Und kommen Sie gut aufs Gehöft!

Fontane.200: Einblicke in die Vorbereitungen des Jubiläums des zweihundertsten Geburtstages Theodor Fontane im Jahr 2019

Ein Freitagabend in der Schaubühne zur weiteren Einstimmung auf das Jubiläum, dieses Mal von und mit Rainald Grebe.

Ich hatte mit einiger Mühe noch Karten für die Vorstellung bekommen und war nun neugierig auf die in Aussicht gestellten Einblicke aber auch etwas skeptisch. Grebe ist Liedermacher und mir bislang als Regisseur noch nicht bekannt. Da es sich jedoch lohnt, die eigenen Vorurteile zu überprüfen, galt meine ganze Aufmerksamkeit der Dramaturgie des Abends, den Texten und der Sprache. Die Sprache, oder besser das Sprechen ließ in letzter Zeit in Berlins Theatern so manchen Wunsch nach Könnern offen.

Saallicht aus! Es beginnt mit einem Einspieler: Videofilm einer Schulklasse, alle Schüler sind fast im Greisenalter. Eine Frau, sie trägt ihr dünnes weißes Haar zu zwei Zöpfchen geflochten und ist mit einer berüschten Kinderlatzschürze gekleidet, steht auf und beginnt „Herr Ribbeck von Ribbeck im Havelland“ sich mühsam erinnernd zu rezitieren. Sie spricht das Gedicht aber nicht zu Ende und schließt mit:

Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.

Wenn das Sterben am Beginn eines Abends steht, lässt das nichts Gutes erahnen!

Ginge es um einen Film, müsste jetzt der Schnitt mit einem Perspektivwechsel kommen. Und das sollte der Abend mit seinem aneinandergereihten lockeren, unterhaltsamen und teilweise putzigen Szenenallerlei wohl auch sein. Ein Wechsel der Perspektive, dachte ich mir, gut, doch in welche Richtung war noch unklar. Der nächste „Take“: Ein Schauspieler rollt auf einem Bürorollstuhl auf die Bühne, macht ein paar Späßchen mit dem Publikum: Wer kennt Theodor Fontane? Fast alle Hände gehen nach oben. Wer hat Effi Briest gelesen?“ Wieder spielt das Publikum mit und es melden sich sehr viele Besucher. Und nun: Wer hat noch etwas anderes von Fontane als Effi Briest gelesen? Es waren noch immer genug Hände oben. Er beendet, zufrieden mit dem Publikum seine launige Fragesequenz und spielt nun einen sehr lauten brandenburgischen Radiomoderator. Den allerdings überzeugend. Seine Informationen über Land, Leute und Verkehr schließt er regelmäßig mit einem Jingle und dem Slogan Und kommen Sie gut aufs Gehöft! Aufgrund der Herkunft seiner Familie aus Bosnien, lässt er das Publikum noch wissen, sei es ihm egal, wie er die brandenburgischen Ortsnamen ausspricht. Aus Gransee wird in seinen Verkehrsmeldungen Granse, aus Storkow Storkoff, naja.

Im Hintergrund läuft derweil wieder ein Video, dieses Mal von Landstraßen mit menschenleerer nebliger Herbstlandschaft und Musik, das uns Zuschauern vorführen soll, wie langweilig und deprimierend das Wandern durch die Mark Brandenburg ist. Nur schneller und aus der Perspektive eines Autowanderers gefilmt. Schließlich sind seit Fontanes letzter Wanderung mehr als 120 Jahre vergangen, und so wandern wir eben motorisiert. Bei mir weckten die Videobilder allerdings eine andere Assoziation als die beabsichtigte. Wie schön, Landschaft ohne Menschen, da ist also noch Ruhe und Platz.

Es folgen: eine hyperaktive Frau mit einer Virtual-Reality-Brille die sie in Fontane-Romanfiguren hineinkriechen und ekstatisch hineinfühlen lässt; eine mit Holzpuppen und Pappmaché gespielte Szene der Kriegsberichterstattung Fontanes über den deutsch-dänischen Krieg dann abgefilmtes Figurinentheater und Séancen, die an hoch über dem Publikum schwebendem Mobiliar stattfinden.

Natürlich wird auch diese Juxerei für uns mit dem Video eingefangen. Ach ja, und der rote Hahn aus dem Stechlin hat ebenso wie ein Fisch noch eine tragende Rolle an diesem Abend. Und wenn es nur Rainald Grebe mit einer Gummimaske und Schwimmflossen an den Füßen ist.

Zu erwähnen sind zwei Spielszenen,  die die Drolligkeit und Albernheit des Abends für ein kurzes Intermezzo unterbrechen. Es werden Passagen aus dem Briefwechsel Theodor Fontane mit seiner Frau Emilie gelesen. Die Eheleute tauschen sich über Alltägliches aber auch über das gemeinsame Leid und die Trauer wegen eines nach der Geburt verstorbenen Kindes aus. Fontane teilt Emilie seine Entscheidung mit, das Amt des Sekretärs der Preußischen Akademie mit einem gesicherten Salär und der Aussicht auf einen sorgenfreien Lebensabend mit 57 Jahren in die ungewisse Freiheit einer reinen Schriftstellerexistenz zu tauschen.  Ihre harte Reaktion erschüttert ihn, er hatte sich auch für diesen Schritt ihre rettende Hand erhofft.

In diesem Moment hatte ich wieder die Hoffnung, dass aus dem Abend etwas werden könnte. Denn nicht nur die Einblicke in die Jubiläumsvorbereitungen wären interessant gewesen, sondern auch Antworten darauf, warum dieses Jubiläum so groß begangen wird. Als eine Schauspielerin die Bühne aufräumt, auf der zuvor in hektischer Folge ansatzweise ein paar Fontane-Romane mit fliegendem Perücken- und Kostümwechsel zusammengeschustert wurden, wusste ich, daraus wird nichts mehr. Sie lässt Fontanes Romane im sogenannten Bechdel-Test durchfallen (es gibt mindestens zwei Frauen// ja, bestanden// die ein Gespräch miteinander führen// ja, bestanden// in dem es um etwas anderes als einen Mann geht// nein!, durchgefallen//) und spricht zum Publikum:

Ich will ihm nicht zu nahe treten… aber das sind eigentlich Groschenromane, was er da geschrieben hat. Ein Groschen- oder Heftroman ist eine fiktive Liebesgeschichte im epischen Präteritum, in 20-30 Kapiteln, ohne Rückblenden und chronologisch erzählt. Und natürlich ein Schicksalsschlag. Schwangerschaft, Krankheit, Tod. Oder ein Standesunterschied. Der Standesunterschied ist bis heute der Mercedes unter den Schicksalsschlägen.

„Stimmt“, sagt der Autor Dirk Pilz in der Berliner Zeitung vom 15. Januar 2018 zu dieser Szene und schreibt weiter: „Was allerdings auch stimmt: So launig und unterhaltsam dieser Abend ist, so berechtigt er nach dem Sinn und Unsinn des kulturbetrieblichen Gedenkens fragt und vor einer Vereinnahmung Fontanes durch die AfD zu warnen versteht – sie machen es sich hier sehr lang sehr einfach und spötteln entspannt über die ja leider gar nicht so veralteten Frauen-, Männer- und Gesellschaftsbilder herum und trauen sich nur sekundenweise vom Spottsockel herunter auf eine eigene Haltung. Schade drum.“

Ja, schade drum. Die Sache mit dem Standesunterschied muss heute kein Schicksalsschlag mehr sein, aber weg sind diese Unterschiede zwischen den „Ständen“ bei weitem nicht! Sie zeigen sich wieder in unserer Gesellschaft zwischen oben und unten, arm und reich, gebildet und zu wenig ausgebildet um teilzuhaben. Und vielleicht hätten sie mit einer eigenen Haltung auch die Frage beantworten können, warum Fontanes Werk heute noch aktuell ist und warum es wertvoll sein kann, sich damit zu beschäftigen. Dass es sich lohnt, dass heute noch reihenweise Abiturienten über Effi Briest eine Klausur schreiben müssen. Und sei es, um sich mit der eigenen Kultur- und Literaturgeschichte zu befassen und über die Zeit, in der Fontane und seine Protagonisten lebten, etwas zu erfahren.

Die Schaubühne hat sich keinen Gefallen getan, Rainald Grebe den Bühnenschnickschnack über Theodor Fontane anlässlich des bevorstehenden Jubiläums veranstalten zu lassen. Theater und Autor haben eine Chance verpasst. Grebe hat in einem Interview zum Anlass und zu Fontane gesagt „Ich stehe nicht so auf Historismus.“ Gut, ist auch eine Haltung. Dann aber bitte nicht konzeptionslos ein Thema verwursten, das man blöd findet.

Letzte Gedanken: Ausgehend von der Frage zu Beginn unseres Sommersemesters, was der Grund für die Institutionalisierung von Autoren durch Politiker und gesellschaftliche Kräfte mit einem messbaren Einflusspotential, also auch dem kulturbetrieblichen Gedenken sein könnte, sind nach meiner Auffassung andere vorher gehende Fragen zu beantworten: Was ist der Grund für nationales Erinnern als Teil der Kulturgeschichte Deutschlands und ist dieses kulturgeschichtliche Erinnern wichtig? Es ist leider zu konstatieren, dass ein Teil der Bevölkerung dem kulturellen Erinnern als Teil einer nationalen Identität relativ ahnungslos gegenübersteht. Das wurde leider in einem der vielen Videoeinspielfilme am Freitagabend bei Straßeninterviews zu Theodor Fontane und dem kommenden Jubiläum in einer Befragung von älteren und von jüngeren Menschen bestätigt.

Das Programmheft mit Texten von Sebastian Haffner, Gerhart Hauptmann und Kurt Tucholsky zu und über Theodor Fontane ist großartig. Sebastian Haffner, Wolfgang Venohr „Preußische Profile“, Ullstein Sachbuch Frankfurt a. M., Berlin 1982, Seite 116-129; Gerhart Hauptmann, Mein größter Protektor und Kurt Tucholsky, Fontane und seine Zeit.

Fotos: ©Thomas Aurin.

 

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