Neue Fontane-Literatur

Wer gedacht hat, dass das schon tief im Vergangenen ruhende Fontane-Jubiläumsjahr und die ihm auf dem Fuß folgende Pandemie alle Forschungsfedern hat austrocknen lassen, darf eines Besseren belehrt werden. Der Bücherstapel auf meinem Schreibtisch und in der Neuruppiner Geschäftsstelle, er wächst und wächst. Vielleicht ist das die Ernte, die aus dem Samen sprießt, den das Jubeljahr gewissermaßen nebenher auch noch ausgesät hat. Wer weiß, und wer weiß, ob es sogar nur eine erste Fuhre ist.

I.

Aber schon nach einem kurzen Blick wissen wir: kein schlechter Ertrag! Beginnen wir mit etwas, das zu diesem Jahr passt und wohl auch passgerecht dafür zugeschnitten wurde. 1871 endete der Deutsch-Französische Krieg. Fontane hat nicht nur über ihn zwei dickleibige Bände verfasst, er wäre auch beinahe sein Opfer geworden. Darüber hat er ein Buch geschrieben, das vielleicht sein bewegendster autobiographischer Text geworden ist: Kriegsgefangen. Erlebtes 1870. Begonnen hat er damit schon während der französischen Gefangenschaft im Spätherbst 1870 – allerdings erst, nachdem die Gefahr, als preußischer Spion hingerichtet zu werden, abgewendet war.

Die Fontane-Welt hat darüber viel geschrieben, Aufschlussreiches entdeckt und hier wie da sogar Vermutungen über die Tragweite des damaligen Geschehens angestellt. Zuletzt vielleicht in einem Vortrag im Rahmen der Fontane-Ringvorlesung Sommer 2019 an der Humboldt Universität Berlin (vgl. „Fontane und … Fontane. Ein Schriftsteller pur et simple. Theodor Fontanes literarische Selbstfindung 1870/71“. In: Fontane Blätter 108/2019, S. 66-85). In ihm wird die These gewagt, dass diese Todesgefahr zu einer entschiedenen Wende in Fontane schriftstellerischer Entwicklung geführt hat – nicht Hals über Kopf, sondern besonnen, wie es sich für einen wortgewandten Autor, der Fontane damals schon war, verstand. Aber was da auf Vorlesungssparflamme zusammengebruzzelt wurde, ist nichts gegen das, was nun Gabriele Radecke und Robert Rauh in dem Buch Fontanes Kriegsgefangenschaft. Wie der Dichter in Frankreich dem Tod entging (Berlin: edition q im be.bra verlag 2020) auf großem Herd unter kräftigem Feuer zubereitet haben. 

Das kommt schwungvoll daher, man hat nicht übel Lust, sich diesem Schwung unbekümmert anzuvertrauen. Versprochen wird, endlich den komplexen Fall detailliert nachzuzeichen: sowohl die Erlebnisse Fontanes als auch die „Initiativen seiner Retter“, verweist auf „bisher unveröffentlichte bzw. nicht ausgewertete Briefe,  Notizbuchaufzeichnungen und amtliche Dokumente.“ Das Vorwort lockt mit Schriftstücken zur Liberationsordre der französischen Regierung, die man aus dem Pariser Militärarchiv gefischt habe, und verweist auf ein Büchlein, das ein Sergant, der sich der Bekanntschaft Fontane in der Zitadelle Oléron erfreut hatte, „in Anlehnung an Fontane ebenfalls Kriegsgefangen nannte“ (alle Zitate S. 9). Zum Schluss der kleinen Vorbemerkung haut das Vorwort noch einmal kräftig auf die Pauke: Dass, heißt es da, sich Fontanes Gefangennahme so zutrug, wie er es in Kriegsgefangenschaft geschildert habe „und wie es anschließend jahrzehntelang tradiert wurde, gehört auf das weite Feld der Literarisierung.“ (S. 10) Wieder sind es die Notizbücher, die gehörig ‚ausgeschlachtet‘ werden und zu Abbildungsehren gelangen. (Am Rande: Sehr schön und wünschenswert wäre es, wenn Gabriele Radecke einmal einen Blog-Beitrag verfasste, in dem sie der so neugierig gestimmten Fontane-Welt den aktuellen Erschließungs- und Benutzungsstand erläutert.

So wie wir vor noch nicht allzu langer Zeit das Verfasserpaar im Bucher Boden nach Fontane-Fundstücken graben sahen, so darf man sich nun vorstellen, wie sie die französischen Orte besichtigen und die bewährte Archiv-Witterung aufgenommen haben. Mangelndes Interesse ist nicht zu befürchten. Sowohl Radecke als auch Rauh arbeiten und schreiben nicht, ohne zuvor medienerfahren eine potentielle Leserschaft erwogen zu haben. Der Erfolg gibt ihnen Recht, gewiss auch der dieses Buches. Sollte es eine weitere Auflage geben, wäre eine dankenswerte Zugabe, wenn neben dem Literatur- und kommentierten Personenverzeichnis auch ein Register (Seitenverweise) beigefügt würde, das den bequemen Zugriff erlaubt.

II.

Schon die zweite Ausgabe in seiner Reihe „Fontane-Studien“ hat Oliver Sill veröffentlicht. Der in Münster beheimatete Literaturwissenschaftler, von dem reizvolle Untersuchungen zum Lesen, zu Todesbildern und zur Liebe in der Gegenwartsliteratur vorliegen, hatte dem ersten Band den durchaus gewagten Titel Theodor Fontane – neu gelesen gegeben. Nicht zu Unrecht. Entschieden lenkte er den Blick auf den Tatbestand, dass Fontanes Erzählwerk sich nicht aus mehr oder weniger zufällig entstandenen einzelnen Romanen zusammensetzt, sondern in einer Ganzheit zu begreifen ist – und von daher noch einmal überraschende und vertiefende Einsichten gewährt. Dafür hat er eine einsichtige Les- und Erschließungsweise vorgeschlagen, auf die die Kritik aufmerksam reagiert hat. Seine Absicht war, eine Leserschaft zu erreichen, „die sehr wohl Interesse zeigen an einer genauen Textkenntnis, die aber dem wissenschaftlichen Diskurs mit seiner oft abschreckend wirkenden Terminologie eher skeptisch gegenüberstehen“ (Einleitung in Fontane-Studien II, S. 10). Der zweite Band steht unter dem Titel Apropos Fontane. Einblicke in ein facettenreiches Werk (Bielefeld: Aisthesis 2021). Er kehrt programmatisch „zurück in den Horizont wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem so vielfältigen und umfangreichen Werk Theodor Fontanes“ (S. 10).  Sill will seine eigenen Wege gehen. Er lässt sich nicht gleich in den Sog der flutenden Fontane-Forschungsliteratur ziehen, um deren Thesen zu widerlegen oder ihnen zu folgen oder sie zu zerreden. Als Berufsleser und berufener Leser weiß er, dass nichts weiterführender ist als eine umfassende Lektüre dessen, was ein Autor hinterlassen hat: also nicht nur die Romane und Erzählungen, sondern ebenso die Entwürfe, die Briefe, seine Tagebücher und die literaturkritischen Arbeiten. Er entdeckt für sich neben dem Erzähler den „Theoretiker und Denker Fontane“ und leitet daraus die vier Teile „Denkfiguren“, „Spuren“, „Grenzen“ und „Nachspiele“.

Die Weise, wie Sill seine Fontane-Lektüre fixiert, hat viel Reiz. Er sucht nach Anschlussstellen im Begriffstheoretischen, im Literaturhistorischen (keineswegs nur deutschen), in den Bezügen zu Goethe, Keller, Storm, Freytag, Raabe und Kretzer und schlägt ohne Scheu Brücken zu Joseph Roth, Johannes Bobrowski, Sebald und endlich sogar zu Lutz Seilers zweitem Roman Stern 111. Tradiertes steht neben Neuem. Wo Wege bereits befestigt sind, geht Sill mit einer ihm eigenen Neugier auf ihnen, wo sie ihm in langweilige Deutungslandschaften zu führen scheinen, fahndet er nach unbekannten Pfaden. Da er ausgesprochen lehrerfahren ist, weiß er einen klaren Stil zu schätzen und pflegt ihn.

III.

Sill ist die Kluft zwischen Forschungs- und populärer Literatur im Falle Fontanes aufgefallen. Für ihn hat sie Arbeits- und Schreibkonsequenzen. Dass ihre Existenz an sich ein Glücksfall ist, wird selten ausgesprochen. Fontane hat „etwas“ – und zwar dauerhaft und keineswegs generationsspezifisch. Er ist kein Fall für Akademie und Universität und überlebt sogar die Schule. Dabei soll nicht auf diese Institutionen billig gescholten werden. Übertreibt man es mit der Lektüre unterhaltsamer, nicht selten verplauderter Fontane-Literatur, liest sich eine so anregende Studie wie die von Barbara Helena Adams über Familiendynamiken am Beispiel der Romane Effi Briest und Frau Jenny Treibel wie eine Wohltat.

Adams widmet sich dem Familienthema in Fontanes Erzählen. Sie hatte, nicht ohne Verwundern, bemerkt, dass es bislang mit unangemessener Beiläufigkeit behandelt worden ist. In ihrer Analyse löst sich die „Annahme einer patriarchalischen Familienstruktur“ in den Romankonstellationen auf, die „Funktionsstelle Sexualität“ gerät ins Zentrum und eine maßgebliche Folgerung ist: „Alle dargestellten familialen Beziehungen erweisen sich in Fontanes Texten als perforiert, instabil, invertiert.“ (S. 241)

IV.

Auch die „Schriften der Theodor Fontane Gesellschaft“, die im Verlag Walter de Gruyter (Berlin/Boston) und das nun schon seit langen Jahren erscheinen, haben sich nicht pandemisch lähmen lassen. Gleich zwei Bände – der 13. und 14. in der Schriftenreihe – dokumentieren den Ertrag wissenschaftlicher Veranstaltungen, an deren Zustandekommen die literarische Gesellschaft sich beteiligt war. Der 13. Band dokumentiert die Beiträge einer am 8. und 9. Juni 2017 in St. Andrews stattgefundenen Tagung, die unter dem Titel „Der Fontane-Ton: Stil im Werk Theodor Fontanes“ (das auch der Titel des Sammelbandes). Die reizvolle Tagungslokalität und die liebevoll-rührige Organisation vor Ort hatte die Crème de la Crème  der Fontane-Forschung angelockt, so dass sich die Beiträgerinnenliste wie ein „Who-is-who“ liest: von Regina Dieterle über Gabriele Radecke und Helen Chambers bis Patricia Howe. Die beiden Veranstalter Michael White und Andrew Cusack haben überdies hochmotivierte jüngere Kolleginnen und Kollegen hinzugewonnen, die samt und sonders aufschlussreiche Vorträge beigesteuert und dafür eine erstaunliche Werkbandbreite gesichtet haben. Alle umkreisen jenen berühmt-berüchtigten „Fontane-Ton“, um ihn zu ergründen. Ob es gelang? Wir sind eingeladen, es zu prüfen.

Die Idee zum 14. Band geht zurück auf die längst namhafte Fontane-Forscherin Jana Kittelmann, die sie zusammen mit Matthias Grüne ausgeheckt und Frühjahr 2019 (12./13. April) in einem Leipziger Symposium verwirklicht hat: „Theodor Fontane und das Erbe der Aufklärung“. Aufsatztitel wie „Dimensionen der Aufklärungsrezeption bei Theodor Fontane“, „Theodor Fontane – Aufklärer, Verklärer, Erklärer“, „Freiheit bei Fontane“, „Fontane und die patriotische Liedkultur der Aufklärung“ oder „Glaubensdinge des 18. und 19. Jahrhunderts im Werk Theodor Fontanes“ signalisieren, in welche zum Teil überraschende Ecken forschungsaufklärerisches Licht dabei fiel. Beiträger:innen-Namen wie Iwan Michelangelo D’Aprile, Hubertus Fischer, Dirk Oschmann, Monika Ritzer, Anett Lütteken und Mike Rottmann (um sie nur zu nennen) stehen für Qualität und lösen sie ein. Es braucht manchmal Mut, eine scheinbar abwegige Richtung einzuschlagen. Aber recht angepackt, stellen sich Einsichten von nicht geringem Wert ein – und Aussichten auf weitere unbekannte Untersuchungsfelder.

V.

Zu guter Letzt: Nein, hier soll keine Lanze gebrochen werden für das ausschließliche Gewicht akademisch intendierter Fontane-Literatur – und schon gar nicht der Stab gebrochen über alles, was sich populärer Mittel bedienet, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Als der Verfasser dieser kleinen Zusammenschau vor nicht langer Zeit in der Geschäftsstelle der Theodor Fontane Gesellschaft vor sich hinwerkelte, trat mit heiterer Miene Günter Rieger ein, dessen EDITION RIEGER in Karwe seinen Sitz hat. Wer gerne ein bisschen mit seiner Fontane-Sammlung angibt und kein Buch aus diesem Verlag im Regal hat, riskiert skeptische Blicke und Fingerzeige auf empfindliche Lücken. Doch zurück zur Besuchsszene: Rieger nahm vergnügt Platz, freute sich über den eingeschenkten Kaffee, plauderte ein bisschen hierhin und dorthin – und griff unversehens in seine Tasche. Aus ihr zog er ein ansehnliches Druckwerk. Sein Verfasser heißt Jörn Lehmann, der seine beruflichen Erfahrungen als Kriminalkommissar auf regionalgeschichtliche Archivrecherchen ausgedehnt hat. Er, mittlerweile auch Bürgermeister jenes märkischen Städtchens, ist Gründungsmitglied des 1997 ins Leben gerufenen Liebenwalder Heimat- und Geschichtsvereins und leitet ehrenamtlich das dortige Museum. Das Buch, bereits 2019 herausgekommen, gibt im Titel an, wozu es verführen will: Mit Fontane entlang der Oberen Havel und es verspricht im Untertitel, was es hält: Geschichte und Geschichten. Und da diese Publikation aus diesem Verlagshaus kommt, ist sie überaus reichlich mit Abbildungen vom Feinsten ausgestattet und liefert schönste Fontane-Zitate, die jeder und jedem bei märkischen Ausflügen schönste Dienste leisten.

Genug: Sie sind eingeladen, aus dieser vielstimmigen und gemischten Auswahl das Ihre herauszufischen – oder systematisch den kleinen Bücherberg durch- und abzuarbeiten. Laue Sommerabende laden dazu ein.

One comment

  1. Dr.+Joachim+Kleine says:

    In Roland Berbigs anregende Leseempfehlungen stimme ich gern ein. Jeder
    der von ihm genannten Titel ist es wert, sich dahinein zu vertiefen. Oder sollte ich besser sagen: wäre es wert? Beschaffen ließen sie sich allesamt unschwer; AMAZON
    erledigt das in Windeseile. Aber die Bezahlung! Lehmann, Radecke/Rauh und Sill
    lassen sich mit je 20 € (oder etwas mehr) vielleicht noch aus der Portokasse begleichen. Für die sechs Bände insgesamt aber müsste man rund 265 € hinblättern – etwas viel für Otto-Normalverbraucher. Wie also kommt er an die Kostbarkeiten ran, ohne sich in Schulden zu stürzen zu müssen? Joachim Kleine.

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