Leerstellen – Fontanes erzähltechnischer Kniff

Nach acht Jahren krame ich nun also meine Bachelorarbeit wieder hervor, deren Schicksal sich bisher nicht von dem unzähliger anderer unterschied, nämlich irgendwo seit der Benotung ungelesen einzustauben. Aber wie der Zufall es will, bin ich nun bei der Fontane Gesellschaft gelandet, wo man sich für derlei interessiert! Zufall war es auch, dass sich meine Arbeit um zwei Fontanetexte dreht, denn das Thema wurde eher aus der Not heraus geboren: Das Nicht-Erzählen von Sexualität. Leerstellen in Erzählungen von Theodor Fontane.

Ich muss zugeben, ich hatte gerade entdeckt, dass Barlach nicht nur beeindruckende Plastiken, sondern auch eine ganze Reihe Texte geschrieben hat. Allerdings war die Zeit kurz und seine Romane und Dramen stellten sich für mich in diesem Moment als ziemlich komplex und hermetisch heraus, so dass ich mich kurzerhand für Fontane entschied. Den kannte ich als Ruppinerin besser und einige seiner Texte waren mir schon geläufig. (Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass Barlachs Dramen später Gegenstand meiner Masterarbeit wurden.)

Aber zurück zur Fontane-Arbeit. Worum gehts? In der Einleitung formulierte ich meine These folgendermaßen:

„In Theodor Fontanes Erzählungen steht zumeist die Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern im Mittelpunkt der Handlung. Es geht um Ehe, Familie und Se­xualität. Dem Erzählen der Bereiche Ehe und Familie steht allerdings das Nicht-Er­zählen von Sexualität gegenüber, obwohl diese meistens in der Form des Ehebruches im Mittelpunkt der Texte steht. Sie wird in Fontanes Texten nicht explizit erzählt. Die Verführungs- und Ehebruchsszenen stehen ‚zwischen den Zeilen‘ bzw. als ‚weiße Stelle‘ zwischen zwei Absätzen. Sexualität erscheint in den Texten also häu­fig als Leerstelle, obwohl sie für den Fortgang der Handlung von äußerst großer Be­deutung ist.“

Um dieser Behauptung nachzugehen, wählte ich aus Fontanes Ehebruchromanen Effi Briest und L’Adultera. Zunächst aber beschäftigte ich mich mit dem historischen Diskus über Sexualität im 19. Jahrhundert und erarbeitete mir, wie die sexuellen Identitäten von Mann und Frau konstruiert wurden, welche Bedeutung der Ehe und dem Ehebruch zukamen und ob und wie über Sexualität gesprochen wurde.

Danach brachte ich die literaturtheoretischen Begrifflichkeiten ins Spiel. Spannend fand ich die Auseinandersetzung mit den rezeptionsästhetischen Leerstellenkonzepten von Roman Ingarden und Wolf­gang Iser. Bei Ingarden heißen die Leerstellen Unbestimmtheitsstellen und bezeichnen das Phänomen, dass Gegenstände oder Situationen durch Sprache nie erschöpfend beschrieben werden können, das sprachliche Darstellungsvermögen also begrenzt ist. Im Falle eines Textes können solche Unbestimmtheitsstellen vom Leser (falls sie nicht überlesen werden) entweder mit textinternen Informationen oder durch die Phantasie des Lesers aufgefüllt werden.

Iser erweiterte bzw. veränderte das Konzept dahingehend, dass er eine Dynamik zwischen Text und Leser voraussetzte. Er orientiert sich an den Ansätzen der Kommunikationsmodelle, die er auf Text und Leser überträgt. Kurz zusammengefasst, könnte man sagen, dass er eine Wechselwirkung zwischen Text und Leser annimmt: Der Text lenkt den Lesevorgang und wird gleichzeitig vom Leser verarbeitet. Durch den Lesevorgang wirkt er aber auch wieder auf den Leser zurück. Die Leerstellen (Iser nennt sie Scharniere oder Gelenke des Textes) funktionieren dabei als Unterbrechung der Textkohärenz und regen so die Vorstellungstätigkeit des Lesers an, das Ausgesparte zu besetzen, allerdings nicht als einfaches „Ausfüllen“, sondern als Ausgangspunkt für eine produktive Auseinandersetzung mit dem Text. Der Leser wird nicht mehr einfach nur als „Konsument“ wahrgenommen, sondern ihm wird eine wesentliche Beteiligung an der Sinnkonstitution des Erzählten zugestanden.

Ausgestattet mit diesem Handwerkszeug ging ich an die Textanalyse, bei der ich in beiden Texten zeitgenössische kulturelle Muster in Hinblick auf Sexualität nachweisen wollte. So zeigte sich, dass

„die beiden weiblichen Hauptfiguren Effi und Melanie in Bezug auf ihre weibliche Identität doppeldeutig konstruiert werden. In ihren Ehen ‚übernehmen‘ sie den passiven, dem Mann untergeordneten Part. Auch die Figuren Innstetten und van der Straaten werden der Zeit entsprechend konstruiert. Sie sind diejenigen, denen die Öffentlichkeit zugeordnet wird und die über ihre Frauen in jeder Beziehung verfügen. Dementsprechend werden auch die aus ökonomisch-gesellschaftlichen Gründen geschlossenen Ehen beider Paare erzählt: als Konventionsehe, unter der vor allem die Frauen leiden. Dieser wird in der Erzählung L’Adultera die Liebesehe als Ideal gegenübergestellt. Die Ehebrecherin wird nicht für ihr Vergehen ‚bestraft‘ bzw. erstreckt sich die Strafe hier nur über einen bestimmten Zeitraum, in dem Melanie krank wird und vorübergehend gesellschaftlich geächtet ist. Die Erzählung aber endet mit Versöhnung und hat gerade deswegen Anstoß erregt. Anders endet Effi Briest, die von der Gesellschaft verstoßen, nach längerer Krankheit den Tod findet.

Das Sprechen der Figuren über Sexualität orientiert sich an den Konventionen des 19. Jahrhunderts. […] Zwischen den Eheleuten Effi und Innstetten sowie Melanie und van der Straaten wird über entweder Sexualität, vor allem über sexuelle Wünsche geschwiegen oder das Sprechen beschränkt sich auf Anspielungen und abgebrochene Sätze. Bei Effi Briest sieht es bei der Kommunikation zwischen Eltern und Tochter ähnlich aus, ebenso findet keine Aufklärung von Seiten der Eltern ihrer Tochter gegenüber statt. Um das Schweigen nicht brechen zu müssen, flüchten sich sowohl Effi als auch Melanie in eine Krankheit.

Ziemlich einheitlich ist in beiden Erzählungen das Nicht-Erzählen des Ehebruchs. Dieses Moment ist in beiden Texten als Leerstelle ausgespart. Als unbestimmte, implizite Ellipsen überspringen sie den Geschlechtsakt. Das Erzählen desselben wäre ein Verstoß gegen die Konvention. Sexualität gehörte zu den Tabuthemen. Als realistische Texte sind die beiden Erzählungen also auch sprachlich der ‚Wirklichkeit‘ angepasst, indem in ihnen die ‚sprachliche Realität‘ imitiert wird und dem Leser so eine Wirklichkeitsillusion ‚vorgetäuscht‘ wird. Würde die sexuelle Handlung explizit erzählt, würde das ‚einen krassen Bruch mit der immanenten Poetik […] bedeuten‘ (Martinez, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München: 82009. S. 133.). Indem die Art und Weise des Erzählens der Konvention angepasst wird und quasi in einem Nichterzählen mündet, ist es trotzdem möglich, über Tabuthemen zu schreiben. Die Leerstellen bieten dafür ein ästhetisches Mittel.

Dass diese Leerstellen aufgefüllt werden können, liegt an den sie umgebenden Textsegmenten bzw. an den Informationen, die aus ihnen gefiltert werden können. Dafür benötigt der Leser allerdings bestimmtes Welt-, aber auch (literatur-)historisches Wissen, mit dessen Hilfe er die Informationen verarbeiten und zusammenfügen kann. So werden in den direkt angrenzenden Textsegmenten bestimmte Muster aufgerufen, die den Geschlechtsakt andeuten. Dazu gehören die plötzlich auftretenden Symptome, die Anzeichen für hysterische Anfälle sind und als sinnlich sexuelles Begehren der Frau gedeutet werden, aber auch die Orte und Umstände (Palmenhaus und Schloon) können im Hinblick auf das bevorstehende Ereignis gedeutet werden. Damit wird das eigentliche Thema der Erzählungen, nämlich der Ehebruch und die damit zusammenhängenden sexuellen Handlungen nicht explizit erzählt, sondern implizit thematisiert.“

Zum Schluss noch eine Anekdote: Als ich einer Studienfreundin, die auch Germanistik studierte, erzählte, worüber ich meine Bachelorarbeit schreiben wollte, seufzte sie und berichtete mir von ihrem Erlebnis mit Effi Briest. Sie musste den Roman in der Oberstufe im Deutschleistungskurs lesen, was sie auch gewissenhaft von der ersten bis zur letzten Seite tat. Als sie dann aber im Unterricht saß, war sie vollkommen verwirrt: Alle sprachen über Ehebruch und von der amourösen Beziehung zwischen Effi und Crampas. Meine Freundin blätterte verzweifelt in ihrem Buch herum und suchte die entsprechenden Belegstellen. Sie hatte die Leerstellen nicht wahrgenommen und einfach überlesen!

 

Fotos von der Autorin.

One comment

  1. Avatar

    Interessantes Thema. Bei den jüngeren Verfilmugen der Effi war ich immer irritiert, weil sie Liebesszenen des Ehebruchs zeigten. Denn schon in der Schule war ich darauf gedrillt worden, dass Fontane eben diese nicht im Text beschrieben hatte.
    Ich habe mich immer gefragt, warum Fontane das ausgespart hat. War er von den Sitten der Zeit zu sehr gehemmt? Heute würde kaum einer aus „Sex sells“ verzichten, insbesondere in Fontanes prekärer wirtschaftlicher Situation. Oder war es einfach nicht sein Thema, weil er Militär noch mehr liebte (am 29.9. kommt Frau Redekes Buch über Fontanes Gefangenschaft 1870 in Frankreich heraus).
    Ist die Bachelor-Arbeit elektronisch verfügbar? Durch das Fontane-Jahr 2019 wurde ein gr0ßer Grunstock mental aufgebaut, der weiter aufgefüllt werden kann.
    Danke für den interessanten Aspekt zu Fontanes Werk.

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