Fontane und Ibsens „Gespenster“

Besprechung der vierbändigen Ausgabe von Fontanes Theaterkritiken im Aufbau Verlag

Es ist der Editionsphilologin und Herausgeberin Debora Helmer zu verdanken, dass in diesem Jahr der großen Fontane-Lesegemeinde ein Einblick in eine weitgehend im Detail unbekannte Seite seines Schaffens ermöglicht wurde: die des leidenschaftlichen Theatergängers Fontanes und die des Theaterkritikers. Das Buch Theodor Fontane – Da sitzt das Scheusal wieder. Die besten Theaterkritiken, erschienen im Aufbau Verlag, ist als Hardcover-Ausgabe und E-Book erhältlich. „Auf seinem Stammplatz, dem Parkettplatz 23 im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, saß Theodor Fontane zum ersten Mal am 17. August 1870; man gab Schillers ‚Wilhelm Tell'“, so beginnt die Einführung ins Buch. Von 1870 bis 1890 hat er für die Vossische Zeitung ungefähr 700 Theaterkritiken verfasst. Er schrieb Haupt- und Nachtkritiken von denen Debora Helmer 46 ausgewählt hat.

Die über den legendären Schweizer Helden ist leider nicht dabei. In die Kategorien der Auswahlüberschriften muss man sich einlesen und in die Zeit denken. Unter „Urteile der höheren Instanz: Das Gesetz in unserer Brust“ finden sich Henrik Ibsen und die beiden Dramen Gespenster und Die Wildente. Es sind Autorennamen aufgezählt, die gegenwärtig wenig oder gänzlich unbekannt geworden sind; andere wiederum wie Ibsen sind für die Theaterwelt unsterblich. Den Auswahlüberschriften folgend findet man Kritiken über Theaterstücke, die noch heute auf unseren Bühnen gespielt werden.

Natürlich hat sich der Blick auf die Stücke im Verlauf der mehr als hundert Jahre verändert – durch gesellschaftlichen Wandel, neue Übersetzungen, Dramaturgie und Regie und auch durch die schauspielerische Umsetzung.

Fontane schrieb am 13. Januar 1887 nach Paul Schlenther und der Redaktion als dritter Rezensent der Vossischen Zeitung eine Kritik über das Stück Gespenster von Henrik Ibsen. Mit „Noch einmal Ibsen und seine ‚Gespenster'“ machte Fontane dem Leser zu Beginn klar, dass es ihm und der Vossischen wichtig war, dieses Stück noch einmal zu besprechen.

Bilder aus der Aufführung, die Fontane im Königlichen Schauspielhaus (heute: Konzerthaus) sah, habe ich nicht gefunden. Die ausgewählten Fotos zeigen Szenen aus der erfolgreichen Inszenierung von Thomas Langhoff, die im November 1983 Premiere hatte und mehr als 13 Jahre auf dem Spielplan der Kammerspiele des Deutschen Theaters in Berlin stand.

„Gespenster“ von Henrik Ibsen erlebt am 18.11.83 in den wiedereröffneten Kammerspielen seine Premiere. Unter der Regie von Thomas Langhoff spielen Inge Keller (l.) die Frau Alving, Ulrich Mühe (m.) den Sohn Osvald und Simone v. Zglinicki das Dienstmädchen Regine Engstrand (r.). Das norwegische Familiendrama ist eines der skandalumwitterten Stücke des 19. Jahrhunderts, das bei seinem Erscheinen einen Sturm der Entrüstung auslöste und erst an Berliner Bühnen erfolgreich wurde. – ADN-ZB-Reiche-18.11.83-schl-Berlin:

Die Figuren des Stücks sind: Die „einst so schöne Kammerherrin Alving“, die ihrem „libertinaire lebenden“ verstorbenen Mann zu Ehren ein gemeinnütziges Kinderasyl eröffnen will; ihr Sohn Osvald, unheilbar an Syphilis erkrankt und nach jahrelanger Abwesenheit vor Kurzem zu diesem Anlass heimgekommen; Pastor Manders, Moralist und Freund der Familie; Regine, Herr Alvings mit der Haushälterin gezeugte Tochter, und Regines von Frau Alving mit Geld und Schweigen gekaufter „Vater“ Tischler Engstrand. Die Gespenster erinnern an die damaligen Auffassungen von der Ehe und daran, dass die Toten noch immer über die Lebenden herrschen, dass alles scheinbar Verdeckte zum Vorschein kommt und dass es von auf der Gegenwart lastenden Lebenslügen kein Entkommen gibt. Fontane geht in der Kritik weder auf das Spiel der Akteure, noch auf Ausstattung oder Regie ein, sondern hinterfragt die inhaltliche Aussage des Stücks.

Was will Ibsen? Es sind zwei Sätze, die, wenn ich sein Stück recht verstanden habe, von ihm wie zwei Thesen an seine neue Wittenberger Schloßkirche geschlagen werden. Erste These: Wer sich verheirathen will, heirathe nach Neigung und nicht nach Geld. Zweite These: Wer sich dennoch nach Geld verheirathet hat und seines Irrthums gewahr wird, ja wohl gar gewahr wird, sich an einen Träger äußerster Libertinage gekettet zu haben, beeile sich seinen faux pas wieder gut zu machen, und wende sich, sobald ihm die Gelegenheit dazu wird, von dem Gegenstande seiner Mißbindung ab und dem Gegenstande seiner Liebe zu. Bleiben diese Thesen unerfüllt, so haben wir eine hingeschleppte, jedem Glück und jeder Sittlichkeit hohnsprechende Ehe, darin im Laufe der Jahre nichts zu finden ist als Lüge, Degout und Cretinschaft der Kinder. Physisches und geistiges Elend werden geboren, Schwächlinge, Jammerlappen, Imbeciles. So die Thesen, die das Ibsen’sche Drama, dessen Kunst und Technik ich rückhaltlos bewundere, zur Anschauung bringt. Sind diese Thesen richtig? Ich halte sie für falsch.

Das Gebaren der Menschen, beschrieben seit Jahrhunderten, zeigt auf, dass die Thesen ein Trugschluss sind. Auch in der Ehe, die wegen Geld, Stand, Pakt, Los und Übereinkommen geschlossen wird, so Fontane weiter, gilt der Grundsatz: „‚Die Liebe findet sich und wenn sie sich nicht findet, so schadet es nicht.‘ […] ‚Unter allen Umständen bleibt es mein Credo, daß, wenn von Uranfang an, statt aus Konnivenz und Vortheils-Erwägung, lediglich aus Liebe geheirathet wäre, der Weltbestand um kein Haarbreit besser sein würde, als er ist'“. Mit These zwei fordert Ibsen demgemäß, diejenigen, die sich an einen „Träger äußerster Libertinage gekettet haben“ geradezu auf, sich zu trennen und dem Gegenstands ihrer Liebe zuzuwenden „sobald ihm die Gelegenheit dazu wird“.

Habe ich These II hierin richtig definirt, ist Trennung der Ehe, wo Laster und Sünder vorliegen, nicht blos persönliches Recht, sondern unabweisliche Menschenpflicht, so kann, meines Erachtens, auch These II nicht bestehen.

Inge Keller (l.) als Frau Alving, Ulrich Mühe (m.) als Sohn Osvald und Simone v. Zglinicki als Dienstmädchen Regine Engstrand (r.) – Aus dem Buch Hans-Dieter Schütt: Inge Keller. Alles aufs Spiel gesetzt. Berlin: Das Neue Berlin 2007, S. 236.

Könnte man der fontaneschen Einschätzung zur Ablehnung der Thesen noch heute zustimmen? Zumindest teilweise, denn es ist leichter gesagt, als getan. Zuerst einmal muss ja der- oder diejenige getroffen werden, dem oder der man sich in Liebe zuwenden kann. Und wenn es dann geschieht, ist keine Sicherheit zu erwarten, dass diese Liebe all das hält, was sie zu versprechen scheint. Das Ehescheidungsgesetz ermöglichte eine Trennung auf Verlangen, bereits zu jener Zeit als das Stück entstand. Weshalb also dieser Appell an das Individuum in den Gespenstern? Was ist zu tun, wenn sich keine Gelegenheit bietet, sich dem Gegenstand seiner Liebe zuzuwenden? Und wie lebt es sich dann in dieser misslichen Situation, in die, in der Regel jedenfalls, Kinder hineingeboren werden? Ist Fontanes Fazit zu These II radikal, konservativ oder seine eigene Haltung zur Ehe? Bleibt die Beantwortung dieser Frage offen?

Wenn man seine Worte in der Eisenbahn in der er zur „Emanzipationssucht“ der Frauen in Frankreich, England und Amerika einen Artikel zur Vorlesung des Dr. Vehse schreibt, erschienen am 1. Dezember 1842, auch für den Fontane im Jahr 1887 gelten ließe, dass „Männer sich doch nach bewährter Manier mit einem deutschen Mädchen“ verbinden wollen, „wenn’s einmal nicht anders sein kann und das Herz uns zwingt, eine Freiheit mit Ketten zu vertauschen, die hoffentlich Rosenketten sind“ plädiert er doch scheinbar für die Entscheidung des Herzens. Vehse hatte über die jetzt immer dringlicher werdende Frauenfrage gesprochen. (tlw. zitiert aus: Theodor Fontane, Regina Dieterle, S. 224)

Inge Keller (l.) als Frau Alving und Ulrich Mühe (r.) als Sohn Osvald. – Aus dem Buch Hans-Dieter Schütt: Inge Keller. Alles aufs Spiel gesetzt. Berlin: Das Neue Berlin 2007, S. 240.

Nach Debora Helmer ist seine Sicht auf das Theater gekennzeichnet durch einen feuilletonistischen Blick, undogmatisch, unabhängig und entzieht sich eindeutiger Bewertung. Das Geschehen auf der Bühne soll das Leben künstlerisch verklären und nicht nur abbilden. Und so schließt Fontane seine Kritik mit:

All das, womit wir in diesen „Gespenstern“ geängstigt werden und zum Wechsel unserer sittlichen Anschauungen gedrängt werden sollen, ist uralten Datums. Sardapanale, kleine und große, historische und private, sind, durch alle Jahrhunderte hin, auf Thron und Lotterbett aufeinander gefolgt, ohne daß es die Menschheit sonderlich geschädigt hätte, sie hat es überdauert und wird es weiter überdauern. […] Unsere Zustände sind ein historisch Gewordenes, die wir als solche zu respektiren haben. Man modle sie, wo sie der Modlung bedürfen, aber man stülpe sie nicht um. Die größte aller Revolutionen würde es sein, wenn die Welt, wie Ibsen’s Evangelium es predigt, übereinkäme, an Stelle der alten, nur scheinbar prosaischen Ordnungsmächte die freie Herzensbestimmung zu setzen. Das wäre der Anfang vom Ende. Denn so groß und stark das menschliche Herz ist, eins ist noch größer: seine Gebrechlichkeit und seine wetterwendische Schwäche. Th. F.

Es lohnt sich auf jeden Fall, die Gespenster weiter auf die Bühnen zu bringen und ins Theater zu gehen. Wir sind gespannt auf die Modlung, die es immer wieder erfährt. Und was wollte Ibsen in seinem Stück darstellen? Die Realität und keine Verklärung. Und genau das war das Neue. Theater ist keine Blaupause für das Leben der Theaterbesucher. Es ist bestenfalls Unterhaltung und Anregung über die auf der Bühne dargestellte Sicht des Dichters, Dramatikers, Künstlers, über das Gegenwärtige nachzudenken.

 

Zit. wurde nach:

Theodor Fontane: Da sitzt das Scheusal wieder. Die besten Theaterkritiken. Hg. von Debora Helmer. Berlin: Aufbau 2018. ISBN 978-3-351-03-742-0

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