Theodor Fontane im Hans-Otto-Theater Potsdam – „Ich wollte, mein Gedicht könnte singen.“

Peter Härtling sprach diesen Dichterwunsch aus – „Ich wollte, mein Gedicht könnte singen“. Theodor Fontane wird er zum 200. Geburtstag erfüllt: in Potsdam in der Box der Reithalle des Hans-Otto-Theaters. Gedichte und Balladen werden von den beiden stimmkräftigen und sprachmächtigen Schauspielerinnen Franziska Melzer und Ulrike Beerbaum gesungen. Auch der Komponist der außergewöhnlich schönen Vertonungen, David Loscher, ist dabei. Er singt und trommelt, spielt Gitarre, Kontrabass und Akkordeon. Die musikalische Begleitung vollendet konzertant die Pianistin Rita Herzog am Flügel. Ein ganzes Dichterleben wird in anderthalb Stunden zum Klingen gebracht. Es ertönen Fontanes Dichtungen:

Alles still (1851)
Frühling (1851)
Guter Rat (1849)
Minna (1853)
Im Garten (1895)
Die zwei Raben (1855)
John Maynard (1886)
An Emilie (1868)
Würd‘ es mir fehlen, würd‘ ich’s vermissen? (1888)
Summa Summarum (aus dem Nachlass)
Als ich zwei dicke Bände herausgab (1898)
Mein Leben (um 1892)
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (1889)

Echt und lebensnah erschallt im Wechselgesang von Franziska Melzer, Ulrike Beerbaum und David Loscher die zeitlose Ballade vom Steuermann John Maynard in der Mitte des Abends, den recht feierlich der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland beschließt. Sein heiterer Grundton ist aus Fontanes Roman Meine Kinderjahre übernommen. Er wird angestimmt mit einer Schubkarre als Wiege. Umgekippt als Barrikade erinnert sich darin der junge Apotheker an den „18. März“ (1848), wie er ein verrostetes Gewehr aus einem Theaterfundus vergeblich mit Pulver lud.

Wenn die beiden Komödiantinnen fast artistisch mit Schaukel, Rechen, Spaten, Schaufel, Doppelleiter, Salbeitöpfen, Birnenkorb und Baumkuchen durch die Halle wirbeln, kommt immer der Dichter selbst zu Wort. Da empfindet das Publikum keine Spur von Staub. Es ist sogar in die Handlung einbezogen in zwei überraschenden Szenen: die gelungene Verkostung eines knusprigen ockerfarbenen Baumkuchens als „Große Gesellschaft“ der Apothekerfamilie in Swinemünde sowie der „Tunnel über der Spree“ im Zuschauerraum über der Bühne, in dem der angehende junge Schriftsteller Zuschauer im Publikum als Mitglieder des Künstler- und Dichtervereins mit Handschlag begrüßt.

Augen und Ohren sind immer wieder auf den großen Baum inmitten der Bühne gerichtet mit Waldgeräuschen und Vogelgezwitscher im Hintergrund. Auf der kleinen Holzbank vor dem Baum werden Borkenstücke mit Textauszügen aus Fontanes Werken vom Stamm gebrochen und vorgelesen. Zu grünen Blättern mit Briefzitaten steigen die Gauklerinnen auf der Doppelleiter empor und tragen dort vor.

Am Ende sitzt das beglückte Quartett erleichtert und froh auf der Bank. Es ist dem Dichter so nah gekommen, dass sie ihrem Theo mit einer Bügelverschlussbierflasche zuprosten: „Auf dich, Theo!“ Der beim Öffnen geräuschvoll aufspringende Bügelverschluss wurde 1877 in Berlin erfunden. Ob die Regisseurin Anna Franziska Huber, der Bühnen- und Kostümgestalter Matthias Müller und die Dramaturgin Alexandra Engelmann dies gewusst haben?

„Auf dich, Theo! oder Der Staub vergeht, der Geist besteht“ heißt die Revue. Die nächsten grandiosen Fontaneabende sind im neuen Spielplan wünschenswert, denn Theodor Fontane hat am 30. Dezember 2019 seinen 200. Geburtstag. Ein kleines Faltblatt könnte diesen ideenreichen und bewegenden Abend über die ganze Spielzeit im Fontanejahr krönen. Einen großen Werbeträger für Theodor Fontane vor der Reithalle verdient dieses beeindruckende Kunstwerk des Hans-Otto-Theaters. Eine Filmproduktion dieser Aufführung würde dem unvergesslichen Augenblick Dauer verleihen.

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