Fontane, Cécile, meine Mutter, ihr Knie und ich – Tag 5

Wir haben schon abends beschlossen, möglichst früh nach Magdeburg zu fahren, um noch vor der großen Hitze wenigstens einen Teil der Reise zurückgelegt zu haben und verlassen unser entzückendes Quedlinburg bereits um 9:33 Uhr mit dem HEX. Wir befinden uns jetzt streng genommen nicht mehr auf Céciles Spuren, sieht man von dem Umstand ab, dass die Zugverbindung auch schon damals über Magdeburg führte.

Doch bevor wir Quedlinburg hinter uns lassen, lasse ich die letzten Tage noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren und stelle fest, dass ich selten eine Stadt erlebt habe, in der mir nur freundliche Menschen begegnet sind. Schon unsere Gastgeberinnen im Hotel „Alter Fritz“ haben durch ihre Art und ihre Hilfsbereitschaft dafür gesorgt, dass man sich sofort heimisch fühlt. Das ist nicht selbstverständlich, denn oftmals vermitteln einem Städte, die augenscheinlich sehr stark vom Tourismus leben, das Gefühl, dass man nur geduldet wird, sein Geld dalassen und möglichst wenig nerven soll. Ganz anders Quedlinburg, die Leute waren geduldig, zuvorkommend und ich hatte das Gefühl, dass sie das von Herzen sind. Kein Wunder also, das Fontane Quedlinburg solch ein Denkmal gesetzt hat, das dazu animiert, die Stadt und ihre Bewohner selbst einmal in Augenschein nehmen zu wollen, und ich kann nur sagen, dass es sich lohnt!

Wir hatten überlegt, ob wir unseren Abreisetag in den Reisebericht mit aufnehmen und haben uns dafür entschieden, obwohl wir nach kurzer Recherche herausfanden, dass Fontane wohl nicht in Magdeburg war. Dafür war Otto I. intensiv in Magdeburg und dadurch, dass Quedlinburg diesem Otto eine Menge zu verdanken hat, ist es wohl das mindeste, ihm unsere Aufwartung im Magdeburger Dom zu machen.

Pünktlich steigen wir aus dem HEX aus (das macht mir langsam Angst, wie reibungslos das Bahnfahren läuft), schließen unser Gepäck weg und stürzen uns ins Gewühl: Und stellen sofort fest, dass die Stadt deutlich heißer ist als Quedlinburg und man der Sonne nicht so leicht entkommt, es sei denn, man verbringt den Tag in einem klimatisierten Einkaufscenter. So leicht geben wir uns aber nicht geschlagen, rücken die Sonnenbrille respektive den Sonnenhut zurecht und marschieren Richtung Dom, der Dank seiner imposanten Türme auch ohne Karte recht leicht zu orten ist.

Auf der linken Seite das Koster „Unsere Lieben Frauen“ mit Klosterkirche, geradezu die beiden Turmspitzen des Domes. Foto: Franz Schorr

Wir kommen dabei an dem Kloster „Unsere lieben Frauen“ vorbei und bleiben auf dem Domvorplatz an einem Schild hängen – zum einen, da es interessant ist, zum anderen, weil das Schild im Schatten liegt und wir uns seelisch und moralisch darauf vorbereiten müssen, ein relativ langes Stück durch die Sonne zu laufen, bevor wir die Kühle des imposanten Kirchenbaus erreichen.

Der Dom in seiner ganzen Pracht. Foto: Franz Schorr

Das Schild klärt uns über die Ausgrabungen auf, die auf dem Domvorplatz stattgefunden haben, bevor dieser seine heutige Gestalt bekam. Dabei wurden Reste eines sehr großen Gebäudes entdeckt, wodurch die Archäologen zuerst ganz außer sich gerieten, da sie dachten, hier die Reste einer der Kaiserpfalzen vor sich zu haben. Das wäre einer wissenschaftlichen Sensation gleichgekommen. Jedoch handelt es sich dabei nur um eine Kirche, die auf den Grundrissen zweier früherer Kirchen gebaut war.

Domplatz mit barockem Gebäude-Ensemble, in der Mitte blitzt die „Grüne Zitadelle“ hervor, ein Hundertwasser-Bau. Foto: Franz Schorr

So gebildet, sind wir in der Lage, den sonnigen Platz zu überqueren. Uns umfängt wohlige Kühle und ein noch beeindruckenderer Innenraum, als es die Fassade vermuten lässt. Wir schreiten den Mittelgang ab und setzen uns, um die Kirche auf uns wirken zu lassen und uns etwas zu akklimatisieren. Erstaunlicherweise ist es recht ruhig, gemessen daran, wie viele Leute mit uns hier sind. Nach einiger Zeit fällt unser Blick auf einen kleinen kapellenartigen Bau. Dem Faltblatt, das ich am Eingang erstanden habe, entnehmen wir, dass es sich dabei um das Grabmahls Ottos I. und seiner zweiten Ehefrau Adelheid handelt. Somit erweisen den Herrschaften unsere Ehrerbietung, grüßen von meinem Onkel (das zu erklären, führe jetzt zu weit) und fahren weiter mit unserem Rundgang fort – vorbei an der Paradiespforte, dem Chor, einigen Sarkophagen und Grabplatten.

Dom vom Kreuzgang aus gesehen, idyllisch und vor allem kühl. Foto: Franz Schorr

Zum Schluss biegen wir nach links in den Kreuzgang ein, wandeln dort noch ein wenig und hängen unseren Gedanken nach, bis es Zeit fürs Mittag wird, dass wir in einem bayrischen Wirtshaus zu uns nehmen. Langsam wird es draußen unerträglich, sodass wir doch Zuflucht in einer der Einkaufspassagen nehmen und wohl oder übel auch den Magdeburger Umsatz ein wenig ankurbeln müssen – was tut man nicht alles, um der Hitze zu entrinnen.
Bei einer kleinen Kaffeepause werden wir des Himmels gewahr, der sich bedrohlich zuzieht, was die drückende Schwüle erklärt, also beschließen wir, zügig zum Bahnhof zurückzukehren, bevor wir nass werden.

Die Wolken sehen real noch etwas bedrohlicher aus. Foto: Franz Schorr

Im Bahnhof angekommen, stellen wir fest, dass sich unser Zug wegen eines auf die Schienen gestürzten Baumes zwei Stunden verspäten wird – hätte ich mal nichts gesagt. Ich bin dafür, dass wir einfach ins Kino gehen und zwei Stunden später fahren, bis sich die Situation hier entspannt hat, jedoch meine Mutter, weise, ob der Jahre, die sie mir voraushat und mit dem Gedächtnis eines Elefanten gesegnet, das es ihr erlaubt, sich an viele verwartete Reisestunden zu erinnern, meint, dass es besser ist, Magdeburg so schnell wie möglich zu verlassen, denn in der Regel wird es eher schlimmer. Wir haben aber Glück im Unglück, denn nur 10 Minuten später als unser IC soll ein RE über Berlin nach Frankfurt/O fahren, sodass wir, laut Fahrplan, mit nur 15 Minuten Verspätung in Berlin ankommen könnten. Während wir so das Für und Wider abwägen, dabei unsere Sachen holen und uns auf den Bahnsteig setzen, kommt das Gewitter so richtig in Fahrt und sorgt für Chaos in und auf dem Bahnhof. Aber davon ahnen wir noch nichts, wir schauen wie gebannt vom Bahnsteig dem Naturspektakel zu, welches sich vor uns abspielt. Dieses Schauspiel ist dafür verantwortlich, dass unser RE 15 Minuten Verspätung hat, bei einem anderen Zug die Technik versagt und wir deswegen kurz vor knapp den Bahnsteig wechseln müssen. Hier ist es nicht mehr so nett und wir sind dem Gewitter jetzt etwas näher, als mir lieb ist. Doch endlich kommt der rettende Zug, nach einem kurzen Disput mit dem Kontrolleur, warum man sich bei einem vollen Zug nicht in die 1. Klasse setzen darf, geht es in einem Rutsch durch bis nach Burg bei Magdeburg (ca. 30 Kilometer), wo wir nicht fahrplangemäß weiterfahren können, da das Gewitter den Triebwagen beschädigt hat. Aber auch hier hat wieder das Schicksal seine Hände im Spiel, denn Fontane war – im Zuge seiner Apothekerausbildung zwischen 1839/40 – in Burg und hat ein kleines, freches Gedicht über den hiesigen Roland geschrieben. Der wurde nämlich von seiner Bürgerschaft nicht nett behandelt, erst wurde das Haus, an dem er befestigt war, verkauft, dann wurden seine Gliedmaßen zweckentfremdet (aus den Armen wurden Treppenstufen, aus den Beinen Stützen und aus dem Rumpf ein Schweinetrog), bis schließlich nur noch sein Kopf und ein Teil des Rumpfes übrig war. Der wurde als Giebelschmuck benutzt, bis das Haus 1968 abgerissen wurde. Dieser Roland soll Fontane nun im Traum aufgefordert haben, ihn mit Hilfe seiner Feder zu rächen, worum sich der junge Fontane nicht zweimal hat bitten lassen. Das Ergebnis ist in dem Gedicht unter dem Titel „Burg an der Ihle“ nachzulesen. Doch all diese netten Informationen lenken nicht davon ab, dass eine Fahrt im Regionalexpress nicht zu den angenehmen Dingen gehört, da wünsche ich mir die kommunikativen Mütter vom Beginn unserer Reise zurück, die waren wenigstens nicht so primitiv, wie einige unser Mitreisenden. Aber wie sagt meine Oma, lieber schlecht gefahren, als gut gelaufen und bis Berlin sind es ja nur noch 30 Minuten, obwohl, gerade wurde die Notbremse gezogen…

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