Fontane: Ein Rückblick mit Ausblick

Das Fontane-Jahr 2019 gleichwohl des Schriftstellers 200. Geburtstag liegt in der Vergangenheit. Deshalb blickt jedes Mitglied des Fontane Blogs noch einmal auf die dahingeschiedene Zeit zurück und erinnert sich an seinen einprägendsten Fontane-Moment.

Seit eineinhalb Jahren habe ich mich als Redaktionsmitglied des Fontane Blogs mit Fontanes Werk in einer Intensität beschäftigt, die mich mehr im 19. Jahrhundert wähnte als im Hier und Jetzt. Romane wieder und neu gelesen, Exkursionen in die drei Fontane-Ausstellungen in Neuruppin, Potsdam und Berlin gemacht, ein Theaterstück in der Schaubühne und eine Lesung aus einer von vier neu erschienenen Biografien besucht. Drei der vier Biografien habe ich gelesen und in einer Veranstaltung des Franz Fühmann Freundeskreises davon erfahren, dass Fühmann sich 1967/68 ins Ruppiner Land aufmachte, um sich auf die Spuren Fontanes zu begeben. Fast vergessen hätte ich die Teilnahme an der Ringvorlesung in der Humboldt Universität. Welche Freude, was für eine Fülle an Wissen und Informationen zu Theodor Fontane.

Das Theodor-Fontane-Denkmal zum 200. Geburtstag in Neuruppin

Mein Höhepunkt des Fontane-Jahrs war dann nicht nur der 30. Dezember 2019, an dem in Neuruppin Roland Berbig den Dichter im Rahmen der Abschlussfeierlichkeiten mit einer Festrede vor dem Denkmal anlässlich des 200. Geburtstages würdigte. Es war auch ein Brief, den ich am 2. Januar 2020 von einer Freundin bekam: „[…] grooooße Überraschung […] nachdem ich nunmehr eine Woche nicht am Briefkasten war, heute nun der Vorstoß […], denn meistens ist üble Post vom Finanzamt oder ähnlich Unerfreuliches darin zu finden. Nein, dieses Mal war es ein Päckchen mit Unterm Birnbaum! Ich hatte immer wieder Pech mit der Online-Bestellung und nun diese Geste von Dir, die zu meinen Highlights des Jahres gehört, danke Dir für diese Überraschung mit meinem Lieblingsbuch von Fontane.“

Wenn das kein gutes Omen für die Zukunft ist: es ist an jedem Tag in jedem Jahr möglich, mit Büchern von Theodor Fontane Lesefreude zu verschenken.

Während seine Zeitgenossen in Vergessenheit geraten, wird Fontane zum Klassiker. Ich kenne niemanden, der noch nichts von Fontane gelesen hat. Fontane war in seinen Texten visionär, man denke an seine Zukunftsgedanken zu Klein-Machenow auf dem Sande, dem heutigen Kleinmachnow. Er konnte sich Vieles vorstellen, war gespannt auf das Neue und überlegte in einem Brief an seine Tochter Martha am 20.3.1898 „Wie wird die Welt nach hundert Jahren aussehen?“ Es sind mehr als 120 Jahre seit dieser Frage vergangen. Also: wie würde Fontane unsere Welt heute beschreiben? Der technische Fortschritt, seine Romane am Computer zu schreiben und die Funktionen copy and paste zu nutzen, hätte ihm sicherlich gefallen, die Rastlosigkeit des dadurch schneller gewordenen Alltagslebens möglicherweise nicht. Würde er Tagespolitik kommentieren und hätte er eine Haltung zum Brexit? Würde er sich darüber wundern, dass der Adel, den er in einem Brief an Georg Friedlaender vom 12. April 1894 als „[…]  alles antiquiert“ bezeichnete, noch immer nicht ausgestorben ist, ja sogar seine Schlösser und Besitzungen im Brandenburgischen nach einer als friedlich bezeichneten Revolution zurück bekommen hat?  Wie würde er beschreiben, dass das überwunden geglaubte Ständewesen mit dem einhergehenden Standesdünkel doch noch existiert? Würde ein Mensch aus dem 19. Jahrhundert die Begriffe friedlich und Revolution zusammen überhaupt verstehen?

Ich weiß es nicht, wir wissen es nicht. Vielleicht würde er es zur Kenntnis nehmen, beschreiben und, wie in all seinen Romanen, keine seiner Figuren beschädigen, denn es gibt bei Fontane weder Helden noch Bösewichte. Mein Fazit: Fontane hat ein solch umfangreiches Œuvre hinterlassen, vieles davon kenne ich noch nicht, und so bleibt er weiter einer meiner Lieblingsautoren und für mich topaktuell. Hoch lebe das Post-Fontane-Jahr!

 

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