Die Bestie „Fontana“

Der war ursprünglich ein Steppenpferd, doch aus einer bereits gepflegten Rasse. Er wurde zuerst von grusinischen, tscherkessischen Häuptlingen und Kosakenhetmans geritten. Später gehörte er zur regulären schweren Kavallerie der Literatur. Machte im Norden und Süden der Zeit und des Raums alle größeren Feldzüge mit, auch solche, die mehrere Bände dauern. Zäh, trocken, aber feurig, immer voller Kapriolen, als feiner Steppenklepper mit Wut Champanger aus Kübeln saufend, aber immer an der Krippe und eigentlich verwöhnt, […] (S. 66)

Der Literat Franz Blei. In: Hugo Erfurth: Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten 42 (1918).

Wer oder was hier beschrieben wird, mag nach der Auflösung erhellen: „Der Tolstoi“. Die Frage nach dem Wie bleibt dennoch. Wieso ist Tolstoi ein „Steppenpferd“, das von „Kosakenhetmans“ geritten wurde und warum ist er „zäh, trocken, aber feurig“? Fragen, denen nachzugehen, ein ganz besonderes Buch erlaubt – nämlich Franz Bleis Grosses Bestiarium der modernen Literatur. Der 1871 in Wien geborene und 1942 in den Vereinigten Staaten verstorbene Blei war Schriftsteller, Herausgeber, Übersetzer und überdies Literaturkritiker.

Insofern ist der vorliegende Auszug über „den Tolstoi“, kritisch zu betrachten. Wie der Titel seines 1922 erschienenen Buches bereits ankündigt, unternimmt Blei eine zoologische Artenbeschreibung der modernen Literatur. In alphabetischer Auflistung werden sowohl SchriftstellerInnen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkten, als auch ZeitgenossInnen Bleis deskriptiv klassifiziert und polemisiert. Dabei fällt auf, dass Bleis Bestiarium moderner Literatur ein globales Profil hat: Neben dem Russen Leo Tolstoi sind auch die Skandinavier Henrik Ibsen und August Strindberg, der Franzose Émile Zola, der Briten Robert Browning, der Ire Oscar Wilde und der U. S. Amerikaner Walter Whitman vertreten.

Cover der Ausgabe von 1922.

Den Großteil der Auswahl bilden aber deutsche, österreichische und schweizerische SchriftstellerInnen. Dass Blei sich selbst hierbei nicht ausnimmt, spricht möglicherweise für einen hohen Grad an Selbstironie, könnte aber auch poetologische Dimension haben. Denn er, „der Blei“, wird als „Süßwasserfisch, der sich geschmeidig in allen frischen Wassern tummelt“ beschrieben; der darüberhinaus „sehr mannigfaltig, aber gewählt“ isst, weshalb er auch „der Trüffelfisch genannt wird“ (S. 21). Wird dieses Tierbild mit dem Coverbild des zu Lebzeiten erschienenen Buches in Korrespondenz gesetzt, eröffnet sich die Spannweite der Artbeschreibungen dieses Bestiariums. Der Aasgeier auf dem Cover steht für den höchsten Grad an Polemisierung, während der Trüffel-Süßwasserfisch die kritischste Differenzierung darstellt.

Zwischen diesen Polen sind alle Einträge, wie jener zum „Fontana“ zu begutachten:

Inmitten einer Fauna, deren Regel die schwächliche Absonderheit ist, macht ein so gut und gerade gewachsenes Tier wie der an den Quellen des Lebens äsende Fontana leicht einen ungewöhnlichen Eindruck statt des starken, der ihm zugehört. Gute Witterung und scharfes Geäug sind dem Fontana eigentümlich. (S. 31)

In dieser kleinen, pointierten Klassifizierung des „Fontana“, womit niemand sonst als Theodor Fontane gemeint ist, wird auf ein literaturgeschichtliches Phänomen hingewiesen. Mit der „Fauna, deren Regel die schwächliche Absonderheit ist“, wird nichts anderes als die SchriftstellerInnen-Kohorte der beginnende Moderne beschrieben – und in dieser Fauna lässt sich in einer singulären Stellung das Wesen Fontana finden. Theodor Fontane, dessen literarisches Werk zu größten Teilen im letzten Viertel des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstanden ist, veröffentlichte neben den jungen und subversiven SchriftstellerInnen des Naturalismus (bspw. „Das Gehauptmann“). Dass seine Werke „ungewöhnlich“ sind, ist im Kontrast zur naturalistischen Strömung nachvollziehbar. „Gute Witterung und scharfes Geäug“ sei der Bestie eigen. Damit könnte auf den Beobachter Fontane hingewiesen sein, der es verstand, gesellschaftliche Strukturen zu observieren, sei es bei einem Theaterbesuch oder einer Festivität, beim Studieren der Zeitungen. Oder eben ein feinsinniges Gespür für die Konzeption literarischer Texte.

Die Beschreibung Gerhart Hauptmanns verdeutlicht, wieso Fontane zu ihm widersprüchlich einen „starken Eindruck“ vermittelt:

Das Gehauptmann ist der umfangreichste Vierfüßler der deutschen Fauna, bei außerordentlich kleinem Kopf, der mit zunehmendem Alter immer kleiner wird, dafür wächst der Leib immer mehr. Die ursprüngliche Form dieses Leibes ist nicht mehr zu erkennen. Es bleibt erstaunlich, daß vier Füße alle diese Buckel, Wülste, Täler, Auswüchse, Beulen, Geschwülste tragen können. (S. 38)

Bleis Bestiarium gelingt es somit, groteske Animalisierungen und kritische, literaturgeschichtliche Beschreibungen miteinander zu vermengen und in Verbindung zu setzen. Jeder Eintrag kann daher als Fundgrube für Zitate, aber auch als Forschungsdesiderat genutzt werden. Außerdem hängt der Österreicher seinem Bestiarium noch weitere Kapitel an, wodurch sich ein harmonisches Ganzes ergibt: nach dem Vorwort zu den einzelnen Auflagen folgt das Bestiarium, was anschließend um „die großen Dichter deutscher Nation“, einer „Morphologie der literarischen Bestiae“ (mit Freud als Ansatzpunkt!), „notwendigen Exkursen“, einer „kleinen Grammatik für Anfänger“, der „Quellenschrift des Bestiarium“ und „biographischen Belustigungen“ ergänzt wird.

Die „Verabschiedung des Lesers“ rahmt die Komposition und legt eine kurze Rechtfertigung des Autors bei:

Das Bestiarium ist, ich weiß es, der Gefahr ausgesetzt, von den Witzbolden mißverstanden zu werden, zumal bei uns, wo mangels esprit der Witzbold so heimisch ist wie der Trauerbold, jener von diesem durch einen untiefen Abgrund getrennt, über den das fragliche Gebilde des deutschen Humores die Brücke zu schlagen versucht. Ich weiß mich jedes Humores gänzlich unschuldig. Ich bin mehr für die fröhliche Weisheit des Lächelns, jene gentilezza des Lächelns, welche den Lächelnden in das Belächelte einschließt. Dazu gehören als Voraussetzung Freiheit und Froheit des Geistes, Gefühl guten Blutes, nachbarlicher Anstand, liebwerte Sitten, – lauter Tugenden, die, wie man weiß, die heutigen Deutschen in so hohem Maße besitzen. (S. 246f.)

 

Der Verfasser dankt Louisa Meier für Anregung, Empfehlung, Einschätzung und Zuversicht.

Zitiert wurde nach der Ausgabe Franz Blei: Das grosse Bestiarium der modernen Literatur. Berlin: Ernst Rowohl Verlag 1922 (4. Auflage).

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