Fontane und Clough. Ein Zusammentreffen simultaner Werte

Der Fontane Blog bedankt sich für diesen Gastbeitrag, dessen redaktionelle Bearbeitung Dalina Schambach ebenso dankenswerterweise übernommen hat.

Ein Zusammentreffen simultaner Werte

Arthur Hugh Clough

Die zwei prominenten Dichter Arthur Hugh Clough und Theodor Fontane wurden beide im selben Jahr geboren: 1819. Trotzdem verliefen ihre Leben sehr unterschiedlich. Clough starb schon früh im Jahr 1861. Er blieb in der Geschichte der englischen Literatur hauptsächlich vertreten als Autor mehrerer Gedichte, darunter Say Not the Struggle Naught Availeth. Fontane lebte fast doppelt so lang und starb erst 1898. Sein Ruhm basierte größtenteils auf seinen Romanen [1], die in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens geschrieben wurden. Dennoch leisteten auch seine Gedichte einen wichtigen Beitrag zur deutschen Poesie des 19. Jahrhunderts [2].

Der Zweck dieses Beitrags ist es, zu zeigen, dass die zwei Dichter ungefähr zur gleichen Zeit Gedichte schrieben, die eine verblüffend ähnliche Bedeutung haben und Schlüsselstimmungen ihrer Zeit widerspiegeln.

In der ersten Sammlung des Dichters Theodor Fontane Gedichte (Berlin, 1851) wurde folgendes Gedicht veröffentlicht:

Du darfst mißmutig nicht verzagen,
In Liebe nicht noch im Gesang,
Wenn mal ein allzu kühnes Wagen,
Ein Wurf im Wettspiel dir mißlang.

Wes Fuß wär‘ niemals fehlgesprungen?
Wer lief nicht irr‘ auf seinem Lauf?
Blick hin auf das, was dir gelungen,
Und richte so dich wieder auf.

Vorüber ziehn die trüben Wetter,
Es lacht aufs neu der Sonne Glanz,
Und ob verwehn die welken Blätter,
Die frischen schlingen sich zum Kranz.

Im amerikanischen Kunstjournal The Crayon veröffentlichte Clough im August 1855 das Gedicht The Struggle:

Say not the struggle naught availeth,
The labour and the wounds are vain,
The enemy faints not, nor faileth,
And as things have been they remain.

If hopes were dupes, fears may be liars;
It may be, in yon smoke conceal’d,
Your comrades chase e’en now the fliers,
And, but for you, possess the field.

For while the tired waves, vainly breaking,
Seem here no painful inch to gain,
Far back, through creeks and inlets making,
Comes silent, flooding in, the main.

And not by eastern windows only,
When daylight comes, comes in the light;
In front the sun climbs slow, how slowly!
But westward, look, the land is bright!

Die Fußnoten der Veröffentlichungen geben an, dass Fontanes Gedicht 1849/1850 und Cloughs Gedicht ebenfalls 1849 verfasst wurde. Das letztere erschien noch einmal ohne Titel in einer Ausgabe von 1862.

Die Gedichte haben eine ähnliche Länge – 12, bzw. 16 Verse. Parallelen gibt es auch im inhaltlichen Aufbau. Die erste Zeile fordert die lesende Person in einem direkten Appell dazu auf, nicht zu verzweifeln. Darauf folgt eine Auflistung möglicher Fehler, die dazu führen können, dass eine Person ihren Glauben verliert. Die Texte enden mit einem optimistischen Aufruf, an sich, die eigene Stärke und das Glück zu glauben. Jeweils in den letzten vier Versen wird das Bild einer strahlenden Sonne gezeichnet. Sie steht symbolisch für Wiedergeburt und den kommenden Sieg.

Die beiden Gedichte ähneln sich stark in Bildsprache und Stimmung. Wenn man ihre Entstehungsgeschichten nicht kennt, könnte man denken, das eine sei eine freie Nacherzählung des anderen oder umgekehrt. Zumindest erwartet man ein „basierend auf…“.

Bemerkenswert ist, dass die Autoren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mit den Werken des jeweils anderen vertraut sein konnten. Fontane lebte noch in Berlin [3] und konnte damals kein Englisch. Clough konnte kein Deutsch und war von 1852 bis 1853 in den USA [4], wo sein Gedicht in The Crayon veröffentlicht wurde. Beide aufstrebenden Dichter waren zu dieser Zeit selbst in ihrer Heimat noch wenig bekannt, von internationalem Ruhm ganz zu schweigen. Es kann sich also nur um einen Zufall handeln.

Trotzdem gibt es eine Erklärung für diesen scheinbaren Zufall. In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es die Tendenz zu stoischen Werten in der europäischen Kultur [5]. Sie fanden sowohl beim „Establishment“ als auch in der breiteren Leser*innenschaft Zustimmung [6]. Die ideologischen Grundlagen dieser Tendenz beruhten auf unterschiedlichen Werten. Dazu gehörten die Neuentstehung der positivistischen Philosophie, der christlichen Religion und nationaler Traditionen – der Preußischen in Fontanes und der Englischen in Cloughs Fall.

Im letzten Punkt stimmten die beiden trotz vieler Unterschiede im Kern überein: moralischer Rigorismus und puritanische Treue zur Pflicht. Die Konfrontation einer Einzelgängerin*eines Einzelgängers mit dem Schicksal sowie die tragische Erfüllung der Pflicht – koste es, was es wolle – wurden zu den Hauptthemen englischer Poesie der viktorianischen Ära. Die Spannweite reichte von Alfred Tennysons Gedicht The Charge of the Light Brigade (übrigens von Fontane übersetzt – Anm. d. Red.) über William Ernest Henleys Invictus, bis hin zu A. E. Housmans Sammlung A Shropshire Lad und Rudyard Kiplings If –.

Fontanes Text wurde in seiner Gedichte-Sammlung unter der Sektion Sprüche veröffentlicht. Bei dem didaktischen Genre handelt es sich um aphoristische Verse, für die Johann Wolfgang von Goethe klassische Beispiele gegeben hat. Sprüche reagieren oft auf die Anforderungen ihrer Zeit. In Fontanes Fall überlagern sich zeitlose Lehren mit preußischen Pflichttraditionen. Er selbst akzeptierte die Werte Preußens trotz seiner kritischen Haltung gegenüber dem Staat [7]. Er fühlte sich aber auch angezogen von der damaligen englischen Kultur strenger Selbstdisziplin, die mit der Preußens übereinstimmte. Von 1855 bis 1859 lebte er als Korrespondent für deutsche Zeitungen in Großbritannien. In dieser Zeit schrieb er viele Balladen, die den schottischen und englischen Stil imitieren.

Clough war zusätzlich zu seinen Gedichten als Beamter des Kultusministeriums bekannt. In seiner Freizeit wirkte er als unbezahlter Sekretär von Florence Nightingale. Die britische Krankenschwester wurde während des Krimkrieges bekannt, in dem die von Tennyson beschriebene Charge of the Light Brigade stattfand. Nightingale selbst war die Personifikation strikten, moralischen Engagements. Als Fontane bereits über fünfzig Jahre alt und Korrespondent im deutsch-französischer Krieg war, wurde er gefangen genommen. Dort verhielt er sich mutig und würdigte in seinen Memoiren die Menschlichkeit, mit der seine Feinde ihn behandelten.

Aber all dies liegt zum Zeitpunkt des Schreibens der Gedichte noch in der Zukunft. Damals hatten beide Dichter noch wenig Lebenserfahrung. Die Texte erwiesen sich in ihren Biografien gewissermaßen als prophetisch. Cloughs Gedicht wird oft mit der gescheiterten Chartist*innen-Revolution von 1848 in Verbindung gebracht. Diese Interpretation mag einem jedoch gewagt erscheinen.

Obwohl der englische Stoizismus – die Pflicht nur um der Pflicht willen – manchmal einen recht trostlosen Charakter hat [8], ebenso wie die preußische Disziplin der Befehlsausführung, weist keines der Gedichte eine tödliche Leblosigkeit auf. Im Gegenteil, sie versprechen eine Rückkehr der Lebensfreude nach Rückschlägen und dunklen Tagen.


Fußnoten:
[1] Arnold, Heinz Ludwig (1989): Theodor Fontane.
[2] Amrein, Ursula; Dieterle, Regina (2008): Gottfried Keller und Theodor Fontane. Vom Realismus zur Moderne.
[3] Attwood, Kenneth (2000): Fontane und das Preußentum.
[4] Kenny, Anthony (2005): Arthur Hugh Clough, a Poet’s Life.
[5] Felluga, Dino Franco, et al. (2015): The Encyclopedia of Victorian Literature.
[6] Flint, Kate, ed. (2014): The Cambridge History of Victorian Literature.
[7] Nitschke, Wolf (2016): Theodor Fontane – ein preußischer Autor? In: Kraus, Hans-Christof; Kroll, Frank-Lothar (Hrsg.): Literatur in Preußen – preußische Literatur? Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, Neue Folge, Beiheft 13/3: Preußen in seinen künstlerischen Ausdrucksformen, Band 3, S. 81–110.
[8] Slinn, Warwick (1991): The Discourse of Self in Victorian Poetry.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.