Frau Jenny Treibel als Collage. Ein außerordentlicher Buchumschlag

Beim ziellosen Herumblättern in der Buchhandlung entscheidet oft auch das Cover darüber, ob ein Buch in die Hand genommen wird oder nicht. Besonders bei weniger bekannten Autoren und Werken kann der erste, visuelle Eindruck entscheidend sein. Gewiss, letztendlich gewinnt die literarische Vorliebe. Doch Hand aufs Herz … Greift man bei demselben Titel, abgesehen vom Preis, nicht lieber auf das schönere Buch zu? Dessen Design das Auge erfreut und leicht über die Zeilen gleiten lässt? Wo Illustrationen im respektvollen Einklang mit den Worten stehen? Und wie groß ist die Empörung, wenn dem Lieblingswerk eine unpassende, banale oder gar beleidigende Gestalt aufgezwungen wird.

Der Fund

Ivan Štěpán (1937–1986), Aufnahme aus den 1960er-Jahren, Autor unbekannt

So war meine Begeisterung kaum zu übertreffen, als ich in einem Online-Antiquariat auf die slowakische Übersetzung von Frau Jenny Treibel aus dem Jahr 1966 gestoßen war. Bis dahin hatte ich bei den unzähligen Ausgaben dieses Werks oft das Gefühl, dass die anmutigen Damenporträts, Fontane-Bildnisse und Berlin-Darstellungen eine zu schwache Aussagekraft besaßen und genauso etwa für Effi Briest geeignet gewesen wären. Ganz anders verhielt es sich bei den Illustrationen des slowakischen Grafikers Ivan Štěpán (1937–1986). Selbst nach 55 Jahren sticht sein Entwurf dermaßen hervor, dass ich mir das Buch sofort besorgen musste. Das, obwohl ich es bereits im Original gelesen hatte und mir prinzipiell keine Übersetzungen deutschsprachiger Autoren kaufe. Nicht einmal der besonders erfreuliche Preis von 1,50 EUR spielte eine Rolle. Ich hätte selbst das Zehnfache bezahlt.

Die Collage

Bei der Gestaltung des Umschlags für die slowakische Übersetzung setzte Štěpán eine durchaus moderne und in den 1960er-Jahren beliebte Technik ein – die Collage.

Ivan Štěpán, Buchumschlag für Pani Jenny Treibelová (Rück- und Vorderseite), Druck, 1966, Slowakisches Design Museum in Bratislava.

Aus schwer identifizierbaren schwarz-weißen und blau-weißen dicken Papierstücken (vielleicht zerrissenen Zeitschriftenumschlägen) und Buchausschnitten klebte er die Gestalt einer würdevollen Dame aus dem 19. Jahrhundert zusammen, die mit ihren fast gespenstisch wirkenden, realistischen Händen an schwarz-weiße Striche herantritt. Eine zentrale Position im Bild nimmt aber das große, verzierte „T“ ein, das der Grafiker seiner Kommerzienrätin ins Gesicht, beziehungsweise anstelle des Gesichts platzierte. Es steht für Treibel. Doch sicher stünde es gerne auch für Tugend, Treue oder vielleicht Tränen. Wird das Buch umgedreht, so zeigt auch Štěpáns Jenny Treibel ihre Kehrseite. Es ist zweifellos dieselbe Frau, doch statt der eleganten Dame präsentiert sich hier eine formlose Gestalt mit einem weit aufgerissenen Mund. Schon mit diesen zwei Collagen wäre es Štěpán gelungen, den doppelten Charakter der Kommerzienrätin auf eine kongeniale Weise darzustellen. Doch damit nicht genug.

Ivan Štěpán, Frontispiz und Titelseite von Pani Jenny Treibelová, Druck, 1966, Slowakisches Design Museum in Bratislava.

Die Geschichte wird im Buchinneren weitererzählt und Wilibald Schmidt mit Jenny Treibel konfrontiert – auf der einen Seite das hinter den schwarz-weißen Strichen hervortretende realistische Gesicht des Professors, auf der anderen die bloß auf ihre Hand reduzierte Kommerzienrätin. Bestürzt schaut Schmidt die klavierspielende Hand an, die sich seines Gedichtes bedient. In diesem letzten Bild wird auch der Einsatz der dominanten schwarz-weißen Striche aufgelöst, was der lächerlichen Karikatur auf der Rückseite des Covers noch mehr Komik verleiht. Nein, bei Štěpán singt die geehrte Frau Jenny Treibel nicht am Klavier, sondern krächzt dagegen.

Grund für Irritation oder Teil eines Gesamtkunstwerks?

Kaum eine andere Technik bietet solch mannigfaltige Möglichkeiten der Reduktion, Hervorhebung, Verzerrung und Kontextualisierung wie die Collage – die Technik des 20. Jahrhunderts. Ihr Einsatz erlaubte es Štěpán, auf überflüssige Details zu verzichten und so den zweifelhaften Charakter von Jenny Treibel in den Vordergrund zu stellen, auf ihre Beziehung mit Professor Schmidt einzugehen und sogar den Gegensatz des Poetischen und Prosaischen anzudeuten. Die bestimmt bewusste Entscheidung des Grafikers, bei einem Werk aus dem 19. Jahrhundert auf eine scheinbar unpassende Technik zu setzen, mag für Irritationen sorgen. Zugleich entsteht aber gerade dadurch eine besondere Spannung zwischen dem literarischen Werk und der Illustration. Denn trotz der Verankerung im 20. Jahrhundert stehen Štěpáns Collagen nicht im krassen Kontrast zu Fontanes Frau Jenny Treibel. Viel mehr stellen sie sich daneben, mit viel Respekt, aber auch Selbstbewusstsein. Sie wollen das Buch nicht schmücken, sondern auf das literarische Werk eingehen, es kommentieren und in ihrer Modernität auf dessen zeitlose Geltung hinweisen. Leicht könnten sie auch als eigenständige Kunstwerke funktionieren, waren aber nie dafür bestimmt. Denn ihre eigentliche Rolle lag von Anfang an darin, Schulter an Schulter mit Theodor Fontane und der Übersetzung von Viktória Hornáková zu einem Gesamtkunstwerk beizutragen, das noch heute seine Leser in der Slowakei finden kann.

Nachtrag

Auf mich persönlich haben die Illustrationen von Ivan Štěpán auch aus einem anderen Grund eine besondere Wirkung. Als ob ich in ihnen die Zeit spüren könnte, in der sie entstanden sind. Ja, die wilden Sechziger, wird sich der eine oder andere denken. Und damit gar nicht Unrecht haben, nur … Ähnlich wie Werke vieler tschechischer und slowakischer Künstler aus diesen Jahren strahlen auch Štěpáns Collagen die riesige Hoffnung einer ganzen Generation, meiner Elterngeneration, auf Freiheit und Demokratisierung aus, die 1968 in den Prager Frühling mündete. Zugleich lässt sich in ihrer Experimentierfreudigkeit auch das Entsetzen ahnen, das dem Einmarsch der Panzer des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei folgte. Štěpán blieb auch während der Normalisierung künstlerisch tätig und gehörte selbst in dieser von Zensur und Repressalien geprägten Zeit zu den harausragendsten und vielseitigsten Autoren. Die zweite Hälfte der 1960er-Jahre, als er Objekte, Ready-Mades, multimediale Installationen, Assemblagen, ein plastisches Plakat oder eben Collagen gestaltete, stellt jedoch den Höhepunkt in seinem Werk dar.

Ivan Štěpán, Entwurf des Umschlags für Pani Jenny Treibelová, Collage, 1966, Slowakisches Design Museum in Bratislava.

Der Nachlass von Ivan Štěpán befindet sich seit 2017 im Slowakischen Design Museum (dem Arbeitsplatz der Verfasserin dieses Blogbeitrags), wo auch der Originalentwurf für den Umschlag von Theodor Fontanes Pani Jenny Treibelová aufbewahrt wird. Und seit ungefähr einem Monat auch das besprochene Buch. Einige weitere Werke von Štěpán aus den 1960er-Jahren finden Sie unter dem folgenden Link (zu den Bildern einfach runterscrollen): https://100.scd.sk/detail/1891_Ivan-Stepan

 

Ich danke Gabriela Ondrišáková, meiner Kollegin aus dem Slowakischen Design Museum, für ihre freundliche Hilfe und Bereitstellung von Scans.

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