Fontane und Eich. Teil III – Auf der Günter-Eich-Straße

Ruhepause

Wir halten inne, spüren einen leichten Gegenwind im Gesicht, ignorieren die Hitze und steuern nach zeitintensiver Anreise und Erkundungstour endlich unser Ziel an: das „Haus Lebuser Land“. Schon von weither sehen wir das Infoschild des Museums und fragen uns, weshalb wir ziellos durch die Lebuser Winkel und Gassen geirrt waren. Wobei dies sich mehr meine Schwester fragt, die mir vehement erklärt, dass ich keine Ewigkeit im Heimatmuseum verbringen soll. Denn sie bleibt lieber draußen und genießt statt der muffigen Geschichte die blühende Landschaft.

Wie dem auch sei, denke ich mir, und trete an das Schild. Es gibt Auskunft über Anreiseweg, wenngleich dieser sich erledigt haben dürfte, da das Schild direkt vor dem Eingang prangt, über den Weg zu den sanitären Einrichtungen und über die Öffnungszeiten.

Museum „Haus Lebuser Land“, (c) Lea Latendorf

Schnell möchte ich mich vergewissern, welche Zeigerstellung auf meiner Armbanduhr aktuell ist, da posaunt meine Schwester mit einem leicht von Argwohn und Trotz durchsetztem Ton die Uhrzeit in meine Gehörgänge. Ich vergleiche die Öffnungszeit mit der aktualen und stelle verdutzt fest, dass wir eine Stunde zu früh hier sind.

Unweigerlich kaschiere ich mein Erstaunen und erkläre meiner immer genervter schauenden Schwester, dass es nun an der Zeit wäre für den versprochenen Eisbecher. Ihr kurzes, unterdrücktes Lächeln erhasche ich und führe sie Richtung Oderufer, in der Hoffnung, dass sich die hiesigen Gaststätten, in der Gewissheit ob des idyllischen Panoramas, dort angesiedelt haben. Und tatsächlich finden wir nach wenigen Minuten eine kleinen Imbiss mit Blick auf die rauschende Oder. Ausgiebig speisen und trinken wir. Fritten und Apfelschorle. Kaffee und Eis.

Rauschende Flut, (c) Lea Latendorf

Zwischen Steinwerkzeug, Wels und Klabund

Gestärkt von Mahl und Aussicht kehren wir zurück zum Museum. Diesmal pünktlich. Wir trennen uns mit dem Einverständnis, uns in einer Stunde vor dem Eingang wieder zu treffen. Kurz blicke ich meiner Schwester hinterher, dann trete ich durch das geöffnete Portal des Museums. Ein helles Bimmeln empfängt mich, hört gar nicht mehr auf. Ich vernehme über mir hastige Schritte und schon steht die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Museums vor mir. Wir begrüßen uns und ich bezahle mein Billett.

Noch bevor ich der engagierten Mitarbeiterin mein Ziel und Verlangen offenbaren kann, ergreift sie das Wort und leitet mich in den ersten Ausstellungsraum. Das Museum erstreckt sich über drei Etagen, da die häuslichen Räumlichkeiten in der Breite begrenzt sind. Das „Haus Lebuser Land“ stellt nämlich die eine Hälfte eines Doppelhauses dar. Die andere Hälfte gehört zum Pfarrhaus. Bei meiner, erneut privaten Führung weist mich die Mitarbeiterin auf die Ausgrabungen und Arbeiten des Kathedralen-Projektes hin. Daher ist der erste Raum mit steinernen Werkzeugen und kupfernen Münzen aus einer weit zurückliegenden Zeit gespickt. Daneben erhöht sich in der Mitte der vier Wände ein Modell, welches die Oberstadt mit Kathedrale zeigt. Ich nehme dies alles im Hinblick auf meine bisherigen Erkundungen fasziniert wahr.

Im nächsten Raum werden die ehemals stadtansässigen Handwerksgewerbe beleuchtet. Es tummeln sich neben Hammer, Meißel, Rechen, Miniatur-Traktor, Keltereimer auch Reusen, darin die Nachahmungen eines mittelprächtigen Welses. Meine Führung geht weiter ins erste Obergeschoss, wo ein großer Raum wechselnde Ausstellungen beherbergt. Die derzeitige hat den Schriftsteller Klabund (eigentlich: Alfred Georg Hermann Henschke) und seine Wurzeln in Lebus zum Thema. Sein Vater war Apotheker der Stadt.

Nachfolgend möchte mich die Mitarbeiterin in das zweite Obergeschoss geleiten, als es erneut hell bimmelt, sie nach unten huscht und mich bei den Objekten und Tafeln zu Günter Eich allein lässt. In der Erkenntnis das Ziel meiner Reise gefunden zu haben, koste ich die Möglichkeit aus und betrachte alles ganz genau. Die meisten Informationen sind mir bereits ein Begriff und doch fühlt sich der Kontakt mit Eich in seinem Geburtsort magisch an. Spätestens vor „seinem“ Schaukelstuhl trete ich erhaben einen Schritt zurück. Ich bemerke nicht einmal wie es ein weiteres Mal bimmelt und die Mitarbeiterin mich aus meiner Trance holen möchte. Erst die gestresste Stimme meiner Schwester vermag es und ich blicke erschrocken auf meine Uhr.

Gezahnte Zeit, (c) Lea Latendorf

Mit einer halben Stunde Verspätung entschuldige ich mich bei ihr, erkundige mich bei der Museums-Mitarbeiterin nach unserer letzten Reiseetappe und verabschiede mich vom „Haus Lebuser Land“. Ärgerlich, dass ich kein Foto von meinem Aufenthalt habe, dafür zeigt mir meine Schwester eine Aufnahme aus der zeitgeplagten Stadt Lebus.

Die Günter-Eich-Straße

Wieder zusammen, ermuntere ich meine Schwester, deren Erforscher-Geist der Müdigkeit zu weichen droht, das letzte und leicht auffindbare Ziel unserer Reise aufzusuchen. Missmutig, ein wenig schwerfällig, setzt sie sich in Bewegung. Die Sonne wandert weiter gen Westen, versteckt sich sogar hinter der einen oder anderen Wolke. Überdies weht nun ein angenehmer Wind. Weshalb unser letztes Ziel leicht auffindbar sei, möchte meine Schwester nach einigen hundert Meter wissen. Ich zücke mein Handy und erkläre ihr, dass wir unsere Aufmerksamkeit, fast schon symbolisch, einer Straße widmen: „Und zwar der Günter-Eich-Straße!“. Ich bekleide meine Worte mit Pathos, großer Gebärde und Bildern von Google-Maps. Ihre Reaktion ist ein sarkastisches Gähnen.

Günter-Eich-Straße, (c) Lea Latendorf

Ich versuche es in der Folge weiter, sie mit Geschichten über Straßennamen zu beeindrucken, bis sie abrupt stehen bleibt. Ich merke es fast nicht, ist mein Vortrag zu einem Monolog entartet und ich alleine auf dem in der Sonne glitzernden Backsteinpflaster. Ich rufe ihr zu, wo sie bleibe. Sie ruft meckernd zurück, dass wir am Ziel seien. Erst jetzt erkenne ich das Straßenschild.

Die Günter-Eich-Straße ist ein Backsteinpfad, gesäumt von mächtigen Bäumen auf der einen und einer verfallenen Mauer zur anderen Seite. Sie zieht sich an einer parkähnlichen Anlage entlang und führt hinauf zur Oberstadt. Sie ist unscheinbar und deshalb zart idyllisch. Schweigend spazieren wir die Straße empor, lauschen dem Zwitschern der frühsommerlich streitenden Vögel und genießen den Wechsel von Baumschatten und Sonnenlicht. Meine Schwester bannt die Erhabenheit dieses Moments in ein Bild und wir blicken am Ende der Straße auf ihren Lauf zurück.

Straßenidyll, (c) Lea Latendorf

Hinter uns vernehmen wir das Tuckern eines Autos. Nebenher läuft ein braun-weißer Hund. Der Wagen hält und wir erkennen den Mann der Pfarrerin. Er drückt mir Prospekte über die Kirchengemeinde, die ihm seine Frau gegeben hat, in die Hand und verabschiedet sich mit senkendem Strohhut und Lächeln. Wir winken ihm nach und treten den Weg zurück zu unserer kleinen Kutsche an.

Der weiße Flieder

Erschöpft und gleichermaßen begeistert verlassen wir, Fontane gleich, wenig wehmütig Lebus: „Nun aber Kommandowort vom Radkasten aus, und unser Dampfer schaufelt weiter. Lebus liegt zurück, […]“[1] Während meine Schwester von ihrer inneren Landkarte Lebus als Entdeckungs- und Erkundungsort fortstreichen kann, haben sich auf meiner literarischen helle Flecken in farbige Tupfer verwandelt. Es wurde der Schatten der Unwissenheit ob einer Verbindung zweier sonst differenter Schriftsteller vertrieben, es wurden Erkenntnisse über eine alte, ehemals prächtige, nun im Einzugsgebiete Frankfurts (Oder) zu verschwinden drohende Stadt gewonnen und es wurden Bekanntschaften mit freundlichen und begeistert erzählenden Menschen geschlossen.

Der weiße Flieder, (c) Lea Latendorf

Abschließend zu dieser, unserer, meiner Reise bleibt dieses symbolhafte Bild eines weißen Flieders, der stellvertretend für die Entdeckung eines unbekannten Ortes, eines verborgenen Zusammenhangs und eines bislang unbewusst wahrgenommenen Gefühls steht. Und daneben die immer wieder aufkeimende Erinnerung an diesen Tag.

 

[1] Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2: Das Oderland. Hg. v. Gotthard Erler und Rudolf Mingau. Berlin: Aufbau 1997, S. 17.

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