Der Birnbaum blüht bedrohlich…

Ein geringes Nebenwerk

Ich fürchte, man wird sich eingestehen müssen, daß Fontanes vier Kriminalgeschichten zu seinen geringeren Produktionen zählen. Zwischen Fontanes bedeutendsten artistischen Leistungen, wie „Unwiederbringlich“ und den „Poggenpuhls“ auf der einen, und „Ellernklipp“ oder „Unterm Birnbaum“ auf der anderen Seite, liegt eine ganze Welt; man wünschte, er hätte „Grete Minde“ nie veröffentlicht, „Ellernklipp“ nie geschrieben.[1]

Mutter Jeschke am Fenster, Titelblatt

Auch Theodor Fontanes Unterm Birnbaum gehörte lange Zeit für die wissenschaftliche Rezeption in die Reihe der „man wünschte, er hätte sie nie geschrieben“ Bücher. Die 1885 in der „Groteschen Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller“ veröffentlichte Kriminalnovelle wurde in der Literaturwissenschaft nur als Nebenwerk bedacht. Die harsche Kritik richtete sich im Kontrast zu Fontanes klassischen Gesellschaftsromanen gegen das überholte Genre der Kriminalnovelle und gegen die in ihren Positionen verharrenden Figuren. Doch jedwede Kritik an einem künstlerischen Werk basiert auf einer mal mehr, mal weniger subjektiven Interpretation. Was wiederum die Möglichkeit gibt, tiefer in die Geschichte hineinzuhören…

Der Rundfunkmann

Die Tradition, dass Romane von anderen Künsten adaptieren werden, entwickelte sich mit dem Aufkommen neuer Medien. Film und Funk erlebten Anfang des 20. Jahrhunderts einen schwindelerregenden Aufstieg. Ein Schriftsteller, der im Zuge dieser Entwicklung, den Lauf der Dinge erkannte und sich dem Medium des Funks verpflichtete, war Günter Eich. Bereits in den 1930er-Jahren arbeitete Eich für deutsche Funksender und schrieb für deren kulturelle Abteilungen Hörspiele. Doch erst einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg stieg er mit „Träume“ oder „Die Andere und Ich“ in den Hörspielolymp auf.[2]

Anfang der 1950er-Jahre begann der aus Lebus an der Oder stammende Eich sich mit Fontanes Kriminalgeschichte zu beschäftigen. Am 3. September 1951 lief die Hörspieladaption im Hessischen Rundfunk über den Äther. Mit den Erinnerungen an die Heimat und Herkunft konfrontiert, fokussierte Eich seine Bearbeitung von Fontanes Geschichte auf ihren Plot und stellte seinem Text ein Gedicht voraus. „Oder, mein Fluss“ leitete die Sendung ein und stellte ihr gleichzeitig eine erste Interpretation voran. Denn in den Versen Eichs versteckt sich mehr als eine Ode über die Heimat:

die Fähre in Lebus und das Haus
rechts der Oder, wo ich geboren bin,
die Schmiede in Podelzig und die Erzählungen
der Großmutter, die den Mörder Sternickel sah,

Wer kommt, geht bald wieder fort.
In Küstrin sah Friedrich, wie Katte enthauptet ward.
In Freienwalde besuchte Fontane seinen Vater.
Zerstört ist das Haus,
wo Kleist seine Kindheit verbrachte.[3]

Hören, Staunen, Gruseln

Unterhaltung zwischen Abel Hradschek und Mutter Jeschke, S. 91

Der „Mörder Sternickel“ kann als authentische Vorausdeutung auf das folgende Geschehen gelesen werden. Eich setzt eine implizite Markierung, die den Kriminalfall des Hörspiels zentriert. Als Beginn wird die Befragung von etwaigen Zeugen zum Verschwinden des Herrn Szulski durch den Justizrat installiert. Rückblenden schildern in aller Kürze die vorangegangenen Gegebenheiten und erst mit der Freilassung von Abel Hradschek nimmt die Geschichte ihren vom Buch Fontanes bekannten Fortgang auf. Dabei sind die Gespräche nur von wenigen Musikstücken hinterlegt – wenn dann vermitteln diese eine bedrückende, gar beklemmende Stimmung.

Eich legte überdies Wert auf das Gespenstische der Erzählung:

Der Titel von Fontanes Erzählung läßt eine Idylle erwarten, nicht das, was sie wirklich darstellt: Eine Kriminalgeschichte mit Grusel- und Gespenstereffekten. Gewiß gibt es da Birnbäume, Gartenhecken und Bauernblumen, aber unter dem Birnbaum ist ein Toter verborgen, durch die Hecken belauert ein Hexengesicht die Schritte der Nachbarn und über den Gärten liegt der Nebel und die Finsternis des bösen Gewissens.[4]

Als Zusatzeffekt manifestiert Eich zwei Wiedergängererscheinungen in seine Bearbeitung, die aus seiner Birnbaum-Interpretation entsprangen. Erst treibt der ermordete Herr Szulski die Mittäterin Frau Hradschek unter die Erde. Diese erscheint wiederum ihrem Mann und führt ihn in den Keller, wo der ermordete Szulski erneut auftaucht und für den Tod Abel Hradscheks als verantwortliche Instanz initiiert wird.

Die Tode im Keller

Dahingeschiedener Hradschek in seinem Keller, S. 130

Besonders jene letzte Szenerie erfreut sich unterschiedlicher Deutungen. Fontane selbst zeichnete Abel Hradscheks Angst, bei der Ausgrabung des Toten entdeckt zu werden, als Ursache seines Dahinscheidens. Eich führte den Tod durch die Erweckung der Toten herbei. Wieder anders legte Wolfgang Jäger in seiner Bearbeitung von 1948 das Ende des Mörders aus.[5] Dort ist es die Nachbarin Hradscheks, die schrullige, alte Mutter Jeschke, die den Spuk und damit auch ihren Nachbarn im Keller

verbarrikadiert.

Auffällig an den drei unterschiedlichen Varianten ist die jeweilige Fokussierung. Während die letztgenannte vor allem die Mutter Jeschke in den Mittelpunkt setzt, sind es bei Eich die Gespenster, die nötig für die Ausrichtung seiner Bearbeitung sind. Hieran lässt sich die Differenzierung einer vermeidlich „geringen“, „plumpen“, „nebenwerklichen“ Kriminalthematik erkennen. In ihrer Ausdeutung offenbaren sie dann die Breite des Stoffes.

Darüberhinaus…

Ausgrabung des toten Franzosen unterm Birnbaum, S. 75

Daher ist Theodor Fontanes Unterm Birnbaum mehr als eine schnell erzählte Kriminal- und Unterhaltungsgeschichte. Sie skizziert eine Dorfgemeinschaft im Oderbruch, kontrastiert sie mit der nicht fernen Berliner Gesellschaft und erkennt daran Menschentypen. Beispielsweise ist eine Mutter Jeschke als Typ in jedem brandenburgischen Dorf denkbar. Und auch die von Eich proklamierte Schauergeschichte des fontaneschen Stoffes weist tief in die Psychologie des Menschen. Die Angst vor der Sündenstrafe und überhaupt vor allem Übernatürlichen verdeutlicht einen Gesellschaftszustand, den LeserInnen von Fontanes Novelle nicht sofort entdecken.

Und hiermit sei nur eine Möglichkeit der Interpretation von Fontanes schmalen, knapp 150 Seiten starken Bändchen erwähnt. Es lohnt sich darin weiter zu schauen, tiefer zu hören und strenger zu ergründen, was als „geringes Nebenwerk“ verschrien ist.

 

Die Abbildungen stammen von Hainz Hamisch und sind der Ausgabe „Theodor Fontane: Unterm Birnbaum. Kriminalnovelle. Mit Illustrationen von Hainz Hamisch. Rudolstadt: Greifenverlag 1973“ entnommen.

[1] Zitat von Peter Demetz. Zitiert nach: Reinhard Döhl: Zu Günter Eichs „Unterm Birnbaum. Nach Theodor Fontane“. Südwestfunk vom 2. April 1977.

[2] Zu Günter Eichs Karriere im Rundfunk vgl. Hans-Ulrich Wagner: Günter Eich und der Rundfunk. Essay und Dokumentation. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg 1999.

[3] Günter Eich: Gesammelte Werke. In vier Bänden. Revidierte Ausgabe Bd. 2: Die Hörspiele 1. Hg. v. Karl Karst. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 515.

[4] Ebd.: Gesammelte Werke. In vier Bänden. Revidierte Ausgabe Bd. 4: Vermischte Schriften. Hg. v. Axel Vieregg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 492. Hierbei handelt es sich um eine Ankündigungsnotiz für die Neuproduktion des Hörspiels von 1961.

[5] Enthalten in „Fontane – Die große Hörspiel-Edition“.

2 comments

  1. Louisa Meier says:

    Wie wahr! Ein Plädoyer dafür, keine starre Trennlinie zwischen lesenswerten und nicht lesenswerten Texten ziehen zu wollen! Das Interessante ist doch, dass Fontane hier einen Mikrokosmos entwirft, in diesem vorurteilsbehaftete Gerüchte entstehen können, die zirkulieren und auf die jeweiligen Figuren einwirken. Das ganze Dorf wird mit einbezogen. Wie funktioniert das „tratschende Dorf“? Wie lässt es sich geschickt manipulieren? Genau dieses „Tratschen“ bezieht Hradschek in seine Planungen mit ein. Auch die Erzählweise ist ausgeklügelt, besonders aufgrund der figurenperspektivischen Bindung an zentralen Stellen. LeserInnen / HörerInnen werden in ein verwobenes Spiel aus Verborgenem und zu Enthüllendem, Erwartung und dem Unterlaufen dieser gestellt, was das gerüchtespinnende Kollektiv des Dorfes nur noch verkompliziert. Dahingehend lässt sich der Text absolut von einer „leichten“, trivialen Kriminalgeschichte unterscheiden.

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