Potsdamer Orchesterwoche 2019 mit Konzertprogramm zu Fontane.200

Auch die Potsdamer Orchesterwoche steht in diesem Jahr unter dem Thema Fontane.200. Aufgeführt wird ein anspruchsvolles sinfonisches Programm:

  • Johannes Brahms, Tragische Ouvertüre d-Moll op. 81
  • Maurice Ravel, Valses Nobles et Sentimentales (Auszüge)
  • Gisbert Näther, Musikalischer Toast – Orchesterlieder für Bariton nach Texten von Theodor Fontane (Uraufführung)
  • Felix Mendelssohn-Bartholdy, Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 („Schottische“)

Leitung: Matthias Salge
Solist: Marcel Raschke

Konzerttermine:

  • Donnerstag, 27. Juni 2019, 19.00 Uhr, Paretz, Gutsscheune, Eintritt 10,-, ermäßigt 6,-
  • Freitag, 28. Juni 2019, 18.00 Uhr, Hermannswerder, Inselkirche, Eintritt frei, um eine Spende wird gebeten
  • Sonnabend, 29. Juni 2019, 17.00 Uhr, Lehnin, Klosterkirche, Eintritt frei, um eine Spende wird gebeten
  • Sonntag, 30. Juni 2019, Potsdam, Friedenskirche, Eintritt 10,-, ermäßigt 6,-

Uraufführung einer neuen Fontane-Komposition auf Potsdamer Orchesterwoche

Im Rahmen der Potsdamer Orchesterwoche wird in diesem Jahr ein neues Werk von Gisbert Näther uraufgeführt, das der Komponist Musikalischer Toast. Orchesterlieder für Bariton nach einem Text von Theodor Fontane genannt hat. Näther wurde bereits mehrfach durch Texte Fontanes zu seinen launigen und beliebten Kompositionen angeregt. Der Text, der ihn zu seinem jüngsten Werk angeregt hat, ist im Potsdamer Fontane-Archiv durch die eigenhändige Gedichthandschrift H 11 überliefert. Er wurde erst aus dem Nachlass veröffentlicht (GBA Gedichte III, S. 14). Zeitpunkt und Anlass der Entstehung sind nicht bekannt. Aufgrund der Handschrift wurde der Text auf 1845 datiert. „Wem bringen wir ein Vivat aus?“ fragt der Dichter in die Runde, und weil die versammelte Gesellschaft zerstritten ist und in verschiedene Parteien zerfällt, lässt er schließlich zwei Dinge hoch leben, die jeder liebt und jeder schätzt, den Wein und die Liebe. Die Handschrift selbst hat keinen Titel. Friedrich Fontane hat dem Text daher später seiner Abschrift (Ha 48) den Titel Toast in Form eines Trinkliedes auf die Liebe gegeben. In der Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe (GBA) wurde der Text mit dem Titel „Toast“ ediert. Hier der Text nach dieser Ausgabe:

Wir sind nicht weit vom letzten Gang,
Und bald versiegt der Wein;
Ich dächt, ein fröhlicher Gesang
Wird nicht so übel sein.
Ich dächt, wir stimmten endlich an,
Und jeder heult, so gut er kann
Trallala etc.

Wem bringen wir ein Vivat aus?
Ich schwanke hin und her.
Parteikampf ist auch hier zu Haus
Und macht die Wahl mir schwer,
Hier Realist, hier Humanist –
Der Teufel hol den alten Zwist.
Trallala etc.

Ich denk heut so, wie Raimund dacht:
Was streiten wir uns rum?
Wenn ich den einen ausgelacht,
Schilt mich der andre dumm.
Wir werfen all uns groß in Wix,
Und keiner weiß am Ende nix.
Trallala etc.

Was jeder liebt und jeder schätzt
Trotz hadernder Partein,
Was jeden Streit bei Seite setzt,
Das ist ein gut Glas Wein,
Das bleibe mir für meinen Toast
Im schlimmsten Fall ein letzter Trost.
Trallala etc.

Wohltätig wirkt der Rebensaft,
Der Feinde wieder eint,
Doch gibt es eine andre Kraft,
Die kennet keinen Feind,
Sie ist es, deren Wink und Ruf
Die Welt, das Licht und uns erschuf.
Trallala etc.

Und ihr – der Liebe – deren Arm
Auch diesen Kreis umschlingt,
Von der ein Lichtstrahl, frühlingswarm,
Uns all das Herz durchdringt,
Ihr wird – trotz feindlicher Partein,
Ein Glas gern zugetrunken sein.
Trallala etc.

Was für eine Melodie Fontane 1845 beim Schreiben dieses Textes im Ohr hatte, hat er selbst verraten: Es ist das von dem Tischler Valentin vorgetragene Hobellied, ein Couplet aus dem 1834 uraufgeführten Zaubermärchen Der Verschwender von Ferdinand Raimund, das Conradin Kreutzer vertont hat und das mit seinem gewinnenden Charme die Herzen aller Zuhörer eroberte. Fontane hat nicht nur das Metrum und die Strophenform nachgeahmt, er hat Raimunds Hobellied auch direkt genannt und Passagen daraus wörtlich zitiert.

Da streiten sich die Leut herum
Oft um den Wert des Glücks,
Der eine heißt den andern dumm,
Am End weiß keiner nix.
Da ist der allerärmste Mann
Der andre viel zu reich.
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt s’ beide gleich.

Die Jugend will halt stets mit Gwalt
In allen glücklich sein,
Doch wird man nur ein bissel alt,
Da find man sich schon drein.
Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut.
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
Und zupft mich: Brüderl, kumm!
Da stell ich mich im Anfang taub
Und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: Lieber Valentin!
Mach keine Umständ! Geh!
Da leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt Adje.

in Tischler, wenn sein War gefällt,
Hat manche frohe Stund,
Das Glück ist doch nicht in der Welt
Mit Reichtum bloß im Bund.
Seh ich soviel zufriednen Sinn,
Da flieht mich alles Weh.
Da leg ich nicht den Hobel hin,
Sag nicht der Kunst Adje!

(Valentins Hobellied, aus dem Zaubermärchen
Der Verschwender von Ferdinand Raimund, 1834)

Viele große Sänger haben das kleine Lied gesungen, der Hörbiger, die Dietrich, der Moser, sogar Peter Alexander. Hoffen wir, dass auch Gisbert Näthers Musikalischer Toast so viel Anklang finden wird. Fontane hat Raimunds Hobellied übrigens mehrfach parodiert.

Foto: Potsdamer Orchesterwoche, Probe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.