Agnes‘ rote Strümpfe und die Revolution der Sitte

Brandenburger Landschaft aus dem Auto fotografiert

Was sind die Vorzüge an Autourlaubsreisen? Unter anderem die Möglichkeit ein Hörbuch einlegen zu können und die Landschaft in Verbindung mit einem Bildungsgewinn vorbeihuschen zu sehen. Wesentliche Voraussetzungen für den Hörgenuss sind: ein brillanter Fahrer, der mit nicht mehr als 150 Stundenkilometern ohne abruptes Bremsen kutschiert – und sehr wenig Verkehr! Trifft der Autofahrer, pardon Kutscher, einen „Spielkameraden“, der seinem Pferdchen die Zügel locker lässt, spornt ihn das an, Gleiches zu tun. Ab 190 Kilometer die Stunde und den dann unabdingbar notwendigen Bremsmanövern hört keiner mehr zu. Die Hoffnung auf sehr wenig Verkehr hatte sich durch die Wahl einer untypischen Reisezeit erfüllt. Es geht an einem späten Sonntagnachmittag Richtung Norden. Stau ist nur auf der Gegenrichtung. Der erste Teil der Fahrt führt ein gutes Stück durch das Brandenburger Land und so fällt die Wahl für das Hörbuch auf Fontanes Der Stechlin. Es sollte sich ja lohnen bei fast 320 Kilometern bis zum Ziel.

CD Box – Theodor Fontane: Die großen Romane

Der Bordcomputer mit der Multimediafunktion wird aktiviert. Die Stimme Gert Westpfahls erklingt. Er ist der ideale Vorleser und Garant für maximale Aufmerksamkeit. Die ersten Sätze durchhallen das Auto:

Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette […]. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt „der Stechlin“.

Gert Westphal

Fahrer und Beifahrerin kennen den See von jährlichen Wanderungen und Radtouren sehr gut. Auf jedem längeren Urlaubsausflug wurden sie schon von Gert Westpfahl begleitet. Dieser vermag es, den jeweiligen Haupt-, Neben- und Randfiguren – geformt von Fontanes präziser, polyperspektivischer Charakterbeschreibung – einen unnachahmlichen akustischen Fingerabdruck zu verpassen: Laut, leise, geziert, nachdenklich, forsch, knallend harte Konsonanten, Dialekte. Westphal beherrscht die Klaviatur der schauspielernden Rhetorik virtuos. Der Roman macht durch die vorgelesene Lebendigkeit zusätzliche Freude. „Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben, und mit ihnen die Geschichte“, wie Fontane in einem Brief zur Vorankündigung an Adolf Herrmann 1897 schreibt, bestätigt sich. Als Ohrenzeugen sind die Reisenden jetzt Gäste auf Schloss Stechlin im Ruppiner Land, im Barbyschen Haus und machen den Ausflug ins Eierhäuschen mit.

Rote Kniestrümpfe wie sie Agnes strickt

Im 39. Kapitel will sich Baron Dubslav von Stechlin der schwesterlichen gut gemeinten, jedoch mit herrischer Bestimmung einhergehenden Krankenpflege Adelheids, der Domina von Kloster Wutz, mit einem kleinen Trick entledigen. Er lässt seinen Hausdiener Engelke Agnes, ein ungefähr zehnjähriges Mädchen aus dem Dorf, auf das Schloss holen. Sie ist die uneheliche Tochter von Karline und Enkeltochter der Kräuterhexe Frau Buschen. Nachdem Adelheid die Anwesenheit des Mädchens bemerkt hatte, beginnt sie ihren Bruder ob dieses eindeutig von ihr zu missbilligenden Vorgehens zu kritisieren und versteigt sich geradezu in absurder Argumentation. Agnes strickt an einem Strumpf, einem roten, und bestätigt, dass dieser für sie selbst sei. Allein die Tatsache, dass das Kind sich rote Strümpfe strickt, sei ein Zeichen, so Adelheid, nur kein gutes.

„Adelheid, du regst dich auf. Und ich frage mich warum? Du bist ein bißchen gegen die Buschen – nun gut, gegen die Buschen kann man sein; und du bist ein bißchen gegen die Karline – nun gut, gegen die Karline kann man auch sein. Aber ich sehe dir’s an, das Eigentliche, was dich aufregt, das ist nicht die Buschen und auch nicht die Karline, das sind bloß die roten Strümpfe. Warum bist du so sehr gegen die roten Strümpfe?“ – „Weil sie ein Zeichen sind.“ – „Das sagt gar nichts, Adelheid. Ein Zeichen ist alles. Wovon sind sie ein Zeichen? Darauf kommt es an.“ – „Sie sind ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit. Und ob du nun lachen magst oder nicht – denn an einem Strohhalm sieht man eben am besten, woher der Wind weht – sie sind ein Zeichen davon, daß alle Vernunft aus der Welt ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer mehr aufhört. Und das alles unterstützt du. […] Und weil du so bist wie du bist, freust du dich, daß diese Zierpuppe (schon ganz wie die Karline) rote Strümpfe trägt und sich neue dazustrickt. Ich aber wiederhole dir, diese roten Strümpfe, die sind ein Zeichen, eine hochgehaltene Fahne.“ – „Strümpfe werden nicht hochgehalten.“ – „Noch nicht, aber das kann auch noch kommen. Und das ist dann die richtige Revolution in der Sitte – das was sie jetzt das ‚Letzte‘ nennen. Und ich begreife dich nicht, daß du davon kein Einsehn hast, du, ein Mann von Familie, von Zugehörigkeit zu Thron und Reich. Oder der sich’s wenigstens einbildet.“

Adelheid überspannte den Bogen ihrer Argumente noch weiter und schließt den Disput mit:

„Aber wenn erst die Buschen ihre Enkelkinder, denn die Karline wird doch wohl schon mehrere haben, ihre Knöchelstiefel und ihre roten Strümpfe tragen, als müßte es nur so sein, ja, Dubslav, dann ist es vorbei. Mit der Freiheit, laß mich das wiederholen, hat es nicht viel auf sich; aber die roten Strümpfe, das ist was.“

Schmunzeln und Kommentar zum eben Gehörten, zum Disput zwischen Dubslav und Adelheid kommt dieses Mal – anders als zu den Kapiteln davor – nur von der Beifahrerin. Vor allem zu roten Strümpfen als Zeichen von Ungehörigkeit und dass durch sie nun bald alles vorbei sein solle. Und dazu, dass der alte Fuchs Dubslav mit seiner Idee schlussendlich Erfolg hatte, wenn der Besuch Adelheids auch wieder einmal nach einigem aufgeregten Hin und Her mit einem Dissens endete. Dass seine Schwester allein durch Agnes‘ Anwesenheit dazu bewogen werden kann, sein Haus zu verlassen, ist insofern bezeichnend, als das Dubslav diese Wirkung von vornherein berechnet und vorhersieht. Er weiß also, was seine Schwester an der Aufnahme des Kindes empören wird. Sie lässt sich von seiner Gelassenheit weder beschwichtigen noch beruhigen:

„Und dir trau ich ganz und gar nicht, und der Karline natürlich erst recht nicht, wenn es auch schon eine Weile her ist.“ „Sagen wir, ‚vielleicht‘.“ „Oh, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das ist so deine Art. Aber unser Kloster ist nicht so aus der Welt, daß wir nicht auch Bescheid wüßten.“ „Wozu hättet ihr sonst euren Fix?“ „Kein Wort gegen den.“ Und in großer Erregung brach das Gespräch ab. Noch am selben Nachmittag aber verabschiedete sich Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz zurück.

„Was heißt das denn jetzt“, fragt die Beifahrerin weiter, „sagt uns Fontane zwischen den Zeilen, dass Dubslav das Kind um sich haben will, weil es sein eigenes ist? Er bestreitet ja die Vaterschaft nicht, sondern lässt es bei einem ‚Vielleicht‘ bewenden. Man könnte denken, zwischen ihm und Adelheid ist die Sache klar. Und der Ärger seiner Schwester gilt nur scheinbar den roten Strümpfen, die ja ein Zeichen für Ungehörigkeit und Verkehrtheit sein sollen.“

In Wahrheit deutet Fontane mit diesem Dialog nur an, dass es Dublavs‘ Tochter sein könnte. Deshalb behält er Agnes auch bei sich, als seine Schwester abgereist ist, immer wieder betonend, wie tröstlich ihm ihr Anblick sei. Und schließlich, als er sich klar wird, was er dem Kind an Langeweile damit wohl zumutet, folgt auch noch das Geständnis: „Und alles bloß, weil ich alter Sünder ein freundliches Gesicht sehn will.“ Er erteilt Agnes eine Art Segen, bei dem das Kind vor ihm niederkniet und ihm die Hände küsst – wie zum Dank für die halb ausgesprochene Versicherung, dass er auch für die Zeit nach seinem Tod Vorsorge für sie getroffen hat.

„Agnes gefällt es dir hier?“ „Ja, gnäd’ger Herr, es gefällt mir hier.“ „Und ist dir auch nicht zu still?“ „Nein, gnäd’ger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich möchte immer hier sein.“ „Na, sollst du auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und nachher, ja nachher …“ Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände.

„Und was, wenn nicht seine Vaterschaft, könnte den Ausdruck Segen oder Segnung für ihn rechtfertigen? Was denkst Du?“, fragt sie den Fahrer. „Agnes, wer ist das denn?“, antwortet dieser. Die Beifahrerin erwidert leicht erstaunt: „Das ist die uneheliche Tochter der Karline und die Enkeltochter der Buschen. Und die Karline, meistens sagen sie Karlineken, lebt in Berlin als Plätterin. Und Marie sollte sie von der Buschen abholen und auf das Schloss zu Dubslav bringen.“ – „Aha. Kamen die alle schon mal vor? Kenne ich nicht, hab ich irgendwie nicht mitgekriegt.“ – „Aber die Buschen ist doch die Kräuterhexe, die Dubslav eine Katzenpfötchenteemischung zubereitet, als seine Krankheit schlimmer wurde.“ – „Ach, so.“ – „Wollen wir das 39. Kapitel noch einmal hören?“ – „Ja, aber nicht jetzt.“ – „Ich hatte auch mal rote Strumpfhosen, wenn ich gewusst hätte, dass sie ein Zeichen von Ungehörigkeit und eine Revolution der Sitte sind …“ – „Ich muss mich jetzt auf den Verkehr konzentrieren. Hier auf der Insel ist es ja voller als auf der Autobahn.“ – „Also, jetzt Pause mit dem Stechlin?“ – „Ja.“

Der Stechlinsee

Die Fahrt ging weiter über eine Landstraße, gesäumt von dichten Buchenwäldern bis zum Tagesziel. Dort wurde gewandert, nicht im Ruppiner Land, sondern an der Steilküste im Mecklenburgischen. Die Fragen nach Zeichen der Moral, des Verfalls der Sitte durch rote Strümpfe und Knöchelstiefel blieben an diesem Tag unbeantwortet. Der nächste Ausflug begann mit dem 39. Kapitel.

 

Alle Fotos von der Verfasserin.

zitiert wurde aus:
Theodor Fontane, Der Stechlin, atb Aufbau Taschenbuch, 2. Auflage 2019, S. 387ff.
Theodor Fontane, Regina Dieterle, Biografie Carl Hanser Verlag, 1. Auflage 2018, S. 669ff.

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