„Ich habe gehört, dass du Fontane ins Slowakische nachdichtest…“ – Der Rückblick auf eine Übersetzung

Wer hätte je gedacht, dass das kulturelle Leben mal gänzlich ins Stocken geraten könnte. Innerhalb von wenigen Monaten und ohne Aussicht auf baldige Besserung. 2020 war in jeder Hinsicht anders als die Jahre davor. Daher überraschte es mich auch nicht, als ich von Roland Berbig, dem Vorsitzenden der Theodor Fontane Gesellschaft, erfuhr, dass sich deren 30. Jahrestagung letztendlich ins Digitale zurückzieht. Was mich aber sehr wohl verwunderte, war seine Frage, ob ich nicht Lust hätte, da ein paar Gedichte von Theodor Fontane auf Slowakisch vorzutragen. Was für eine komische Idee, dachte ich. Wie stellte er sich das vor? Dass ich einen Gedichtband aus der Bibliothek hole, mich vor meinen Laptop setze und bei einem Zoom-Meeting Gedichte auf Slowakisch und Deutsch vortrage? Die Unsinnigkeit dieses Unternehmens schien mir auf der Hand zu liegen. Berbig, dagegen, zeigte sich unbesorgt und Fontane-beschwingt. Nach kurzem Zögern stimmte ich aber zu. Es galt ja die Jahrestagung zu retten.

Auf der Suche nach dem Lyriker

Ich machte mich etwas träge an die Recherche. Doch schon nach kurzem Herumstöbern in den Bibliotheksbeständen bestätigte sich, was ich von Anfang an geahnt hatte. Ich konnte zwar slowakische Übersetzungen von Fontanes wichtigsten Romanen finden (Irrungen, Wirrungen; Frau Jenny Treibel; Effi Briest; Der Stechlin), jedoch keine Gedichte. Was sich als der ideale Vorwand für eine Absage anbot, erschien mir plötzlich als eine verlockende Herausforderung. Wenn bis jetzt keiner, wieso dann nicht ich… Wann denn, wenn nicht jetzt…

Solch ein gewagtes Vorhaben bedurfte natürlich guter Vorbereitung. Gründlich, aber schnell musste sie sein. Ich schob alle anderen Bücher zur Seite und machte mich an die Lektüre. Da mir die genaue Auswahl noch nicht bekannt war, nahm ich den umfassendsten Gedichtband von Theodor Fontane in die Hand, den ich auf die Schnelle im Netz finden konnte – Das ist das höchste Glück: Gedichte und Balladen, herausgegeben von Hans-Joachim Simm.[1] Zugleich hieß es, den Autor in all seinen Facetten kennenzulernen und möglichst viel zu seinem Werk und seiner Schreibweise herauszufinden. Noch vor zwei, drei Jahren wäre dies, von Bratislava aus, in der Sommerzeit und inmitten einer Pandemie äußerst mühsam gewesen. Doch nach dem Jubiläumsjahr präsentierte sich das Internet als eine wahrhafte Fundgrube – Interviews mit bewährten Fontane-Experten, Artikel, auf YouTube hochgeladene Vorträge, Audioaufnahmen von Veranstaltungen und natürlich auch der Fontane-Blog. Am Frühstückstisch las ich über Fontanes typischen Plauderton, beim Zähneputzen hörte ich mir Näheres zum Wanderer an, im Bus schüttelte ich unverständlich den Kopf über seine antijüdischen Äußerungen und vor dem Schlafengehen schaute ich mir einen Vortrag über den unvollendeten Likedeeler-Roman an.

Vor meinen Augen trat in immer deutlicheren Umrissen der Apotheker, der Journalist, der Kriegsberichterstatter, der Theaterkritiker, der Briefeschreiber, der Wanderer und nicht zuletzt der Romancier hervor. Nur der Lyriker blieb im Nebel versteckt. Außer zwei knappen Äußerungen von Peer Trilcke konnte ich kaum etwas finden. „Ich muss […] gestehen, dass der Lyriker Fontane mir noch nicht so zusagt,“[2] bekannte Trilcke 2017, kurz nach seiner Ernennung zum Leiter des Theodor-Fontane-Archivs. Das klang entmutigend. Zum Glück stieß ich beinahe umgehend auf ein weiteres Interview mit ihm für Potsdamer neueste Nachrichten,  diesmal schon aus dem Jahr 2019. Hier äußerte er sich zum Einwand, dass Fontanes Lyrik im Jubiläumsjahr kaum Beachtung fand, folgendermaßen: „Tatsächlich wenig, zu Unrecht. Vor allem die späte Alltagslyrik hat es in sich: Da sitzt einer beim Frühstück, trinkt seinen Kaffee und solche Dinge. Das ist, in dieser Nonchalance, unglaublich modern, wohingegen Fontane anfangs eher romantisch unterwegs war. Dann kam die politische Lyrik im Geiste des Vormärz‘ und natürlich der Balladenonkel. Die Bandbreite ist enorm.“[3] Alltagslyrik, unglaublich modern – da wurde ich hellhörig.

Die Nachdichtung

Als mir wenig später Roland Berbig seine Auswahl schickte, bekam ich gleich auch die Möglichkeit, diese meinem Geschmack anzupassen. Ein Privileg, von dem die meisten Übersetzer nur träumen können. Ich nutzte es umgehend und tauschte das Gedicht Der alte Derffling und die Ballade Archibald Douglas gegen „die Nonchalance“ des späten Fontane. Nicht nur, weil mir Alltagslyrik näher liegt, sondern auch, weil ich mir selbst eingestehen musste, dass ich dem früheren Fontane nicht gewachsen war. Ja, das möcht ich noch erleben; Würd es mir fehlen, würd ich´s vermissen?; Dreihundertmal und Leben mit dieser Zusammensetzung waren wir letztendlich beide glücklich.

Obwohl auf den ersten Blick alle vier Gedichte in einem verblüffend lässigen Ton geschrieben sind, trat ich an das Werk mit größtem Respekt heran. Und mit dem Bewusstsein, dass ich nun den deutschen Dichter in eine Sprache zu übertragen hatte, die ganz anders als die seine funktioniert. Der erste Schritt lag selbstverständlich darin, jedes Gedicht bis ins kleinste Detail zu verstehen, auf den Aufbau zu achten, Gesetzmäßigkeiten zu benennen, die, wenn möglich, zu befolgen waren. Im Slowakischen wurde dann jedes einzelne Wort abgewogen – drückt es das Gewünschte aus oder lenkt es den Vers in eine ungewünschte Richtung, fügt es sich reibungslos in das Ganze ein, passt im Slowakischen der Rhythmus, der Reim? Kommt dabei die leichte Ironie zum Vorschein? Mit der Zeit lernte ich auch, an meinen Nachdichtungen nicht allzu sehr zu hängen. Wie oft musste ich mich von scheinbar gelungenen Versen trennen, wenn sie mich in den nächsten Schritten in eine Sackgasse führten.

Sehr schnell wurde zu meinem Lieblingsgedicht Dreihundertmal.

Dreihundertmal hab ich gedacht:
Heute hast du’s gut gemacht,
Dreihundertmal durchfuhr mich das Hoffen:
Heute hast du ins Schwarze getroffen,
Und dreihundertmal vernahm ich den Schrei
Des Scheibenwärters: „Es ging vorbei.“
Schmerzlich war mir´s dreihundertmal; –
Heute ist es mir egal.[4]

Hier brachte mich vor allem das Wort Scheibenwärter zum Verzweifeln. Wo sich das Deutsche so gerne der Komposita bedient, setzt das Slowakische eher auf Umschreibungen. Nicht, dass es keine zusammengesetzten Wörter kennen würde, sie kommen aber nur selten vor. Sollte ich hier einen leicht stockenden Rhythmus in Kauf nehmen, den Vers ganz überarbeiten oder wäre es zu gewagt, mir ein neues Wort auszudenken? Wenn im Slowakischen das Wort „Friedensstifter“ als Kompositum funktioniert, warum dann nicht „Scheibenwärter“? Die Unterstützung suchte ich bei keinem anderen als Theodor Fontane selbst. War es nicht gerade er, der ohne zu zögern ein neues Wort erfand, wenn ihm die deutsche Sprache kein passendes anbot?

Die Qual der Nachdichterin

In solchen Augenblicken war ich dankbar, mit der Nachdichtung nicht nur auf mich selbst gestellt zu sein. Anfänglich war mir mein Freund ein interessierter Zuhörer, mit der Zeit verwandelte er sich in einen begeisterten Mitverfasser. Unsere Schaffenslust wuchs mit jedem gelungenen Vers, genau wie meine Unsicherheit. Ist das, was wir hier produzieren, dem Original gerecht? Dieses Gefühl war quälend und wurde mit jedem Facebook-Beitrag meines Freundes, der seine Erfahrung mit der deutschen Lyrik gerne mit der breiten Öffentlichkeit teilte, nur schlimmer. Bis eines Tages die Frage kam. „Ich habe gehört, dass du Fontane ins Slowakische nachdichtest…“ Mit diesem Satz lenkte bei einer Tasse Kaffee der Leiter der hiesigen Bibliothek des Goethe Instituts unser Gespräch in die befürchtete Richtung. Nur einige Jahre älter als ich, erfolgreicher Schriftsteller und anerkannter Übersetzter aus dem Deutschen. Und fuhr fort: „Gedichte? 19. Jahrhundert? Gewagt, ich würde mich nie trauen…“ Obwohl ich mir fast sicher war, dass er in dem Augenblick an den „Balladenonkel“ dachte, wusste ich nichts zu erwidern. Was hätte ich ihm sagen sollen? Dass Fontanes Alltagslyrik doch verblüffend modern ist? Dass ich, obwohl er mich als Museumsmitarbeiterin kennt, Germanistik studierte und meine Magisterarbeit über Elfriede Jelinek schrieb? Oder dass ich nach dem Studium auch einige Kinderbücher übersetzte? Ihm, dem Nachdichter von Robert Walser ins Slowakische? Ich wechselte etwas verlegen das Thema.

Der Sommer verging schnell und irgendwann hieß es, die Feile beiseitezulegen und aus dem Ganzen ein kleines Video zu basteln. Bei der Jahrestagung sprach Roland Berbig von einem Brückenschlag. Seine lobenden Worte machten mich glücklich, in den Übersetzungen steckte ja nicht nur viel Zeit, sondern auch ganz viel Herz. Trotzdem spürte ich, dass es für einen Brückenschlag mehr bedurfte nämlich eine Überlieferung an das slowakische Publikum.

Vielleicht ein Brückenschlag

Einige Wochen vergingen. Ich saß mal wieder im Café des Goethe-Instituts und schlürfte meinen Cappuccino (einen der letzten, bevor alle Cafés im Land geschlossen wurden). Natürlich stieß ich da auch mit dem Bibliotheksleiter zusammen. Er schmunzelte: „Na, wie steht es mit den Gedichten? Schon abgegeben? Kann ich irgendwo das Video sehen? Du, vielleicht könnten wir mal einen Fontane-Abend organisieren.“ Das wäre doch die ideale Gelegenheit für den Brückenschlag gewesen, wenn draußen nicht das Jahr 2020 geherrscht hätte. So stotterte ich nur: „Ja, sicher, gerne, irgendwann dann, wenn die Pandemie abklingt…“ Diese kurze Unterhaltung kam mir aber nicht mehr aus dem Sinn. Zu Hause sah ich mir die Gedichte erneut an und machte mich gleich an die Arbeit. Hier wurde ein „doch“ hinzugefügt, da ein „aber“ weggelassen. Im Gedicht Würd es mir fehlen, würd ich´s vermissen? wurden die Verse „Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter / Es trabte wieder, es klingelte munter“[5] komplett überarbeitet, da mir das Klingeln des abklingenden 19. Jahrhunderts, mit all seinen technischen Errungenschaften, im Slowakischen nicht munter genug war. Dann fiel mein Blick wieder auf das Gedicht Leben…

Leben; wohl dem, dem es spendet
Freude, Kinder, täglich Brot,
Doch das Beste, was es sendet,
Ist das Wissen, daß es endet,
Ist der Ausgang, ist der Tod.[6]

…und besonders auf den dritten Vers. Was sagte doch Roland Berbig über „Das Beste“ in seinem Vortrag anlässlich der Jahrestagung? Über das fontanesche Beste? Plötzlich sah ich meine Übersetzung mit ganz anderen Augen. Nein, es durfte im Slowakischen nicht „am besten“ heißen, wenn es doch „DAS Beste“ war.

Ob ich jetzt zufrieden bin? Ja, vielleicht… Ich glaube schon… Nun aber gilt es, die slowakische Nachdichtung an diejenigen zu bringen, für die sie eigentlich bestimmt ist, und mir ihre Meinung anzuhören. Und wer weiß, vielleicht wird die Kultur doch bald aufatmen können und es wird doch noch ein kleiner Fontane-Abend im Goethe-Institut in Bratislava stattfinden. Ich würde mich jedenfalls freuen.

 

Foto von der Verfasserin.

Literaturverweise

[1] Theodor Fontane, Das ist das höchste Glück: Gedichte und Balladen, herausgegeben von Hans-Joachim Simm, marixverlag, Wiesbaden 2014, https://reader.onleihe.de/#/book/das-ist-das-hochste-gluck, abgerufen am 8. 7. 2020.
[2] https://www.pnn.de/wissenschaft/neuer-leiter-des-fontane-archivs-in-potsdam-ein-kultureller-akteur/21347072.html, abgerufen am 9. 7. 2020.
[3] https://www.pnn.de/kultur/interview-mit-peer-trilcke-fontane-geht-an-vielen-stellen-nicht-auf/25373948.html, abgerufen am 26. 7. 2020.
[4] Theodor Fontane, Dreihundertmal (wie Anm. 1), S. 89.
[5] Theodor Fontane, Würd es mir fehlen, würd ich´s vermissen? (wie Anm. 1), S. 75.
[6] Theodor Fontane, Leben (wie Anm. 1), S. 93.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.