Lothar Weigert zum Gedächtnis – Ein Nachruf

 In seinem 82. Jahr ist Lothar Weigert am 29. Januar 2019 in Berlin gestorben. Die Öffentlichkeit kennt seinen Namen nicht, es wird kaum Nachrufe in den Zeitungen geben, die Beerdigungsfeier wird wenig Menschen mehr als die Familie und Freundschaften vereinen. Nur einem kleinen Kreis innerhalb der Fontane-Forschung ist Weigert ein Begriff. Er war mit einigen biographischen Studien hervorgetreten, die sich unbekannten Personen aus Fontanes Umkreis widmeten: etwa dem Garnisonschullehrer Hermann Wagener (Fontane Blätter 83/2007), dem Hofprediger Carl Windel (Fontane Blätter 91/2011) oder dem Sekretär der Akademie der Künste Karl Friedrich Zöllner (Fontane Blätter 98/2014). Auch eine sorgfältige Studie zum Wanderungen-Kapitel „Der Schwielow und seine Umgebungen“ (Fontane Blätter 87/2009) ist zu nennen.

Wer Weigert sah, sah in ein freundliches Gesicht, das eine gewisse Strenge nicht leugnen mochte. Die Strenge trat hervor, beließ man es nicht bei einem Plaudergespräch, wie es sich leichthin auf Tagungen und in Vortragspausen ergab, sondern nahm Kurs auf ein Thema, das Weigert am Herzen lag. Dann strafften sich die Gesichtszüge, die Stimme hob an, und der Körper stellte sich spürbar in den Dienst des Mitzuteilenden. So fern es ihm stand, andere mit seinen Forschungsneigungen zu behelligen, so unübersehbar war sein Wohlbehagen, hatte er einen Gesprächspartner gefunden, der sein Interesse teilte. Das im akademischen Betrieb übliche, quälende Selbstinszenieren und permanente Netzwerken kam ihm nicht einen Augenblick in den Sinn.

Von Haus aus – und damit hatte er sein aktives Berufsleben bestritten und seine Familie ernährt – war Lothar Weigert Ingenieur. Erst als der Ruhestand ihm Zeit und Gelegenheit bot, gab er den wohl schon länger sich regenden Erkundungsreizen nach und nahm Fontane-Spuren auf. Schnell einmal einen Text aufs Papier und vielleicht gar in den Druck zu bringen, war ihm dabei etwas Abwegiges. Unerschlossenes, Offenes, Unbekanntes in Gründlichkeit auszukundschaften – das lockte ihn, unwiderstehlich. Er wollte in verstaubten Archivmagazinen stöbern, abgelegene und übersehene Blätter ausfindig machen und Dunkelstellen, die die Forschung vernachlässigt oder für unerheblich erklärt hatte, ausleuchten. Wo andere kapituliert hatten, wo die Mühen zu groß, der Ertrag zu gering erschien, und wo selbst ausgewiesene Wissenschaftler sich Lässigkeit erlaubten, da setzte Lothar Weigert an. Still, ernst, umsichtig.

Ein solches Feld hatte er vor einigen Jahren ausfindig gemacht: die Berliner Zweigstelle der Deutschen Schiller-Stiftung. Sie war am 21. Juli 1855 in Fontanes Wohnung gegründet worden. Allerlei Wissenssplitter waren verstreut auf zahlreiche Publikationen, Richtiges war mit Unrichtigem vermischt, Vermutetes mit Faktischem verwoben. Die Akten, die es zu sichten galt, waren seiner Zeit so umständlich angelegt worden, dass alles Wissenswerte und -nötige begraben, wenn nicht auf ewig verborgen war. Diese Ausgangslage war nach Weigerts Geschmack. Er reiste viele Male nach Weimar, durchforstete unermüdlich das Theodor-Fontane-Archiv, wühlte sich in Gedrucktes wie Ungedrucktes. Langsam, in kleinen Schritten, bedachtsam. Das mediale Spektrum durchzudeklinieren und auf Facebook über Twitter bis zu einer eigenen Homepage davon und vor allem von sich reden zu machen: um Gottes willen! „Ich muss erst einmal sehen, was da so zusammenkommt, hab‘ schon viel, aber noch viel zu viele Lücken“, sagte er, wenn ihn jemand drängte, sich auf jene ‚Höhe der Zeit‘ zu begeben, ohne die es doch längst nicht mehr ginge … Ihm indes kam es lächerlich vor, einen Claim abzustecken oder Pfründe zu sichern. Ehe er mit irgendetwas in die Öffentlichkeit zu treten gedachte, musste dieses Irgendetwas Hand und Fuß haben – und seine gültige Gestalt.

Wir kamen ins Gespräch, spät, aber nicht zu spät. Ich weiß nicht mehr, wann genau – aber ich erinnere mich an das angenehme und warmherzige Gefühl, das es hinterließ, und an die gegenseitige Sympathie, die von Beginn da war. Was ihn interessierte, interessierte mich. Und umgekehrt wohl auch. Einmal referierten wir beide im Rahmen einer Fontane-Veranstaltung, das war schön. Wir lächelten uns vorher zu und waren beide etwas aufgeregt. Er glaubte mir meine Anspannung nicht, und ich beschwichtigte ihn, warum solle er nervös sein. Als der gemeinsame Vormittag hinter uns lag, schüttelten wir einander, ohne viele Worte, aber mit ausgemachter Herzlichkeit die Hände. Nur für uns.

Im Dezember 2018 besuchte ich ihn erstmals bei sich daheim. Der aggressive Tumor hatte schon ein Großteil seiner bösartigen Arbeit verrichtet, so gründlich, als wolle er mit Weigert konkurrieren.  Der Körper war sichtbar gezeichnet, die Schwächung weit vorgeschritten, die Chemotherapie erzeugte Qualen, die der Angst vor dem Sterben das Entsetzen nahm. Mit einer handvoll Sätze entledigte sich Weigert der Höflichkeitspflicht, die ihm meine Nachfrage zu seinem Gesundheitszustand auferlegt hatte. Er wollte an den Computer. Mir zu zeigen, was er alles beisammenhabe, war sein Wunsch. Die Vorfreude darauf schob alles andere beiseite. Dass er in Klaus-Peter Möller, einem profunden Kenner aus dem Theodor-Fontane-Archiv, einen gütigen wie selbstlosen Helfer gefunden hatte, strich er – seine Augen leuchteten dabei – wieder und wieder heraus. Zwei gute Stunden saßen wir in seinem Wohnzimmer, er vor dem Bildschirm, ich hinter ihm, beide beobachtend. Im Treppenflur dann, nach dem Abschied, der so vertraulich ausfiel, als seien wir seit Jahr und Tag befreundet, holte ich tief Luft. Ich wusste nicht, was mich mehr berührt hatte: diese unbedingte Liebe zu einem Forschungsvorhaben oder die unbedingte Würde, mit der ein Mensch seinem Sterben entgegensah. Aufrecht, tapfer, gütig, bescheiden und stolz.

Am 11. Februar 2019 wird Lothar Weigert auf dem Friedhof Sacrow nach einer Trauerfeier in der dortigen Heilandskirche beigesetzt. Man wird „einen guten Mann begraben / Und mir war er mehr.“ (Matthias Claudius)

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