll präsentiert sich die Natur hier. Jede Kurve bietet einen neuen Ausblick auf den Harz oder das Bodetal, sodass der Weg zur eigentlichen Rosstrappe ein sehr kurzweiliger ist. Je weiter wir vorausschreiten, desto felsiger wird der Untergrund und der Weg ist recht unauffällig präpariert, wenn man von den Abgrenzungen in Form von Handläufen links und rechts einmal absieht, so dass doch schon ein sehr zartes Bergsteiger- und Wanderfeeling aufkommt. Geradezu ideal für die Mutter, ihr Knie und mich.

Blick von der Rosstrappe ins Bodetal. Foto: Franz Schorr
Die Rosstrappe. Das Phänomen, Cents in irgendwelche Vertiefungen zu werfen, ist auch etwas, das mal untersucht werden könnte. Foto: Franz Schorr

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Mühen werden mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt, von dem ich mich nur schwer losreißen kann, doch leider müssen wir wieder ins Tal, denn klettern macht Appetit. Doch so erhebend der Ausblick war, so ernüchternd ist Thale, weswegen wir beschließen, unseren Aufenthalt hier zu verkürzen und den nächsten Zug zurück nach Quedlinburg zu nehmen. Ich muss gestehen, dass es ein Fehler war, sich den Dorfkern angucken zu wollen, wir hätten es der Reisegesellschaft gleichtun sollen und einfach im modernen Teil Thales, dem Kurteil, bleiben sollen.
In Quedlinburg angekommen, gehen wir noch ein wenig bummeln und unterstützen damit den wirtschaftlichen Aufschwung der Region. Dann suchen wir uns eine Lokalität, wo ich noch ein wenig arbeiten kann und wir dem Schauspiel, das uns aus Quedlinburg verabschieden wird, beiwohnen können. Es kündigt sich nämlich die längste Mondfinsternis dieses Jahrhunderts an. Die Wahl fällt wieder auf den Griechen vor unserem Hotel, direkt auf dem Marktplatz der Neustadt, von dem wir die letzten Tage einen sehr schönen Blick auf den voller werdenden Mond hatten. Aber während wir dort sitzen, auf den Mondaufgang warten und Aperol Spritz trinken, bezieht sich der Himmel und es fallen, trotz des Sonnenscheins der untergehenden Sonne, wenig später dicke Tropfen auf uns nieder. Aus Angst, dass unser Getränk verwässert oder der Laptop Schaden nimmt, flüchten wir uns unter den Schirm, jedoch nicht ohne den Doppelregenbogen, der sich langsam bildet, zu bewundern.

Doppelregenbogen über Quedlinburg, den einen muss man etwas suchen. Foto: Franz Schorr

Die Mondfinsternis hat sich – so glauben wir zumindest – damit aber erledigt.
Doch Petrus hat drei Stunden später ein Einsehen, sodass wir, kurz bevor wir ins Bett gehen, doch noch einen Blick auf den roten Mond erhaschen können, wie er sich langsam wieder weiß färbt. Wir werten das als guten Omen und schlafen beruhigt ein, denn morgen treten wir über Magdeburg den Heimweg nach Berlin an.

 

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