Hans-Dieter Rutschs Mutmaßungen über Fontane

Für den Besuch einer Veranstaltung, die für den 17. Oktober, Beginn 19 Uhr, angekündigt und in der Natura Buchhandlung beworben wurde, verabredeten wir uns bereits Anfang August. Hans-Dieter Rutsch sollte im Bürgersaal des Kleinmachnower Rathauses aus seinem Buch Der Wanderer: Das Leben des Theodor Fontane lesen. Vier Mitglieder der Redaktion der Theodor-Fontane-Blogs leisteten sich die 7€ Eintrittsgeld und eine Fahrkarte des ABC-Tarifs.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass wir in freudiger Erwartung eines großen Ereignisses an diesem Donnerstagabend nach Kleinmachnow fuhren. Dennoch, nach dem von Louisa Meier rezensierten Buch, an dem ihr die Lesefreude auf halber Strecke verging, wollten wir den Autor nun fragen, was ihn dazu bewogen hat, Fontanes Leben mit eigenen Vermutungen, Ahnungen, Gefühlen und Mutmaßungen derart zu versehen, dass der Eindruck entsteht, als hätte er am Werk des Balladendichters, Journalisten, Theaterkritikers und großen Romanciers wenig Interesse, an „Kaffeesatzleserei“ jedoch um so mehr. Leider haben wir keine unserer Fragen gestellt, denn nach einer Stunde gaben wir auf, verließen rücksichtsvoll und still den Saal der Bürger.

Warum? Schon der Beginn der „Lesung“ war bemerkenswert. Der Vorsitzende des Kleinmachnower Heimatvereins stellte zuerst den Autor Hans-Dieter Rutsch vor und las dann mit den Worten, dass ihn diese Ballade täglich in seinem Leben begleitet und noch immer aktuell sei, „Das Trauerspiel von Afghanistan“ von Theodor Fontane vor. Sie war ein trostloses Vorspiel zu dem, was folgen sollte.

Rutsch begann den Abend mit einer medizinischen Information zu seiner Stimme, seinem Germanistikstudium, dem beruflichem Werdegang als Filmemacher und, dass ihn die Kollegen vom Rowohlt Verlag in Erwartung des Jubiläumsjahres zum 200. Geburtstag des Dichters gebeten hätten, eine Biografie über Theodor Fontane zu schreiben. Vielleicht haben sie auch gefragt, ob er sich vorstellen könnte, eine Biografie zu schreiben. Oder war es so, wie im Interview der Märkische Allgemeine Zeitung vom 28. Januar 2019 dargestellt? Das tat eigentlich nichts zur Sache, es sollte endlich beginnen. Ein Beamer zur Unterstreichung des Gesagten wartete auf Einsatz, denn das Bild, ob bewegt oder nicht, so dachte möglicherweise der Dokumentarfilmer in ihm, unterstützt die Wirkung. Denn „Wirkung muss man erzeugen können“. Er hatte sich offenbar einen dramaturgischen Ablauf für den bereits mehrfach gezeigten Fontane-Abend ausgedacht.

Es kam nun doch, wie wir es uns nicht gewünscht hatten, es wurde eine Plauderei von Hans-Dieter Rutsch über Fontane, Gott und die Welt:

Der Wanderer sei ja in der Literatur ein Synonym für den Glückssucher und deshalb auch im Titel. Vermutungen zu Gefühlen des kleinen Theodor, der, so könne man es sich doch vorstellen, in Swinemünde im Hafen von Schiff zu Schiff hüpfte, wie auf dem alten Bild des Stadthafens die Kinder. Er, also Rutsch, und Fontane sind Kinder einer Flüchtlingsfamilie, Migranten sozusagen, teilen also das gleiche Schicksal. Wir haben alle, wie Fontane, jedes Bild unseres Lebens in uns : die Einschulung, die Konfirmation, die Jugendweihe, die erste Liebe, die Eltern, die Geschwister. Wie Fontane eben. Und er, also Fontane, hatte die Gabe, aus all dem etwas zu schreiben. Das Haus – der Beamer kam zum Einsatz und zeigte ein Foto der Apotheke in Swinemünde – stehe ja nicht mehr, aber es war genau das Haus, in dem Effi mit Innstetten in Kessin lebte. Die Polen hätten ja keine Beziehung zu Fontane, aber ein Plakette weist an dieser Stelle auf den Aufenthalt der fontaneschen Familie hin. Weiter ging es mit der unglücklichen Ehe der Eltern Fontanes, der mehrfach erwähnten Trink- und Spielsucht des Vaters, Ehefrau Emilie, den Söhnen, Tochter Martha, in der Familie Mete genannt, zu der Fontane eine, wie soll man sagen, fast erotische Beziehung hatte und die, um an der Seite ihres Vaters zu sein, nie ein eigenes Leben hatte. Über ihren Tod wird bis heute spekuliert. War es Selbstmord? dachte Herr Rutsch laut nach. Und die Menschen in der Mark sollen nicht denken, dass Fontane von der Landschaft in Brandenburg so begeistert gewesen wäre, dass er die Wanderungen für sie geschrieben hätte. Auch wenn sie heute die Wanderungen nachwandern. Nein, Schottland hat ihn fasziniert, aber da er dort nicht lebte, schrieb er eben über das, was er hier sah. Das Marketing zu fontane.200 mit zahlreichen Skulpturen, Schilder von Fontane-Wanderwegen, die Playmobilfigur, Fontane-Ausstellungen traf nicht den Geschmack des Vortragenden. Fast schon trivial wurde es, als Rutsch das Wiener Goethe-Denkmal neben das Neuruppiner Theodor-Fontane-Denkmal stellte und mit der Kamera „abfuhr“, um jedes Detail – Schuhe, Haltung der Hand, Jacke, Überwurf, Notizbuch – zu erläutern und zu vergleichen. Dazu wurde als musikdramatisches Stilmittel Cellomusik eingespielt! Dem folgten Bilder eines Schlosses, einer Burg und ein Foto eines Bildes von Carl Blechen. All dies könnte Fontane so oder so ähnlich gesehen und, getragen von der Stimmung der Eindrücke, dieses oder jenes dabei empfunden haben. Dazu erneut Cellomusik und das eine oder andere Bonmot aus dem Leben des Vortragenden.

Ich vernahm seine Stimme, war physisch noch anwesend, aber meine Konzentration war hin. Es hörte sich an, als ob ein Märchen über Fontane erzählt wurde. Hans-Dieter Rutsch ließ uns keine Möglichkeit der wohlmeinenden Interpretation zu seinem Buch, schade.

Wie klug und vorausschauend dagegen Fontane, der im Vorwort von Meine Kinderjahre schreibt: Wenn ich trotzdem, vorsichtigerweise, meinem Buche den Nebentitel eines ‚autobiografischen Romanes‘ gegeben habe, so hat dies darin seinen Grund, daß ich nicht von einzelnen aus jener Zeit her vielleicht noch Lebenden auf die Echtheitsfrage hin interpelliert werden möchte. Für etwaige Zweifler also sei es ein Roman!

Fazit: Die Kunst des Schreibens einer Biografie scheint mir darin zu liegen, Nähe und Distanz, zu der Person über die man schreibt, in eine Balance zu bringen. Die Nähe braucht es, weil sonst die Leidenschaft und das Interesse erlahmen könnte. Distanz aber ist geboten, um dem Mensch und seinem Werk Respekt und Achtung entgegen zu bringen, wobei meines Erachtens nach die Beachtung des Standes der Forschung unerlässlich sein sollte. Und hier sehe ich die eigentliche Schwäche des Autors Hans-Dieter Rutsch. Woher er sein Wissen über Theodor Fontane hatte, blieb zumindest an diesem Abend sein Geheimnis.

Am Montag nach der Veranstaltung habe ich mit der Buchhändlerin über den Abend, das Niveau des Gebotenen und die Enttäuschung der Literaturstudenten gesprochen. Die Konzeption als Plauderei sei Absicht gewesen, meinte sie, denn so mache man dem Publikum mehr Lust, das Buch zu kaufen. Man gönnt der Natura Buchhandlung, dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Wir können jedoch weder das Buch noch die Veranstaltung empfehlen.

 

Zitiert aus: Theodor Fontane: Autobiographische Schriften. Bd. 1: Meine Kinderjahre. Berlin: Aufbau 1982, S. 3.
Fotos von Louisa Meier.

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