„Smartphontane“ – Die rbb-Fontane-App im Test (Mehringbrücke)

Die moderne Zeit hat auch Fontane erreicht, denn der rbb hat im Jubiläumsjahr 2019 eine App herausgebracht, mit der man die Lebensstationen Fontanes in Berlin und Brandenburg erleben kann – wenn es denn funktioniert. Wem anderen als uns, dem offiziellen Fontane-Blog, steht es nun zu, die App auf Herz und Nieren zu überprüfen?

Diesmal Berlin-Kreuzberg an der Mehringbrücke von Maya

Nachdem die Fontane App des rbb installiert ist, bleibt sie zunächst ungenutzt. Der Vorsatz, sie bald auszuprobieren und einen Beitrag zu unserem Blog zu schreiben, ist nichts als ein Vorsatz. Vorerst. Die Zeit geht dahin, mein schlechtes Gewissen wird größer und ich versuche, nicht mehr an Fontane und den rbb zu denken. Andere Sachen scheinen mir wichtiger. In der Hochphase meiner Prokrastination machte die App durch einen hohen Energieverbrauch auf sich aufmerksam. Laut meines Telefons verbraucht sie Energie im Hintergrund. Nach mehrmaligem Aufleuchten dieser Nachricht wird die bis dahin ungeöffnete App deinstalliert. Ein bisschen bin ich erleichtert, doch das schlechte Gewissen bleibt. Dann kommen die Semesterferien und die App rückt in weite Ferne.

Mehringbrücke aus heutiger Sicht. Ecke Wilhelmstraße. Foto von Elke Beerhalter

Frisch im neuen Semester werden nicht ganz so frische Vorsätze wiederbelebt. Mir gehen die Ausreden aus und ich beschließe, die App erneut zu installieren, sie nun auch zu öffnen. Eine mit roten Pins versehene Karte von Berlin erscheint, ich zoome auf meinen Standort und finde einen Marker in meiner Nähe: die Mehringbrücke. Das ist zu schaffen. Kurz überlege ich zu schummeln. Man könnte auch Zuhause bleibe und sich die 5-minütige Audiodatei gemütlich auf dem Sofa anhören. Es ist schon wieder recht kalt geworden… Bestimmt entscheide ich mich gegen das Schummeln und für einen sorgfältig recherchierten Beitrag. Ich werfe mir einen Mantel über und mache mich voller Tatendrang auf den Weg. Es ist wirklich kalt, der Wind weht mir ins Gesicht und ich spüre wie meine Nase rot wird. Ich gehe schneller. Endlich bin ich da. Ich zücke mein Handy, mache ein Paar Fotos von der Brücke, freue mich über ein menschenleeres Sightseeing Boot, das einsam über den Landwehrkanal schippert, und öffne die App erneut. Der Pin und mein Standort sind immer noch weit voneinander entfernt – die falsche Brücke!

Nicht mehr ganz so enthusiastisch laufe ich am Kanal entlang Richtung Mehringbrücke. Es ist laut, ein Fahrradfahrer beschimpft einen Mann im Autobus. Eine U-Bahn fährt über meinem Kopf hinweg. Der Verkehr scheint, nicht mehr aufzuhören, ich stelle mich ans Geländer und schaue verzweifelt auf die Abbildung der Mehringbrücke in der App. Eigentlich weiß ich wie die Brücke aussieht, fast jeden Tag fahre ich hier entlang. Trotzdem bin ich durch den Vergleich plötzlich enttäuscht. Ich drehe mich zum Kanal, stecke die Kopfhörer an und drücke auf Start. Eine angenehme männliche Stimme, laut Beschreibung gehört sie Gert Westphal, liest einen Abschnitt aus dem Roman Irrungen, Wirrungen.

Während sie noch so plauderten, waren sie, den Kanal entlang, bis an das Hallesche Tor gekommen; […]

Es ist schwer, dem Lesenden zu folgen. Ich versuche die Lautstärke hochzusetzen, aber bin schon auf Maximum. Die vielen Autos und eine weiter U-Bahn verhindern, dass ich die nächste Passage verstehe. Gert Westphal liest weiter und langsam komme ich rein.

So ging es denn rasch an der Belle-Alliance-Brücke vorbei, jenseits derselben aber ließ er halten, weil er gleich an einem der ersten Häuser gelesen hatte: „Kunst- und Handelsgärtnerei.“ Drei, vier Stufen führten in einen Laden hinauf, in dessen großem Schaufenster allerlei Kränze lagen. Rienäcker stieg aus und die Stufen hinauf. Die Tür oben aber gab beim Eintreten einen scharfen Klingelton. „Darf ich Sie bitten, mir einen hübschen Kranz zeigen zu wollen?“
„Begräbnis?“

„Ja.“
Das schwarzgekleidete Fräulein, das, vielleicht mit Rücksicht auf den Umstand, daß hier meist Grabkränze verkauft wurden, in seiner Gesamthaltung (selbst die Schere fehlte nicht) etwas ridikül Parzenhaftes hatte, kam alsbald mit einem Immergrünkranze zurück, in den weiße Rosen eingeflochten waren. Zugleich entschuldigte sie sich, daß es nur weiße Rosen seien. Weiße Kamelien stünden höher. Botho seinerseits war zufrieden, enthielt sich aller Ausstellungen und fragte nur, ob er zu dem frischen Kranz auch einen Immortellenkranz haben könne?

Irrungen, Wirrungen ist das erste Buch, das ich von Fontane in Händen hielt. An diese Szene erinnere ich mich nicht mehr. Ich war um die dreizehn Jahr, als wir den Roman in der Schule gelesen hatten. Schmunzelnd vergegenwärtige ich mir, wie sehr mich doch die Geschichte von Botho und Lene berührt hatte. Fasziniert von der tragischen Liebesgeschichte, hoffte ich vergebens auf ein Happy End. Die Ausweglosigkeit der Liebe zwischen Botho und Lene hatte mich zutiefst deprimiert. Sie hätten doch wie die anderen durchbrennen können. Die Lösung wäre doch so leicht gewesen. Ich erinnere mich, wo ich gesessen hatte als wir die letzten Worte Bothos gelesen hatten und auch daran, dass ich mir eine Träne hatte verkneifen müssen.

„Hab‘ ich auch… Es ist doch zu komisch, was es für Namen gibt! Und immer gerade bei Heirats- und Verlobungsanzeigen. Höre doch nur.“
„Ich bin ganz Ohr.“
„‚Ihre heute vollzogene eheliche Verbindung zeigen ergebenst an: Gideon Franke, Fabrikmeister, Magdalene Franke, geb. Nimptsch’… Nimptsch. Kannst du dir was Komischeres denken? Und dann Gideon!“
Botho nahm das Blatt, aber freilich nur, weil er seine Verlegenheit dahinter verbergen wollte. Dann gab er es ihr zurück und sagte mit so viel Leichtigkeit im Ton, als er aufbringen konnte: „Was hast du nur gegen Gideon, Käthe? Gideon ist besser als Botho.“

Mein Gesicht ist mittlerweile so kalt, dass meine Ohren schmerzen. Langsam mache ich mich auf den Weg nach Hause und denke noch lange über Lene und Botho nach. Auch darüber, was mich damals so mitgerissen hatte. Mir geht es gut. Ich freue mich darüber, nicht geschummelt zu haben. Wie gut, dass ich noch über diese Erinnerung gestolpert bin, vielleicht wäre sie sonst verloren gegangen.

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