„Die Lady schritt zum Schloß hinan“ – Tanzperformance in Neuruppin und Lindow

Die Tanzperformance löst Fragen aus, Befremden. Was sind das für weiße Gestalten, die Augen verschattet, was bewegt sie? Langsam schreiten sie, scheinbar ziellos, ohne Orientierung, ergreifen Raum, bewegen sich eine Zeitlang darin, verschwinden wieder ins Nichts. Eine hat eine Fahne, eine fällt, liegt, richtet sich wieder auf. Eine trägt eine Schleppe, eine andere hält sie hoch. Sind es Männer, Frauen, geschlechtlose Wesen? Was wollen sie hier? Weshalb kamen sie her? Und was sind das für Klänge? Gesang wie aus ferner Zeit herkommend, geflüsterte Worte. Und was hat das alles mit Fontane zu tun?

Eine Textzeile aus dem Gedicht Barbara Allen hat sich dieses Tanzprojekt als Titel gegeben, einer Nachdichtung der altschottischen Ballade Sir John Grehme and Barbara Allen, die Fontane in Percys Rieques of Ancient English Boetry fand. Fontane zählte diese Ballade zu den Musterstücken schottischer Volksdichtung, in der er eine Inspirationsquelle für die Balladendichtung bis hin zu Bürgers Leonore sah. Dieses Gedicht wurde während des konzertanten Teils in der Klosterkirche chorisch geflüstert. In welcher Sprache? Hat jemand die Worte verstanden? Kommt es aufs Verstehen an? Weiß man nur, was man versteht?

Die schottische Künstlerin Clea Wallis hat die Choreografie zusammen mit Paul Rous erarbeitet. Tänzer der Beatments Neuruppin, des Dudendance Theatre Scotland und der fabrik Potsdam haben die Performance aufgeführt. Der Neuruppiner Kammerchor Chorisma hat unter der Leitung von Fabiane Galante gesungen und die Texte aufgeführt. Die in Potsdam lebende Künstlerin Heather MacGrimmon hat die Kostüme entwickelt und genäht. Und das Triple Scotland hat gesungen, wehmütige Lieder, die über den Ruppiner See klangen.

Ein internationales Projekt, Grenzerfahrung und multikultureller Dialog, ein besonderes Glanzstück in der Menge der Veranstaltungen des Fontanejahres 2019. Auch der Text, den das Projekt in einem Flyer mitgegeben hat, erklärt nichts, sondern öffnet Assoziationsräume. Wir sind also auf uns selbst verwiesen.

Borders – eine Zwiesprache

woher kommst du? – aus Neuruppin – wer bist du? – ein Suchender, ein Dichter, Fontane – was willst du hier? – eine Sehnsucht führt mich her – ins Reich der Nebel? – das Land, seine Sagen, seine Geschichte – wo es öde ist und leer – ich werde berichten, ich werde von dir schreiben, ich werde dich übersetzen – das vermag kein Mensch – es kommt auf einen Versuch an – du siehst nur dich selbst – Freiheit, Liebe, Schmerz, Glück, Wehmut – still, ich höre Lieder, Schlachtengetümmel, ein Requiem, vielstimmiges Gemurmel – was sind das für Gestalten? – Nebelgespenster, du bist in Schottland – nein, es sind die Borders, Grenzgänger wie wir alle, sie tanzen, ein Geisterzug, eine Königin wird gekrönt, gekränkt, gemordet, die Macbeth-Hexen unheilbrütend – sieh darin, was du willst – ich werde dich finden – du findest überall nur dich selbst, deine Heimat klebt an deinen Füßen – meine Heimat ist die Poesie

Am 9. August 1858 reiste Fontane nach Schottland. Er blieb 15 Tage, pilgerte zu den Stätten, an denen Maria Stuart gelebt hat, Edinburgh, Stirling, Loch Leven-Castle, besuchte das Schlachtfeld Culloden Moore, sah Inveress, den Caledonischen Kanal, die Hebrideninseln Staffa und Iona, war von Melrose verzaubert und fand den Earth-Stone. Sein Reisebericht Jenseit des Tweed gehört zu seinen beliebtesten Büchern. Er dichtete und übersetzte englische und schottische Balladen, darunter Barbara Allen, Die Blumen des Waldes und Die zwei Raben. Und er brachte den Plan für sein größtes literarisches Werk mit nach Hause, die Wanderungen durch die Mark Brandenburg. „Es war in der schottischen Grafschaft Kinroß …“, erklärt er im Vorwort: „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen. Das habe ich an mir selber erfahren …“

 

Fotos von Klaus-Peter Möller

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