Fontanes „Effi“ in der Schule – Blumen für Nicola Kuhn

Im Kulturteil des heutigen Tagesspiegel (13. Januar 2021) geht es einmal wieder um Schulpflichtlektüre. Offenbar schlägt Homeschooling zwischen den beiden Ufern Schule und Elternhaus unvermutet Aufmerksamkeitsbrücken, reizvoll, sie zu begehen und dabei ins Gestern zu geraten. „Erinnerungen an Bücher, die man damals im Unterricht las – und die heute noch zählen und quälen“. Redakteurinnen und Redakteure seien noch einmal in ihre Schulzeit getaucht, heißt es im kleinen Vorspann, um zu erklären, „was die Lektüre von damals ihnen heute noch gibt“. Zwar gäbe es keinen verbindlichen Kanon mehr (eine Unsinnigkeit, über die nach der Pandemie eine ernsthafte öffentliche und professionelle Diskussion lohnte), doch rangiere in der Liste der in den Klassenräumen Meistgelesenenen Goethe obenan, gefolgt von Kleist, Kafka und Eichendorff.  Das wird die Germanistik, der das Feuilleton gerne im Vorbeistreifen ein paar Hiebe versetzt, mit Genugtuung erfüllen. Von selbst versteht es sich nicht. Qualität ist zeitlos, bedarf aber einer ihr bewussten Gegenwart. Ob Juli Zeh und Judith Herrmann, denen in unseren Tagen die Schultür in den Deutschunterricht geöffnet wird, in 100 Jahren noch dabei sein werden? Unter den von Gerrit Bartels, Birgit Rieger, Hannes Soltau, Nicola Kuhn, Rüdiger Schaper und Christiane Peitz  ausgewählten Texten stammt kein einziger von einer Autorin. Dass „Lenz“ von Peter Schneider und „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf dabei sind und sich seit Jahrzehnten zwischen Pausenklingeln und Zensurenspiegel behaupten, hat wohl zu nicht geringem Teil mit dem Kraftstoff „Büchner“ und „Goethe“ zu tun.

Doch dass alles darf ein Beitrag im „Fontane-Blog“ mit links behandeln. Ihn interessiert: Ist Fontane vertreten? Und wenn ja, mit welchem Buch? Natürlich –  er ist. Und niemand, der hier herumschmökert, wird vor Staunen aus allen Wolken fallen, wenn er erfährt, dass es „Effi Briest“ ist. Nicola Kuhn, die seit 1991 Redakteurin für Bildende Kunst beim Tagesspiegel ist (mit Fellowships beim Philadelphia Inquirer“ und dem Guardian in London), erzählt von ihrem Erstaunen, als sie auf der Lektüreliste ihrer Tochter immer noch diesen Fontane-Roman entdeckte. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Wer nun mit einer bemühten Witzigkeit à la Martenstein rechnet, die dieses Staunen auf Stammtisch-Niveau runterredet, sieht sich angenehm enttäuscht.  Kuhn erzählt, dass die Tochter den scheinbar angestaubten Text nicht nur gelesen habe, sondern „sogar mit Begeisterung“. Und dabei das Exemplar benutzt habe, mit dem schon die Mutter der Schulpflicht genügte: auf dem Cover ein Standbild aus der kongenialen „Effi“-Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder.

Dass die Mutter dann selbst noch einmal die Probe aufs Exempel macht und erfährt, wie Fontanes Erzählen „erneut seinen Sog“ entwickelt, liest sich gut – aber fast noch besser, was sie aus diesem Lektüreausflug keltert: für sich, für ihre Leserschaft. Dafür ein paar Blumen auf den Redakteurstisch und der Tochter eine Einladung. Vielleicht hat sie Lust, sich einmal bei der Theodor Fontane Gesellschaft umzusehen. Sie ist – wie die Mutter – allzeit willkommen.

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