Statt auf Papier in Plastik – Fontane heute

„Seien wir mal ehrlich“, rief mir vor Kurzem ein freundlicher Mensch über einen Tisch voller „Fontane-200“-Papiere zu, „die einzige Idee, die bisher gezündet hat, kam von Playmobil!“ Ehe an Wider- oder doch Einspruch zu denken war, zauberte er auf sein Laptop-Display das Bild jener Sonderfigur des Spielzeug-Herstellers, die Fontane darstellt. Und mit einem zweiten Klick listete er das öffentliche Presseecho auf, das schlicht überwältigend war. Am 2. Juni 2018 hatte Judith Melzer-Voigt in der MOZ berichtet, dass ab dem 5. August in der Neuruppiner Kulturkirche eine große Playmobil-Schau unter dem Titel „Spielgeschichte(n)“ ihre Pforten öffne. Dort werde

der 7,5 Zentimeter große Fontane offiziell erhältlich sein. Er kommt mit Stock, Hut und Notizzettel daher. Sie werden – neben den markanten Koteletten des Schriftstellers – abnehmbar sein. Die Auflage des Mini-Fontanes ist begrenzt: Er wird genau 25 000-mal produziert und soll auch schon auf das Jubiläumsjahr anlässlich des 200. Geburtstags des Autors einstimmen. Die Figur wird exklusiv in Neuruppin erhältlich sein, im Stadtgarten und in der Pfarrkirche.

Wie ein Lauffeuer hatte sich diese Nachricht verbreitet: Der regionalen Presse gesellte sich umgehend die überregionale, der überregionalen die internationale hinzu.  In der Neuen Zürcher Zeitung etwa ließ sich Paul Jandl für seinen Artikel die Überschrift „Das Playmobil erobert die Literatur und Theodor Fontane das Kinderzimmer“ einfallen und stand nicht an, die kleine Schriftsteller-Plastefigur als den „Star einer grossen Schau“ vorweg zu feiern. Verhalten ironisch, natürlich.

Das wollte vor Ort besichtigt werden! Wie kann einer, dem Fontane am Blogger-Herzen liegt, sich hier entziehen. Er ist, gewissermaßen, berufen, mit strengem Blick, doch allem Neuen aufgeschlossen, zu prüfen, was von der ganzen Geschichte zu halten ist. Schafft man es bis Neuruppin – die Bahn lockert die Reise durch eine Busfahrt zwischen Hennigsdorf und Kremmen auf, die durch schönste märkische Gegend führt und der Bahnstrecke weit überlegen ist -, schafft man es nachgerade mühelos bis an den Ort des Geschehens. Große Plakate weisen den Weg, lächelnde Menschen kommen einem entgegen. Sie haben nicht, wie zu anderen Zeiten, Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg in der Hand, sondern den Verfasser selbst: wenn auch nur aus Plaste.

Foto: privat

Und steht man vor dem Eingang an der Längsseite der Pfarr- und Kulturkirche, dann kann man gar nicht umhin, dieser playmobilistischen Schöpfung direkt ins Auge zu schauen. Mehr als bereitwillig lässt sich jenes Gebilde, das auf den Namen „Fontane“ getauft ist, ablichten. Die Versuchung ist groß, sich selbst gleich noch daneben zu stellen: Wann kommt man Fontane schon noch einmal so nah …

Foto: privat

Bis zum 9. September 2018 kann, wer einen ähnlichen Wunsch hegt, ihn sich jeweils montags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr erfüllen. Fünf Euro für Erwachsene und drei Euro für Menschen bis zum 18. Lebensjahr erbitten die überaus freundlichen Menschen im Vorraum zur Ausstellung. Auf jenen kleinen Kauz, der den Tresen schmückt, müssen sie gar nicht verweisen. Er ist gesegnet von begehrlichen Blicken. „So lange der Vorrat reicht, erhält jedes Kind beim Eintritt eine Fontane-Playmobil-Sonderfigur gratis. Jede weitere kostet 4,50 Euro.

Freilich: Könnte eine Kirche den Kopf schütteln, die Pfarrkirche täte es. Sie hat in ihrer langen Geschichte Heiligengestalten aller Art kommen und gehen sehen. Diese ist gewiss die sonderbarste. Sie wird dem säkularisierten Ort den verlorenen gegangenen sakralen Schein nicht wiederbringen. Doch ob mit ihr Kinderstuben Fontane-beseelt werden, wer weiß. Warten wir’s ab. Immerhin trifft Fontane dort auf Luther …

Foto: privat

 

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