Fontanes und Henkes Buch: Zeit miteinander – füreinander

Logbuch-Eintrag, 14. Oktober 2020

Unser Logbuch im Blog hat es, unter allgemeiner Corona-Viren-Last, mit dem Mundschutz übertrieben und seit zu langer Zeit verstummt. Nun schlagen wir schnell eine neue Seite auf, weil ein neuer Eintrag wahrhaftig fällig ist. Es überrascht nicht: Wieder führt das Fontane-Ehepaar aus Berlin Buch, Rosemarie und Adolf Henke, die Feder – und einen Kreis zusammen, den „Fontane“ eint.

Ak Berlin Pankow Buch, Bahnhof, HO Gaststätte Schloßkrug, Oberschule, Schloßpark 0
Graphokopie H. Sander KG, Berlin (DDR)

Unter der Überschrift „Zeit miteinander – Füreinander“ lud man sich am 29. September 2020 Gäste ins italienische Restaurant „Il Castello“ (das einmal „Schlosskrug“ hieß). Längst haben Henkes ein Bündnis mit dieser gastronomischen Einrichtung geschlossen – zu beider Nutzen. Dort hat sich aus einer Fontane-Ecke ein komplettes Fontane-Zimmer gemausert, dessen Profil die unverwechselbare Henke-Hand erkennen lässt. Und die Restaurant-Betreiber haben schnell gemerkt, dass der ihnen zuerst wohl noch unbekannte deutsche Dichter segensreich auf den Bekanntheitsgrad ihrer Gaststätte wirkt.

Bildcollage aus Fotografien, die Adolf Henke dem Verfasser zur Verfügung gestellt hat

Auf nach „Fontane-Buch“

Wenn „Berlin-Buch“ ruft, dann ist dieser Ruf – medial umfassend ausgesendet – weithin zu hören. Wer wie ich, saumselig in der Reaktion war, der durfte, nein, der musste mit einem Anruf rechnen, dem ein Erinnerungsschreiben auf den Fuße folgte. Dieser unternehmungslustigen Eindringlichkeit nicht Folge zu leisten, verbot sich und hätte doch eines hieb- und stichfesten Grundes bedurft. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe fuhren im gewohnten Modus – also mit SEV und allerlei Pendelei –, ich schlug mich erfolgreich durch, und ich darf sagen: Es hat mich nicht gereut. Am Eingang der maskenbewehrte Adolf Henke, ganz Herr der Lage, dahinter die Restaurant-Mannschaft, die namentlich vorgestellt wurde – und hatte man den Schankraum passiert, hörte man schon allerlei Plauderei aus einem mittelgroßen Saale. Kaum hatte ich ihn betreten, sah ich in viele vertraute Gesichter, mir lieb und teuer seit langen Jahren: die Ehepaare Hauff und Pahn etwa, Frau Münzer, Frau Noack – – – Im Übermut des Augenblicks glückte es, doch noch einen Platz an diesem Tisch zu ergattern. Von ihm aus war der Saal zu überblicken, die Fontane-Wände zu bewundern und in entspannte Gesichter zu schauen. Man genoss, was lange entbehrt wurde – und, das stand schon da zu befürchten – bald wieder zu entbehren war: Zeit miteinander und füreinander.

Keine Rede – kleine Ansprachen

Nein, hatten Henkes einladend geschrieben, keine Reden sollten gehalten, nichts vorgetragen werden. Da stünde nichts zu befürchten. Dennoch ergriff der Initiator vor den Essensgängen das Wort, und das war gut so und ganz am Platze. Er gab seiner Freude über das sich ihm bietende Bild Ausdruck, zählte auf, was alles sich im fontaneschen Buch bewegt habe, und ließ es dabei an Dank nicht fehlen. Von selbst verstand es sich nun, dass der Gast dem Gastgeber doch wenigstens ein winziges Dankeswort sagt – das war das Amt des Vorsitzenden der Theodor Fontane Gesellschaft, der sich freute, endlich einmal hier vor Ort denen zu danken, die diesen Fontane-Flecken in eine feine Hochburg Fontanes veredelt haben. Heiteres und zustimmendes Nicken reihum – und nun wurde italienisch getafelt und deutsch geschwatzt. Nachdem die Fenster gehörig geöffnet und viel frische Regenwetterluft in den Raum geströmt war …

Wer sich Fontane als Haus- und Hofgott erkoren hat, dem sitzt die Zunge locker. Er hört gern zu und wird gern gehört. So auch jetzt. Mit meinem Nachbar hatte ich’s bestens getroffen. Hermann Kleinau, seines Zeichens Arzt im Ruhestand, bewegte sich aufs Schönste im freien Gespräch. Wir begannen bei Fontane, schritten fort zum Förderverein zum denkmalgetreuen Wiederaufbau des Turmes der barocken Schlosskirche in Berlin-Buch e.V., dessen Vorsitz in seinen Händen liegt, und gerieten unversehens ins Persönliche. Unsere Runde öffnete sich, alle hatten etwas zu erzählen – und immer interessant. Unter Bedauern, wie schnell doch die Zeit vergangen sei, ging es ans Corona-gerechte Bezahlen. Doch niemand verließ den Saal, ohne dass ihm ein Gästebuch vorgelegt und ein Stift in die Hand gedrückt wurde.

Gästebuch-Eintrag, 29. September 2020 Fontane-Kreis, Berlin-Buch

Keine Tradition ohne Tradierungspraktiken.

Abschied und „danach“

Man schied heiter voneinander, blickte nochmal schnell an die Fontane- und Buch-geschichtlich gestalteten Wände und klopfte mit langgestrecktem Arm dem Ehepaar Henke auf die Schultern. Für diejenigen, denen der Terminkalender noch ein wenig Luft ließ, bot sich die Gelegenheit zu einer Kirchführung. Der Rest lief regenbeschirmt zu Auto oder (wie der Verfasser) zum Bus. Dass es tatsächlich noch auf gute Weise weiterging, bezeugt ein Schreiben Adolf Henkes. Ich erlaube mir, es an dieser Stelle auszugweise abzubilden. Keine Umschreibung trifft besser, was man dort noch erlebte – und das Autograph spiegelt den Briefschreiber.

Ihm und seiner Frau einen dankgesättigten Gruß in kargen coronisierten Zeiten. Beim nächsten Mal, das verspreche ich, werde ich die kleine Bibliothek in genaueren Augenschein nehmen, das Gedeihen der Krokusse bestaunen und am gebrannten Birnenschnaps nippen.

 

Nachtrag: Sie fragen, was jenem „b. w.“ am Blattende auf der Rückseite folgt? Das Motto des Gästebuchs – passgerecht auch hier. Seine Herkunft ist ungewiss (aus der griechischen Antike, von Thomas Morus, Friedrich den Großen, Jean Jaurès – einem französischen Sozialisten – oder Gustav Mahler), gewiss das Treffliche: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“

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