„Rothaarig, sommersprossig, etwas faul“ – Fontanes poetischer Kramladenlehrling

Verse vom Ribbeck scheinen mit der mehr oder minder erfolgreichen Erfahrung des Deklinierens hinter Schulbänken verbunden. Von Fontanes Gedichten sind einige in der kollektiven Memoria verankert. Der jambisch alternierende Rhythmus des alten Zieten wird – einmal gehört – nicht so leicht vergessen. Auch die Ballade vom stoisch sitzenden Steuermann, der seine Passagiere sicher über den Erie-See fährt, oder die über eine einstürzende Brücke, an der drei Hexen rütteln: ja – dies sind stets die ersten Gedichte, die ich intuitiv mit dem Namen „Fontane“ verbinde. 

Ein weiteres Gedicht, was mir sofort in den Sinn kommt, ist Fritz Katzfuß (1888/1889). Hier verhält es sich jedoch anders. Keine Volkslied- oder Chevy-Chase-Strophen sorgen dafür, dass Verse rhythmisch klingend – in aller Leichtigkeit – im Gedächtnis bleiben. Blankverse lassen mich vielmehr eine Szenerie, den Charakter des titelgebenden Lehrlings ersinnen: kein allbekannter, überforderter Zauberlehrling, sondern:

Fritz Katzfuß war ein siebzehnjähr’ger Junge,
Rothaarig, sommersprossig, etwas faul,
Und stand in Lehre bei der Witwe Marzahn,
Die geizig war und einen Laden hatte,
Drin Hering, Schlackwurst, Datteln, Schweizerkäse,
Samt Pumpernickel, Lachs und Apfelsinen

Ein friedlich Dasein miteinander führten.
Und auf der hohen, etwas schmalen Leiter,
Mit ihren halb schon weggetretnen Sprossen,
Sprang unser Katzfuß, wenn die Mädchen kamen
Und Soda, Waschblau, Grieß, Korinthen wollten,
Geschäftig hin und her.

Form und Inhalt korrespondieren. Reimlose Verse und Enjambements erwecken den Eindruck des Schmucklosen, Prosaischen, Alltäglichen – eine Charakterstudie in Gedichtform? Eine lyrische Erzählung? Zuerst werden über den Protagonisten figurenperspektivische Urteile gefällt: „er ’nöle‘, / Sei wie verbiestert und durchaus kein ‚Katzfuß'“. Die Witwe Mahrzahn beschwert sich über den Verbleib des Lehrlings: „Wo der dumme Junge / Nur immer steckt?“ Bei einem zu vermutenden eindimensional schlichten Tollpatsch bleibt es jedoch nicht. Das voreingenommene Bild stimmt nicht mit der lyrischen „Sprecherinstanz“ des Gedichtes überein, welche die vorangegangen Urteile relativiert: „[…] kurz und gut, Fritz Katzfuß war ein Rätsel“. Allmählich wird sich dem ominösen Charakter genähert – polyphon und dialogisch – , um ihn hiernach selbst sprechen zu lassen: 

 […] „Arme Kreaturen,
Ihr glaubt mich dumm, ich bin der Überlegene.
Kramladenlehrling! Eure Welt ist Kram,
Und wenn ihr Waschblau fordert oder Stärke,
Blaut zu, so viel ihr wollt. Mein Blau ist der Himmel.“

Seine Aufgaben erledigt der Lehrling dürftig, schwerfällig. Die Dingwelt – mit all ihren Verpflichtungen und „Kram“ – bildet nicht seine favorisierte Sphäre. Unverstanden distanziert er sich. Durch Waschblau könnte gewinnbringendes Kapital geschlagen werden, doch seine Präferenzen liegen im poetischen „Himmelblau“, in der Sphäre der Literatur. Diese beiden Welten scheinen unvereinbar aufeinanderzuprallen, werden gar ins Groteske gesteigert, bringen den verächtlichen Spott:

 […] Die Witwe Mahrzahn aber
Schlich sich heran und nahm ein Buch (das war es)
Vom Boden auf und sah hinein: „Gedichte.
Gedichte, 1. Teil von Wolfgang Goethe.“
Zerlesen war’s und schlecht und abgestoßen
Und Zeichen eingelegt: ein Endchen Strippe,
Briefmarkenränder, und als dritt‘ und letztes,
(Zu glauben kaum), ein Streifen Schlagwurstpelle,
Die Seiten links und rechts, befleckt befettet,
Und oben stand, nun was? stand „Mignonlieder“
Und Witwe Marzahn las: „Dahin, dahin,

Möcht ich mit Dir, o mein Geliebter, ziehn.“

Und nun war es klar. Um so ‚was träg und langsam,
Um Goethe, Verse, Mignon.

Katzfuß ist kein Bibliophiler mit gut sortierter Bibliothek, in der sorgfältig Lederband für Lederband entstaubt wird. Er ist weder Bildungsbürger noch Aristokrat. „Hochkultur“ ist genau dort zu finden, wo wohl niemand sie vermutet hätte. Der euphorische Leser Fritz Katzfuß verschafft sich Zutritt zum literarischen Diskurs. Aufgrund seiner Position als Kramladenlehrling treffen hierdurch Schlagwurstpelle und Mignonlieder aufeinander.

Dezidiert dieses so kontrastreich gezeichnete Bild kommt mir unwillkürlich in den Sinn, werde ich nach einem Fontane-Gedicht gefragt. Es mag das Groteske, das Humorvolle sein, was es so erinnerungswürdig macht, ebenso der destruierende Blick hinter den für dumm gehaltenen Lehrling. Gesondert das Gefühl des deplatzierten Individuums, das zwischen prosaischer Arbeit und poetischen Neigungen schwankt, lässt mich stetig nachdenklich schmunzeln. Alltag, Pumpernickel und Schweizer Käse gegenüber den klassischen Versen Goethes, die durch den Kontext ihrer Einbettung im Bildungsroman Wilhelm Meister nochmal Implikationen generieren. 

Die lyrische „Sprecherinstanz“ scheint mit dem Schicksal zu sympathisieren: „Armer Lehrling“. Er wird zum „Vorbild“ und „Ideal“ stilisiert. Manche Interpreten sahen hierbei prägnante Parallelen zum Autor selbst, der sich aus widrigen Umständen Zugang zum „hohen Kanon“ der Literatur verschaffte. Inwieweit dies stimmen mag, soll hier nicht vertieft werden. Vielmehr soll dies die Freude an diversen Wurstwaren, die an unvermuteten Orten auftauchen, zeigen. Die Freude am Umgang mit Literatur, die selbst im Kramladen zu finden ist …

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