Theodor Fontane in der Preßburger Zeitung

Die Suche nach einem Zusammenhang zwischen Theodor Fontane und Pressburg, wie die slowakische Hauptstadt Bratislava noch im 19. Jahrhundert offiziell hieß, scheint nur wenig sinnvoll zu sein. Pressburg, bis zum Zerfall der Donaumonarchie das zweitwichtigste kulturelle und politische Zentrum des Königreichs Ungarn, das über zweieinhalb Jahrhunderte ungarische Haupt- (1536–1784) und Krönungsstadt (bis 1830) war, spielte in Fontanes Biografie keine Rolle. Er hat die Stadt nie besucht (zumindest gibt es dafür keine Beweise), auch war hier kein Verlag angesiedelt, mit dem er je auf irgendeine Weise zusammengearbeitet hätte. Auch der Blick in Wolfgang Raschs digitale Theodor Fontane Bibliographie, einen nicht nur in diesem Falle nützlichen Online-Dienst des Theodor-Fontane-Archivs, führt in eine Sackgasse.

Eher scheint die Frage angebracht, ob Fontane die Stadt an der Donau überhaupt wahrgenommen hatte. Wohl kaum. Viel Interessanteres ergibt sich aber, wenn der Blickwinkel umgedreht wird. Waren den Bewohnern Pressburgs Werke des deutschen Dichters bekannt? Wurde er schon zu seinen Lebzeiten gelesen? Die Tatsache, dass Pressburg, obwohl zu Ungarn gehörend, bis in die 1920er-Jahre eine vorwiegend deutschsprachige Stadt war (neben Ungarisch und Slowakisch), verleiht der Suche nach einer möglichen Rezeption die erforderliche Berechtigung.

Einem so breit gestellten Vorhaben müssen im nächsten Schritt unbedingt Schranken gestellt werden. Eine ergibt sich fast von alleine schon bei der Quellensuche. Wenn sich keine Anhaltspunkte in der bisherigen Forschung finden lassen, sollte man vielleicht dort beginnen, wo wissbegierige Pressburger am Ende des 19. Jahrhunderts Informationen zum internationalen Geschehen bezogen – aus der Zeitung. Und wäre es nicht angebracht, zuerst die Preßburger Zeitung, die zu ihrer Zeit zu den bedeutendsten deutschsprachigen Periodika Ungarns zählte, in die Hand zu nehmen?[1]

Umschlag der Preßburger Zeitung aus dem Jahr 1897. Quelle: Universitätsbibliothek in Bratislava.

Zeitschriften, Zeitschriften und nochmals Zeitschriften

Die erste Erwähnung Theodor Fontanes in der Preßburger Zeitung reicht in das Jahr 1853, also in eine Zeit, in der der noch relativ junge Dichter als Korrespondent Fuß zu fassen versuchte. Es handelte sich um eine Annonce für die seit 1851 vom Österreichischen Lloyd herausgegebene Zeitschrift Illustrirtes Familienbuch zur Unterhaltung und Belehrung häuslicher Kreise, dessen dritten Jahrgang man auch mit dem Verweis auf „Hastingsfeld, historische Erinnerungen von Theodor Fontane“[2] bewarb. Der erste Verweis auf den in dieser Zeit noch wenig berühmten Dichter deutet bereits die Art und Weise an, wie die Redaktion der Preßburger Zeitung einige Jahre später zur Bekanntheit von Theodor Fontane in Pressburg beitragen sollte – nämlich über Hinweise auf literarische Zeitschriften, in denen seine Werke erschienen.

In der zweiten Hälfte der 1880er-Jahre wurde Fontane auch in Pressburg stets präsenter, wenn auch nur vermittelt über seine Texte. Da von den hiesigen Buchhandlungen unter anderen auch die wichtigsten deutschsprachigen illustrierten und literarischen Zeitschriften bezogen wurden, konnten die Leser praktisch zur gleicher Zeit wie in Berlin, München oder Wien Die Gartenlaube, Universum, die Deutsche Rundschau oder Ueber Land und Meer in die Hand nehmen und sich über seine Romane im Fortsetzungsdruck erfreuen.

Eine wichtige Rolle bei der Bewerbung dieser Zeitschriften spielte die Preßburger Zeitung mit ihrer Rubrik „Literatur“, die hauptsächlich einen Überblick über die neuesten deutschsprachigen Erscheinungen lieferte. Dem rein informativen Charakter entsprechend fand sich in der Zeitung kein Raum für ausführlichere literarische Rezensionen. Trotzdem fällt auf, dass Fontanes Werke stets beachtet wurden, sei es nur mit einem lobenden Satz oder mit einem längeren Kommentar. Auf diese Weiseie trug die „Literatur“-Spalte dazu bei, dass die Leserschaft unverzüglich über Neuerscheinungen Fontanes in einer auch in Pressburg zugänglichen Zeitschrift informiert war.

Im Jahr 1885 wurde in der Preßburger Zeitung das deutsche illustrierte Familienblatt Die Gartenlaube sowohl in der Rubrik „Literatur“ als auch in Form einer Anzeige annonciert, unter anderem mit dem Verweis auf Fontanes Kriminalnovelle Unterm Birnbaum[3] und noch ohne bewertende Kommentare der Redaktion. Dies sollte sich schon im nächsten Jahr ändern, als die Dresdner Illustrierte Universum Fontanes Novelle Cécile zu veröffentlichen begann. So hieß es zum Anfang der Novelle, dass sie „das Interesse des Lesers von Anfang an in Spannung“[4] halte, und zum Ende wiederum: „‚Cecile‘ von Theodor Fontane hat einen aufs Tiefste ergreifenden und versöhnenden Schluß.“[5]

Mit der wachsenden Popularität des Autors in Deutschland stieg auch das Interesse und die Anerkennung für sein Werk in der Preßburger Zeitung. So hatte das Jahr 1890 einen Fontaneschen Auftakt. Am 5. Januar berichtete die Rubrik „Verschiedenes“ von seinem siebzigsten Geburtstag und übermittelte den Lesern mit dem kurzen Beitrag „Greise Poeten“ zumindest einen Einblick in die Feier des auch in Pressburg beliebter werdenden Dichters:

Bei Fontane liefen zahlreiche Glückwünsche und Festgaben aus allen Gauen Deutschlands ein. Die gesammte literarische und artistische Welt Berlins gab sich in der Wohnung des Jubilars Rendezvous, die mit Blumensendungen, Lorbeerkränzen, Pokalen, Adressen und tausenderlei Kunstsachen förmlich vollgestopft war.[6]

Der Bericht endete mit der Information über die Planung einer großen öffentlichen Feier am folgenden Samstag. An dieser konnte die Pressburger Öffentlichkeit selbstverständlich nicht teilnehmen, doch begeisterte Fontane-Leser wurden bereits weniger als zwei Wochen später entschädigt – mit einem ausführlichen Hinweis auf die Gesamtausgabe von Fontanes erzählenden Schriften und die Möglichkeit eines Abonnements über örtliche Buchhandlungen:

Gerade zur rechten Zeit stellt sich diese Gesammt-Ausgabe der Romane und Novellen des gefeierten Autors ein. Nur kurze Tage sind seit dem Jubiläum des Dichters verflossen, und die zahlreichen Kundgebungen der Liebe und Verehrung, welche die Feier des 70. Geburtstages Fontane’s hervorief, haben gezeigt, welche Anerkennung sein literarisches Schaffen gefunden hat. Um einem größeren Publikum Gelegenheit zu geben, die interessanten Werke Fontane’s kennen zu lernen, veröffentlicht jetzt das Deutsche Verlagshaus (Emil Dominik) zu Berlin eine Gesammt- Ausgabe, welche in etwa 45 Lieferungen zu 30 kr. – alle 14 Tage eine Lieferung – erscheint. Diese Gesammt-Ausgabe, welche, im handlichen Romanformat veröffentlicht, gebunden eine Zierde jeder Privat Bibliothek sein wird, enthält an Romanen und Erzählungen: „Adultera“, „Graf Petöfi“, „Vor dem Sturm“, „Schach von Wuthenov“ [sic], „Cecile“, „Kriegsgefangen“, „Unterm Birnbaum“, „Grete Minde“, „Ellernklipp“ etc. etc. Für den geringen Preis von etwa 13 fl. 64 kr. erhält der Subskribent diese Gesammt-Ausgabe, während die genannten Werke in den Einzel-Ausgaben zusammen das Dreifache kosten. Die erste Lieferung der Gesammt-Ausgabe erschien am 1. Februar; Abonnements auf dieselbe nimmt jede Buchhandlung, sowie die Verlagshandlung an.[7]

Im Jahr 1890[8] wurde auch Fontanes Roman Stine veröffentlicht. Wie es bei ihm die Regel war, erschien das Werk zuerst vom Januar bis März in Fortsetzung, diesmal in der Zeitschrift Deutschland. Wochenschrift für Kunst, Literatur, Wissenschaft und soziales Leben, und erst einige Wochen später als Buch im Verlag seines Sohnes. Der neue Berliner Roman entging der Redaktion der Preßburger Zeitung natürlich nicht. Anders jedoch als bei den Novellen Unterm Birnbaum und Cécile und später bei seinen weiteren Romanen, wurde das Werk von der Redaktion nicht im Zeitschriften-Format beworben, sondern erst in der Buchfassung. Über die Gründe kann nur gemutmaßt werden, es stellt sich aber die Frage, ob die Zeitschrift Deutschland in Pressburg überhaupt erhältlich war. Jedenfalls widmete die Literatur-Rubrik dem Roman bereits im Mai 1890 eine für die Preßburger Zeitung längere Besprechung, wobei mit lobenden Worten nicht gespart wurde:

„Stine“, der neue Roman Theodor Fontane’s, kann ein Pendant zu dem vielbesprochenen Berliner-Roman „Irrungen, Wirrungen“ desselben Autors genannt werden. Hier wie dort echte Berliner Luft, Naturwahrheit, modernes Großstadtleben. Nur, daß in „Stine“ Alles auf’s Tragische angelegt ist, während „Irrungen, Wirrungen“ einen versöhnlichen Abschluß fand. In beiden Werken hat die vielgerühmte Darstellungsweise Fontane’s ihren Höhepunkt erreicht; mit wenigen, markigen, scharf charakterisierenden Strichen stellt es die Personen vor uns hin, ohne idealistische Drapierung, menschlich fühlend, liebend und leidend. […] Die Erzählung wirkt gerade durch die Vereinigung des trockenen Berliner Humors, welcher die Pittelkow und den alten Grafen auszeichnet, mit der sentimentalen Anschauungsweise, die Stine und ihren gräflichen Verehrer erfüllt. Daß Th. Fontane in der Wiedergabe des alten Berlinerthums bis jetzt einzig dasteht, beweist dieses Werk auf’s Schlagendste, das seines fesselnden Inhalts halber bald in Aller Hände sein dürfte.[9]

Hier möchte ich erst einmal innehalten. Ein Beitrag im Fontane-Blog hat seine Grenzen, sie sind zu wahren. Wem allerdings dieser Fingerzeig zu „Theodor Fontane in der Preßburger Zeitung“ nicht genügt und wer mehr wissen will, der sei auf die nächste Ausgabe der Fontane Blätter verwiesen.

 

[1] Die Recherche für diesen Artikel beruht auf zwei einander ergänzenden digitalisierten Beständen der Preßburger Zeitung – dem Bestand der Universitätsbibliothek in Bratislava und dem Bestand des Archivs der Stadt Bratislava, der online in der Bibliothek des Digitalen Forums Mittel- und Osteuropa zur Verfügung steht.
[2] Vgl. Einladung zur Pränumeration auf das Illustrirte Familienbuch zur Unterhaltung und Belehrung häuslicher Kreise. In: Preßburger Zeitung, 89, 10.7.1853, Nr. 155, S. 620.
[3] Vgl. Literatur. In: Preßburger Zeitung, 122, 7.10.1885, Nr. 275, S. 4.
[4] Literatur. In: Preßburger Zeitung, 123, 23.6.1886, Nr. 172, S. 5.
[5] Literatur. In: Preßburger Zeitung, 123, 28. 8. 1886, Nr. 238, S. 5.
[6] Verschiedenes. In: Preßburger Zeitung, 127, 5.1.1890, Nr. 5, S. 4.
[7] Literatur. In: Preßburger Zeitung, 127, 17.2.1890, Nr. 47, S. 4.
[8] Im Jahr 1890 wurde in der Preßburger Zeitung auch Fontanes Roman Quitt, der in der Gartenlaube auf Fortsetzung erschien, beworben. Vgl. Literatur. In: Preßburger Zeitung, 127, 3.5.1890, Nr. 121, S. 5.
[9] Literatur. In: Preßburger Zeitung, 127, 6.5.1890, Nr. 124, S. 5.

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