Ausflug ins Ruppiner Land

An diese Corona-Zeiten werden wir uns wohl immer erinnern. Eingeschränkt in der Reisefreiheit heißt es an einem sonnigen Sonntag für den Berliner, hinaus nach Brandenburg, aber richtig, das heißt auf Fontanes Spuren. Unser Ziel die Ruinen von Kloster Lindow, am Wutzsee gelegen, Vorbild für das Kloster Wutz im Stechlin, dem Alterswerk Fontanes. Für die gute Stunde Fahrt mit dem Auto bietet sich die CD mit den Kapiteln zu Kloster Wutz an, gesprochen von dem unvergessenen Gert Westphal.

Und gleich war die Freude am Ausflug da. Denn der bitterböse Humor Fontanes läuft hier zur Hochform auf. Da ist vom Klostergarten die Rede, „etwas primitiv, aber wundervolles Obst.“ Es sind nur vier alte Stiftsdamen, „und wenn welche gestorben sind – aber sie sterben nur selten – so sind es noch weniger.“ Und wie wenig die Domina Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, erfahren wir von ihr: „‚Ich habe dein Telegramm‘ sagte die Domina, ‚erst um ein Uhr erhalten. Es geht über Gransee und der Bote muß weit laufen. Aber sie wollen ihm ein Rad anschaffen, solches wie jetzt überall Mode ist.'“

Czako erkennt: „‚Ihre Tante hat so was; man merkt doch, daß sie das Regiment führt.'“ Und es folgt eine Bemerkung zum Alter der Domina: „‚Ein respektables Alter. Und ich muß sagen, wohl konserviert.'“ Und weiter heißt es über Tante Adelheid: „Der hohe hagere Hals ließ die Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie war, und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: ‚Wickelkinder, wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich wird, fangen sie an zu schreien.'“ Und gleich darauf: was „den Verkehr mit ihr so schwer machte, das war die tiefe Prosa ihrer Natur, das märkisch Enge, das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streifte.“ Und dazu paßt ihre Bemerkung: „‚Ich habe die Fenster öffnen lassen. Aber auch jetzt noch, meine Herren, ist es ein wenig stickig.'“

Czako spricht über Kegelbahnen: „Für mich fängt das Vergnügen erst an, wenn das Brett lang ist und man der Kugel anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren, aber die eingeborene Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben auf der rechten Bahn. Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches, oder meinetwegen auch Politisches.“

Über eine der Stiftsdamen heißt es: Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rundlich, einige [!] vierzig Jahre alt, von kurzem Hals und wenig Taille. Von den sieben Schönheiten, über die jede Evastochter Verfügung haben soll, hatte sie, soweit sich ihr „Kredit“ feststellen ließ, nur die Büste. […] Sie war immer fidel, zunächst aus glücklicher Naturanlage, dann aber auch, weil sie mal gehört hatte: Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung zu sein, obwohl sie keinen rechten Nutzen mehr daraus ziehen konnte.“

Lindow, Wutzsee

Und so geht es immer weiter in den vier Kapiteln zu Kloster Wutz. Mit dieser vergnüglichen Unterhaltung erreichen wir Lindow. 

Der malerische Wutzsee liegt vor uns, und neben uns viele Menschen, wo wir doch dachten, hier könnte es nicht so voll sein wie in der Stadt. Aber schon in den Klosterruinen wird es stiller. „In der That, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, seltsamlich genug, die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren.“ Wir sehen vor uns eine hohe Giebelwand. „Sie stand da, wie bereit, alles unter ihrem beständig drohenden Niedersturz zu begraben.“

Lindow, Kloserruinen

Einige Schritte weiter, und wir stehen zwischen alten Gräbern und lesen: Louise von Zenge, Domina zu Kloster Lindow, geb. d. 13. Janr. 1782, gest. d. 25. Janr 1852. Das Leben war ihr leicht, sie machte es sich und andern zur Freude!

Stolze 71 Jahre, ja, sie sterben nur selten.

Ein Spaziergang am See entlang läßt uns auf einer Bank ausruhen. Zeit, das Kapitel Lindow in den Wanderungen zu lesen.

Lindow, Domina

Schon einmal hier in der Gegend beschließen wir, noch einen Abstecher nach Meseberg zu machen. Hier stehen wir am Zaun vor dem Gästehaus der Bundesregierung, dem wunderschön restaurierten Schloss Meseberg. Dieses Schloss schenkte einst Prinz Heinrich seinem Freund Major von Kaphengst. Kaphengst war der Günstling des Prinzen am Rheinsberger Hof. Um dem höfischen Gerede darüber ein Ende zu bereiten, musste Kaphengst Rheinsberg verlassen. Doch die räumliche Trennung war dem Fortbestand der Beziehung zum Prinzen nur förderlich. Fontane berichtet in den Wanderungen ausführlich darüber.

Meseberg, Schloss

Auf einer Tafel vor der Kirche wird an die Familie von der Gröben erinnert. Und 1885 erwarb ein Großneffe von Gotthold Ephraim Lessing das Schloss. An Lessings Ringparabel aus Natan der Weise erinnern drei ineinander verwobene Ringe an der Schlosstür. Von der damaligen Gutsherrin Emma Lessing erfuhr Fontane aus dem Leben der Elisabeth von Ardenne.

So viel Fontane an einem Tag ist selten. Und immer wieder der Gedanke: hier hat schon Theodor Fontane gestanden. Auf der Heimfahrt kaufen wir am Straßenrand Spargel für das Abendessen, wohlwissend, dass auch Fontane Spargel liebte.

 

Fotos vom Verfasser.

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