Ulrike Blieferts „Hommage an Theodor Fontane“

Was gibt es Schöneres, als wenn jemand, kaum Mitglied der Theodor Fontane Gesellschaft geworden, gleich seine Handtasche öffnet und eine kleine Hommage an den Dichter hervorzaubert! Diese Freude bereitete mir die Schauspielerin und Schriftstellerin Ulrike Bliefert jüngst. Bekannt geworden durch ihre Rollen in den Verfilmungen von Christine Brückners Jauche und Levkojen (1978) und Nirgendwo ist Poenichen (1980), kann sie auf eine Filmografie verweisen, die es in sich hat. „Tatort“, „Liebling Kreuzberg“, „Morden im Norden“ oder „Der Bulle und das Landei“ – eine lange Liste, die sofort ein gute Fernsehmomente erinnert. Gerne hätte ich Bliefert einmal im Gripstheater am Hansaplatz erlebt, aber als sie dort in den siebziger Jahren schauspielerte, teilte eine Mauer die Stadt Berlin – sie war auf der einen, ich auf der anderen Seite.

Nun aber darf ich sie als Erzählerin erleben! Denn was da aus der Handtasche – die, offen gestanden, ein stattlicher Umschlag mit vielen Aufmerksamkeiten war … – kam, war ein Auszug aus einem Roman. Dieser Roman trägt den Titel Der Tod der Schlangenfrau. Das klingt nach einem Krimi und ist auch einer. Sein Erscheinen ist für den November 2020 angekündigt. Ort der Handlung: Berlin im Jahr 1896, genauer: ein Filmatelier in der Friedrichstraße, dass Julius Fuchs gehört. Der hat seiner Tochter Auguste zum 20. Geburtstag nicht nur eine Box-Kamera geschenkt, sondern sie auch zur Mitinhaberin des Ateliers gekürt. Um die Leserschaft wirbt eine Vorschau:

Als Samirah, die schöne Schlangenbeschwörerin aus dem „Wintergarten-Varieté“, während der Aufnahmen zu „Szenen aus einem ägyptischen Harem“ unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt, ist auf einer der Fotografien ein mysteriöser Gegenstand zu erkennen. Ist das womöglich die Mordwaffe? Doch die Tatortfotografie ist in Deutschland noch nicht als Beweismittel anerkannt, und der ermittelnde Kommissar schenkt Augustes Hinweis keinerlei Beachtung. [zit. n.: https://www.augustekrimi.de/] (10.8.2020)

Was, so fragen Sie vielleicht, hat das um alles in der Welt mit Fontane zu tun? Wo bleibt die Hommage? Nun, lüften wir den Schleier noch ein wenig. Jene Auguste, die dem Täter auf die Spur kommen will, hat eine Tante, eine Tante, die auf den wundervollen Namen Lady Henrietta Droydon Jones, aber doch wohl eigentlich auf „Tante Hattie“ hört. Verwitwet zwar, doch noch jung, vertreibt diese Tante die abendliche Langweile mit Patiencelegen oder einem schwägerlichen Wortgefecht – aber wenn das eine so wenig wie das andere hilft: dann, ja dann zieht sie sich zurück und einen Roman aus dem Nachtisch. Ah, sagen Sie. Ja, ah! Hier hat Fontane seinen Auftritt, das heißt weniger Fontane als vielmehr seine Effi Briest. Dass die Heldin der Erzählung das eigene Schicksal teilt, bei ihr allerdings kein Major Crampas die Lebensbühne betrat, bekümmert sie bei der nächtlichen Lektüre – wie sie bekümmert, dass Effi nicht mit jenem Luftikus auf und davon gezogen ist …

Doch halt! Ulrike Bilfert ist nicht vorzugreifen. Noch, schreibt sie, befinde sich ihr Roman „in statu nascendi“. Wer weiß, was sie nach dem „kleine[n] Schmunzel-Exzerpt“ (UB an RB, 13. Juli 2020) weiter so aus der Tasche zaubert und welche kleinen Späße sie sich mit Fontanes Erzählwelten leistet. Die Theodor Fontane Gesellschaft freut sich über dergleichen – und bleibt neugierig.

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