Was liest Peter Raue im Lockdown?

Am 4. Februar 2021 vollendete der in München geborene und seit Jahrzehnten in Berlin lebende Peter Raue, Anwalt und Kunstsammler, sein 80. Lebensjahr. Der Mann, der die MoMa nach Berlin geholt hat: „Mr. MoMa“ seit dem … Im kulturellen und künstlerischen Leben der Hauptstadt und weit über deren Grenzen hinaus gehört Raue zu den ausstrahlungsstarken Persönlichkeiten, die jener so wichtigen Welt Glanz und mehr noch Gloria verleihen. Eine Lebensgeschichte beispielloser Erfolge. Die Nationalgalerie, deren Verein der Freunde er jahrelang vorstand, verdankt ihm so viel wie zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, deren Werk er mit Umsicht und Sachverstand begleitet, befördert und sammelt. Und vor Gericht vertrat: etwa Heiner Müller oder den Berliner Techno-Club „Berghain“ …

Peter Raue, 2021 (Zeichnung vom Verfasser nach einer Fotografie: von Jutrczenka/dpa)

Wer Raue einmal in der Welt von Premieren und Ausstellungen wahrgenommen hat, vergisst seine Erscheinung nicht – ja, er hält Ausschau nach ihr, als wäre das Ereignis erst dann ‚vollständig‘, wenn Raue ihm beiwohnt.  Seine Charlottenburger Wohnung etablierte er als einen exklusiven Ort für Lesungen und Konzerte. Kultivierter und origineller Kunstsinn haben Heimstatt dort und uneingeschränktes Hausrecht.

Wer so lebt, wie lebt er, wenn Corona die Daseinsregie übernommen hat? Wird er verdrießlich, mürrisch oder bärbeissig? Lässt er sich ins dubiose Lager der Covid-19-Leugner locken oder engagiert er sich in der Gegenfront? Setzt er sich einsam vor die Gecelli, Kienholz, Opalka und Christo seiner privaten Kunstsammlung oder für die unsichtige Zugänglichkeit in Museen und Ausstellungen ein? Rüdiger Schaper hat für den Tagesspiegel ein Gratulationsgespräch mit Peter Raue geführt, das diese Fragen beantwortet (Donnerstag, 4. Februar 2021, S. 23). Wir lesen klare Worte: „Wer so schamlos und verblödet ist, Nazi-Parolen zu schreien, der glaubt auch jeden anderen Schwachsinn.“ Und: „Ich wünsche mir, dass die Kulturetats auch nach der Pandemie nicht gekürzt werden, die Rieck-Hallen am Hamburger Bahnhof nicht abgerissen, aus einem Spatenstich für ein Museum bald ein Baugelände wird.“ Das Foto zeigt einen in lässiger Eleganz gekleideten weißhaarigen Mann mit Fliege statt Krawatte – und der Text einen Menschen von vornehm-frischer Denkungsart.

Und was hat das, höre ich, mit Fontane zu tun? Nun, gefragt nach den Büchern, die es ihm im Moment angetan haben, antwortete Raue: „Zum ersten Mal habe ich mit nicht nachlassender Begeisterung Theodor Fontanes ‚Vor dem Sturm‘ gelesen, über tausend Seiten. […]“

Wie verlockend, mit einem verspäteten Gratulationsstrauß in der Hand, beim Jubilar anzuklopfen und nachzuhaken: „Lieber Herr Raue, das ist ja wunderbar – aber warum gerade diesen Roman?“

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