Zum Tod von Erika Bruhns, Gründungsmitglied der Theodor Fontane Gesellschaft

Vorgestern, am 10. Juni 2019, ist Erika Bruhns, die ihre letzten Lebensjahre in der Seniorenresidenz „Rosenhof“ verbracht hat, hochbetagt verstorben.

Erika Bruhns, Juli 2018 im Garten des „Rosenhof“ / Foto: Roland Berbig

Mit dem Pfingstmontag als Sterbetag wäre sie, der Religion und Kirche nicht fremd waren, wohl einverstanden gewesen. Am 5. Mai hatte sie noch die Vollendung ihres 88. Lebensjahres feiern dürfen, lebenssatt im biblischen Sinne und im Bewusstsein der Last ihrer späten Tage. Gute und treue Freundschaften haben sie bis in die letzten Augenblicke begleitet. Sie starb behütet.

Nein, den Namen von Erika Bruhns zu googeln, erbringt nichts oder führt nur auf Fehlfährten. Doch alle, die schon in den frühen Jahren zur Theodor Fontane Gesellschaft stießen, werden gar nicht auf diesen Gedanken kommen. Ihnen steht die kleine, patente Person mit dem großen Engagement für ‚ihre‘ literarische Gesellschaft sofort lebhaft vor Augen. Immer adrett gekleidet, in allzeit gewagten Farben, die für sie kein Wagnis bedeuteten, und immer hellwach, hat sie sich gleich nach deren Gründung für diese Fontane-Welt ins Zeug gelegt. Und ins Zeug legen hieß für Erika Bruhns: mittun, organisieren, nicht schwadronieren. Ein Berufsleben als Lehrerin hatte sie geschult, sie wusste, wie man etwas auf die Beine stellt, wie man Menschen für eine Sache gewinnt und wie viel Durchsetzungskraft dabei zuweilen nötig ist.

So gehen die ersten märkischen Ausflüge während der Jahrestreffen auf ihre Kappe. Mit Dr. Otfried Keiler, dem ehemaligen Leiter des Fontane-Archivs, bildete sie ein reizvolles Gespann. Man kundschaftete einfallsreich Touren aus, testete Restaurants wie Cafés und prüfte die Alterstauglichkeit von Wegen aller Art. Als Westberlinerin – und Erika Bruhns war ein Prachtexemplar dieser ebenso geschichtsträchtigen wie originellen Gattung – brachte sie fröhliche Entdeckerlust mit, steckte voll zauberhafter Neugier und verlor selbst dann den Spaß nicht, wenn ihr dabei einmal Missliches widerfuhr. So bescherte ihr Gosen, in dem noch der Ungeist der „Stasi“ durch Flure und Fenster zu wehen schien, ein aufgebrochenes Auto – und eine bis ins hohe Alter haltbare Anekdote.

Einmal, auf einer Jahrestagung der Theodor Fontane Gesellschaft in Leipzig, schwänzten wir einen Vortrag.

Auf der TFG-Jahrestagung 2007 / Foto: Monika Stoye

Beim abendlichen Schlendern am Vortag waren wir auf eine Anzeige im Schaukasten der Thomaskirche gestoßen: ein Familiengottesdienst mit Orgel und Chor. Spätestens als wir in der Kirchbank saßen, schwand, was man schlechtes Gewissen nennt, und eine leichte, übermütige Stimmung rückte an dessen Stelle. Unvermutet hatten wir etwas aneinander entdeckt, was bis dahin verborgen geblieben war. Und der liebe Herrgott sah freundlich von oben auf uns herab, wie wir da leise plauderten, die anderen Kirchbesucher durchmusterten und eins mit Ort und Stunde waren.

 

Lange Zeit war eine Jahrestagung ohne Frau Bruhns nicht denkbar. Vorstandssitzungen, in denen sie fehlte, fehlte jenes erfrischende „Herz mit Schnauze“. Mag sein, das war vielleicht nicht jeder Manns Sache, aber immer wusste man, woran man und was Sache war. Kein verwinkeltes Taktieren, nichts von Intriganz und Intrigen. Die Karten im Lebensspiel von Erika Bruhns lagen offen auf dem Tisch. Und wen sie mochte, den mochte sie, sein Kredit war grenzenlos. Sie konnte ihn – oder gleichermaßen sie – mit einem so hinreißenden Lächeln bezaubern, dass aller Widerstand schmolz. Sympathie zu verschenken, liebte sie und genoss die Seelenfreude, wurde diese erwidert. Jene zuweilen sogar forsche Fähigkeit zur Zuneigung ist ihr gelohnt worden. Ein eng verbundener Mensch, der weit vor der Zeit dahinstarb und Trauer zurückließ, ermöglichte es, dass Erika Bruhns, sorgsam betreut, in schöner Umgebung das letzte schwere Wegstück gehen durfte. Sie bewahrte der Freundin ein stets dankbares Gedächtnis und genoss, vor allem in den ersten Jahren, die gediegene „Rosenhof“-Atmosphäre. Ihr natürliches Wesen stiftete Befreundungen, ein Lesekreis, den sie mit Lektüre anzuregen verstand, gab Halt.

Freilich: Ging ihr etwas gegen den Strich, fühlte sie sich hochmütig behandelt oder hatte sie eine Ungezogenheit zu kassieren, dann war sie wehrhaft. Als sie von einigen Menschen, denen sie sich verbunden wusste, nicht mehr besucht wurde, mischten sich Trauer und Enttäuschung mit Verbitterung. Sie wusste, dass „Altwerden nichts für Feiglinge“ war. Unleidlich mochte sie dem Tag vorrechnen, was ihm gefehlt hatte und Unzulänglichkeiten auflisten.

Doch stand dann ein lächelnder Mensch vor ihr, schob jemand sie in den Garten hinaus oder lag ein – vielleicht sogar gezeichneter – Kartengruß auf ihrem Tisch, dann kehrte es zurück, dieses glückhafte Lächeln. Sie hat es durch ein Leben mitgenommen und ein Leben lang war es ihr verlässlicher Geleitschutz. Wer es in Erinnerung behält, wird den Menschen, zu dem es gehörte, nicht vergessen.

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