Kein Fall für die Mottenkiste – eine ZDF-Online-Umfrage

Wer im medialen Netz herumstöbert, weil er einfach nicht genug „Fontane“ haben kann, der stößt – vielleicht – auf eine Umfrage des Zweiten Deutschen Fernsehens. Der Redakteur Michael Kniess streute vier Fragen in die Runde, deren Antworten er zu einem kleinen Potpourri zusammenschnitt: „Kein Fall für die Mottenkiste“. Da es seinen Reiz haben mag, die vollständigen Erwiderungen zu kennen, möchte ich den Anfang machen und meine diesem Blog anvertrauen. Schön wäre es, wenn sich die anderen Befragten dem anschließen – sie sind herzlich willkommen.

 

1) Welchen Stellenwert hat Fontane für die deutsche Kulturlandschaft aus Ihrer Sicht?
Im Seminar griffe ich als erste die Formel „deutsche Kulturlandschaft“ auf – und benötigte dann, vermutlich, eine geraume Zeit, ehe Fontane dabei ins Spiel käme. Das rundum Wohltuende an Fontane ist, dass er sich in seiner bürgerlichen wie literarischen Existenz auf einer breiten Skala an Möglichkeiten bewegte, die ihm die Zeit anbot. Wer ihn verklären will, muss sich klar darüber sein, dass er in ihm selbst den schärfsten Widersacher hat. Sich mit ihm zu beschäftigen, heißt einem buntes Bild des sozialen und poetischen Wechsel- und Widerspiels im preußisch-deutschen 19. Jahrhundert zu begegnen. Er war, gewissermaßen, eine Achsengestalt, an der sich erfahren lässt, wie Politik, Kultur und Literatur miteinander in ein Spannungsverhältnis gerieten und entspannte Zeiten erlebten. Darin ist er nicht austauschbar, nach einem vergleichbaren Schriftsteller von Rang jener Jahrzehnte innerhalb Preußens und Deutschland muss man suchen. Dass er das Preußische verehrte und veriss, dass er ein vaterländischer Schriftsteller war und ein Kritiker des Preußentums – und das in literarischen Texten von hohem Rang, prägt seinen Stellenwert. Sein Erzählwerk seit Ende der siebziger Jahre hat bis heute nichts an Glanz und Eigensinn verloren. Es gilt nach wie vor, was Uwe Johnson so formulierte: „wenn wir wissen wollen, was unsere Vorgeschichte in den letzten vierzig Jahren des 19. Jahrhunderts ist, dann werden wir eben nicht mehr vordringlich zu Bismarck greifen oder zu Bülows oder zu Caprivis und zu Bethmann-Hollwegs Erinnerungen, wir werden Fontane lesen, und da werden wir ein Bild der Gesellschaft bekommen, wo die konkreten Einzelheiten und das Verhalten der Personen uns viel mehr überzeugen. Und das wird dann allmählich unser 19. Jahrhundert werden. Dadurch ist dann die Literatur eine Macht.“ (Uwe Johnson im Gespräch mit Manfred Durzak, 1976)

2) An welches seiner Werke erinnern Sie sich besonders, und warum ist Ihnen dieses in Erinnerung geblieben?
Als Hochschullehrer und Vorsitzender der Theodor Fontane Gesellschaft unter- und überfordert mich diese Frage in einem. Vielleicht an „Effi Briest“, weil meine Deutschlehrerin diesen Text in einen Pool von Punkten zog, wo er mir unterging und die Punkte im Halse stecken blieben – bis ich das Buch erneut las, nach meinem Germanistikstudium schon, und glücklich war über die Tränen, die mir – spät am Abend, als ich am Schluss angelangt war – in den Augen standen. Heute gehe ich nie ohne den „Stechlin“ auf längere Reisen – in der Hoffnung, seinen Erzählklang auch dann noch im Ohr zu behalten, wenn Vergessen beginnt, mir mein Gedächtnis zu nehmen.

3) Warum bzw. inwiefern ist für Sie Fontane auch an seinem 200. Geburtstag noch aktuell?
Weil es „ihm“ tatsächlich gelungen ist, diesen ganzen merkwürdigen kulturpolitischen Betrieb so in Bewegung zu setzen, dass plötzlich ‚alle Welt‘ von Fontane spricht. Das ist großartig, und es ist absolut verrückt. Auch wenn es nur ein Jahr währt, und vielleicht schon jetzt die ersten zusammenzucken, wenn sein Name schon wieder fällt. Aktuell-Sein ist eine heikle Größe, schwer ausmessbar. Es steht mir fern, akademisch zu kneten und zu pressen. Aber wie in seinen Romane Menschen Leben gewinnen, in dem sie an ihm leiden oder es für kurze Augenblicke als Glück erfahren – oder wie geschriebene und ungeschriebene Gesetze hineinwirken in ein Dasein, so dass es daran würgt und im schlimmsten Falle von ihm erwürgt wird: Das ist und bleibt faszinierend. Wie historisch die Gewänder auch erscheinen, in die diese Geschichten gehüllt sind, sie enthüllen Existentielles: pathetisch zuweilen, ironisch zuweilen, punktgenau immer.

4) Was macht für Sie den Reiz aus, sich mit Fontane zu beschäftigen?
Erlauben Sie eine leichtfüßige und eine etwa schwerer auftretende Antwort. Die leichtfüßige: Ich bin in Fontane einem in seinen Worten überlieferten Menschen begegnet, der mir Lebensbegleiter geworden ist. Peter Wruck, der mein Lehrer und mein Freund gewesen ist, hat einmal gesagt: „Wissen Sie, warum ich bei Fontane geblieben bin? Ich kann mit ihm lachen.“ Ja, er lässt mich wieder und wieder über diese Merkwürdigkeit, die Leben ist, lachen. Das kann ich ihm gar nicht hoch genug anrechnen. Die etwas schwergewichtigere Antwort: Sein Schreiben birgt für mich nach wie vor eine Welt von Pro und Kontra, von Erkennen und Verkennen. Ich fühle mich angezogen und auch in Abwehr. Ich muss mich mit dem klugen Kopf, dem Antijüdisches aus der Feder kam, so ernsthaft befassen, wie mit dem windigen Journalisten, in dem ein Feuilletonist von höchsten Gnaden steckte. Dabei haben die Dinge, die er berührte, nicht selten und nach wie vor verblüffende Anziehungskraft.

5) Ihre Geburtstagswünsche an Fontane lauten –
einem Toten Geburtstagswünsche? Nun denn: dass er diese Feierei gut übersteht und – viele Menschen in die Theodor Fontane Gesellschaft lockt. Denn da ist er allzeit-gegenwärtig.

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