Julie ist in Buch nicht vergessen

Im Feuilletonteil der Berliner Zeitung vom 7./8. Dezember 2019 wurde ein Artikel über „Theodor Fontane und das tragische Schicksal der Julie von Voß“ veröffentlicht. Die Autoren, Dr. Gabriele Radecke und Robert Rauh, haben mit diesem Thema eine seit Jahren still vor sich hinglimmende Frage zu neuer Glut entfacht: Wo sind die letzten Spuren Elisabeth Amalia von Voß (1766-1789), genannt Julie, in Berlin-Buch?

Die schöne Tote aus dem Bucher Schloss

Mit dem im August des „Fontane-Jahres“ 2019 erschienenen Buch Wundersame Frauen beschäftigen sich Radecke und Rauh speziell mit den weiblichen Lebensbildern aus den Fontane’schen Wanderungen. Und eins dieser Bilder schildert das Leben und Sterben der Julie von Voß, der schönen Toten aus dem Bucher Schloss.

„Wundersame Frauen“ von Theodor Fontane

Speziell dieses Kapitel ihres Buches stellten die beiden Autoren auch in den Mittelpunkt der Berliner Buchpremiere, die im November 2019 im Schloss Schönhausen veranstaltet wurde. Für uns war die Teilnahme an dieser Lesung eine angenehme Pflicht, zumal wir auch einen kleinen Anteil an der Suche nach „Julies DNA“ in Buch hatten. Als das Autorenpaar der Fährte der Notizen Fontanes von 1860 folgend, in der Bucher Schlosskirche recherchierten, wirkten wir mit – so gut wir es konnten.

Dem Artikel in der Berliner Zeitung gaben die beiden den Titel: „Aufstieg einer Fußnote“ und erläuterten den „fulminanten Aufstieg der berühmten Mätresse“ von der ersten Notiz (Juni 1860) bis zum Unterkapitel im Band IV der Wanderungen durch die Mark Brandenburg von 1882. Das ist ihnen gelungen und regte nicht nur an, den letzten Spuren der Gräfin Ingenheim, „unserer“ Bucher Julie, zu folgen.

Spurlos verschwunden

So wie bereits Fontane suchten die beiden Verfasser bei ihren Erkundungen vor Ort nach Informationen über Julies letzten Weg von Berlin hinaus nach Buch. Schon Fontane fand damals wenig, aber eben doch an „einem abgeschiedenen Platz, auf dem Edeltannen ein Oval bilden“, das Grabmal, das ihr Bruder Otto 1795 im Schlosspark – nahe der Panke – errichten ließ.

Bekannt ist: Der Architekt Hans-Christian Genelli (1763-1823) hat das in Form eines römischen Sarkophags gestaltete Kenotaph entworfen. Fontane hat das figürliche Relief an der Vorderseite im Notizbuch skizziert: „[…] ein Engel des Todes hüllt [die Sterbende] ins Gewand“. Die Inschrift lautet: „Soror optima, amica patriae, vale“ (Beste Schwester, Freundin des Vaterlandes, lebe wohl).

Die heutigen Fontane-Forscher fanden von alledem nichts mehr. Und so kommt es, dass sie ihren ‚Fahndungsbericht‘ mit dem Satz abschließen: „Nirgends begegnet man ihrem Namen. Es muss ja nicht so bleiben“. Damit befeuerten sie einen Vorgang, der seit Jahren viele Menschen in Berlin-Buch beschäftigt: Wo stand einst das Grabmal? Wo ist das beim Abriss gerettete Relief? Was ist machbar, diesen Standort im Schlosspark von Buch angemessen zu markieren?

Es ist bekannt, dass das in der Literatur genannte „Julie Voß Denkmal“ in den 50er Jahren so stark beschädigt war, dass es entfernt werden musste. Die Natur wuchs, wucherte und überwucherte die Erinnerung – indes: nur scheinbar. Es gibt Zeitzeugen in der älteren Generation von Berlin-Buch. So schrieb uns zum Beispiel Claus Witte aus Berlin-Köpenick, der seine Kindheit in Buch erlebt hatte: „Das Grabmal der Julie von Voß habe ich noch völlig in Ordnung kennengelernt, als wir im Sommer im Park herumtobten und im Winter, bei Schnee und Eis, auf der Panke umhergerutscht sind.“

Fotos beleben die Erinnerung an das durchaus stattliche Bauwerk am Ufer der Panke. Einige Aufnahmen wurden in eine Broschüre übernommen, die nach einer Ausstellung des Fördervereins Kirchturm Buch entstand, die 2016 dem Bucher Schlosspark gewidmet war.

Auch Jugendliche aus einer Arbeitsgruppe „Geschichte“ waren in dieser Richtung im Park aktiv. Überhaupt war das Jahr 2016 ein Höhepunkt im Gedenken für Julie, denn ihr Geburtsdatum anno 1766 jährte sich da zum 250. Mal. In das „Fontane-Fenster“ im Bucher Stadt-Gut stellten wir damals eine Informationstafel mit Stationen und Daten ihres Lebens. Unser Lokalblatt, der BUCHER BOTE, veröffentlichte eine mehrteilige Geschichte über die Tochter aus dem Hause des Bucher Patronatsherrn Friedrich Christoph Hironimus von Voß (1724-1784).

Die Erinnerungen sind wach

Die Suche nach dem Standort des Grabmals belebte sich in der Folgezeit. Auch die Neuauflage einer rührseligen „Hofgeschichte aus der Zopfzeit“ fällt in das Jahr 2016. Michael Kowarsch, damals noch Bibliothekar im „Buchladen in Buch“ in der Schlossparkpassage, sorgte gemeinsam mit Reinhardt Prüfert dafür, dass der fast vergessen Roman der Schriftstellerin Annemarie von Nathusius (1874-1926) Das törichte Herz der Julie von Voß dem heutigen Lesepublikum angeboten werden kann. Die Krönung erhielt der 341 Seiten lange Schmonzette durch ein Nachwort von Dr. Gotthard Erler, das der Fontane-Kenner zuvor für den BUCHER BOTEN als spezielle „Betrachtung“ verfasst hatte. Absolut lesenswert und interessant sind auch heute noch verschiedene Publikationen des „Freundeskreises der Chronik Pankow“ zu diesem Thema.

Fazit: Die Erinnerung an Elisabeth Amalia von Voß ist in Buch lebendig! Es ist ein Verdienst Theodor Fontanes, diesem ‚pikanten historischen Frauensbild‘ ein freundliches Denkmal hesetzt zu haben.

Zurück zum Ausgangspunkt:

Gabriele Radecke und Robert Rauh bezeichnen ihren Auftaktartikel in der Berliner Zeitung als „Aufstieg einer Fußnote“ – ein weiterer Beleg dafür, welche Dynamik den Notizbüchern Fontanes innewohnt. Radecke dazu: „Die Notizbücher verdeutlichen, dass die ‚Wanderungen‘ ein ‚work in progress‘ sind, das Fontane in mehr als dreißig Jahren immer wieder umgeschrieben hat.“ Jener „fulminante Aufstieg“ qualifizierte den Weg der jungen Julie aus dem Dorf an den Preußischen Hof von Berlin und war damit auch gut genug, in die Sammlung weiblicher Lebensbilder aus den Wanderungen aufgenommen zu werden.

Der Mantel des Schweigens

Wie wichtig für Fontane die Informationen über die Familie von Voß waren, hebt auch Dr. Regina Dieterle in ihrer Fontane-Biographie von 2018 hervor. Sie schreibt: „Die Lebensgeschichte spielt vor den Augen des Schönhauser Hofes und hat später Theodor Fontane zu einem seiner bewegendsten Wanderungen-Kapitel inspiriert.“ Dieterle hebt noch einen weiteren Grund dafür hervor, dass sich Fontane so umfassend auf die Geschichten in Buch, Schöhausen und Berlin einließ. Es stecke „nämlich viel Eigenes in seinem recherchierten Kapitel ‚Julie von Voß‘. Nicht zuletzt das Bekenntnis, dass es in Familien eine besondere Form des Beschweigens gebe.“ (S. 32)

Tatsache ist: Nach Julies frühen Tod legte sich ein Mantel des Schweigens über den Sachverhalt ihrer Beerdigung. Rauh gibt in seinem Zeitungsartikel zu bedenken: „Fontane hätte misstrauisch werden müssen, denn er entdeckte auch keinen Grabstein.“ Auch keine Grabstelle in der Bucher Schlosskirche. Er nahm nur eine Vertiefung im Boden vor dem Altar wahr. Fontane hatte, so scheint es, auch dafür Verständnis, denn er äußerte sich nach seinem Bucher Aufenthalt. Dieterle zitiert aus einem Brief des Dichters: „Das sei ganz ‚wie in Familien, wo das Lieblingskind starb‘ und wo dann ‚Eltern und Geschwister übereinkommen, den Namen desselben nie mehr auszusprechen‘.“

War Julie, die „Beste Schwester, Freundin des Vaterlandes“, der eigenen Familie peinlich geworden? Einige Umstände sprechen dafür, Vermutungen sind erlaubt. Hat doch die junge Hofdame und Ehefrau des Königs Wilhelm II. selbst kein Glück gefunden und kein Unheil vom Vaterlande abwenden können. So nahm die Tragödie im Hause von Voß ihren verhängnisvollen Lauf …

Im Kirchbuch des Jahres 1789 der Gemeinden Karow und Buch ist über die Beisetzung Julies zu lesen:

Der entseelte Körper wurde den 1. April des Morgens um 8 Uhr mit königl. Equipage und in Begleitung ihrer Hausoffizianten unter Läutung der Glocken zu Karow und Buch anhero gebracht.“ Die Leiche wurde „in der dazu schon ausgemauerten Gruft vor dem Altar von beiden Gemeinden beerdigt. Es ist aber nicht um diesen Todesfall weiter geläutet worden. (zit. n. Martin Pfannschmidt: Geschichte der Berliner Vororte Buch und Karow. Berlin 1927, S. 41)

Wir sollten uns mit dieser Version abfinden, eingedenk der Fontane’schen Weisheit: „Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht; und wenn es welche gibt, sind sie langweilig.“

An dieser Stelle stand auch Fontane

Nicht abfinden sollten wir uns hingegen mit einem endgültigen Verlust des Grabmals am Ufer der Panke im Schlossgarten. Denn: Der Standort ist nun bekannt und markiert. Robert Rauh hat persönlich gebuddelt und unter Brennnesseln Reste des Sockels und kleine Marmorstücke mit Ornamenten gefunden. Diese Stücke – eins davon hat er uns geschenkt – könnte also so etwas wie eine DNA-Spur des Grabmals der einst als schön verehrten Toten sein.

Stand der Dinge: Nach dem Abriss des Gedenksteins wurde das Relief sichergestellt. Rauh schreibt darüber: „Es kam ins Märkische Museum und wurde später ein Exponat des 1987 eröffneten Schinkelmuseums in der Friedrichwerderschen Kirche“. Die Neubausünden an diesem Platz sind bekannt. Nach 2012 verschwand das Relief in einem Depot der Alten Nationalgalerie. Dort soll es zur Zeit unter einer Treppe liegen.

Alle an der Geschichte um Julie von Voß Interessierten in Buch und Umgebung hoffen, dass dieses Kleinod vom Pankeufer wieder in seinen angestammten Schinkelbau zurückkehrt.

Und im Schlosspark von Buch? Wie soll es zu einer von Bucher Lokalpatrioten erhofften Lösung kommen? Nun, die laufenden Rekultivierungsarbeiten im Park sind geeignet, den ehemaligen Standort des Kenotaphs für die Nachwelt zu erhalten. Das Pankower Grünflächenamt und die Landschaftsarchitektin sind gebeten worden, den Platz der Grabstätte in den 4. Bauabschnitt einzufügen. Der nämlich reicht bis knapp an jene Stelle heran, wo wir mit Rauh, Schaufel und Spaten das Erdreich gehoben haben. Doch für das, was nun notwendig ist, reicht eine Schippe nicht mehr aus.

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