Interview mit dem slowakischen Fontane-Übersetzer Ľudovít Petraško

Unter dem Titel Výstrel z kazateľnice (Der Schuss von der Kanzel) erschienen im Jahr 2017 vier klassische Kriminalnovellen der deutschsprachigen Literatur in slowakischer Übersetzung. Erstmalig stehen so die Novellen Das Kloster bei Sendomir von Franz Grillparzer, Die Judenbuche von Anette von Droste-Hülshoff, Der Schuss von der Kanzel von Conrad Ferdinand Meyer und Theodor Fontanes Unterm Birnbaum dem slowakischen Leser in einem Band zur Verfügung. Der Herausgeber und Übersetzer in einer Person ist der Germanist Ľudovít Petraško, der für das Buch auch das Nachwort und Kurzporträts der vorgestellten Autoren verfasst hat.

 

Sie waren nicht nur Übersetzer der einzelnen Texte, sondern standen hinter dem gesamten Konzept des Buches. Als wäre es Ihr persönliches Projekt. Was hat Sie dazu veranlasst, diesen Band zusammenzustellen und ins Slowakische zu übersetzen? Warum diese deutschsprachigen Autoren des 19. Jahrhunderts? Und warum gerade Kriminalnovellen?

Ľ.P.: Die Antwort ist einfach: für beinahe drei Jahrzehnte stellte die klassische deutsche Literatur den Schwerpunkt meiner pädagogischen Tätigkeit dar, Zeit genug, um eine innigere Beziehung anzuknüpfen. Im Semester haben wir etwa zehn Texte vom unterschiedlichen Umfang behandelt, darunter einen Roman, nämlich Fontanes Effi Briest. Lange Zeit lief das gut, schließlich verfügten die Studenten über die erforderliche Lesekultur sowie solide Deutschkenntnisse. Leider sollte es nicht so bleiben. Als erstes tauchte gerade Effi als Problem auf, wegen der Länge, nach und nach auch andere Texte. So musste ich allmählich auf Fragmente ausweichen. Um ihnen Zugang zur Klassik zu erleichtern, – zugegeben, um diese im Original lesen zu können, sind gewissermaßen überdurchschnittliche Sprachkenntnisse erforderlich – verfiel ich auf die Idee, dies über die von der Leserschaft bevorzugten Genres zu versuchen. Nach Mŕtvy hosť (Der tote Gast, 2014), einer Anthologie der klassischen deutschen Mystery-Storys (auch der große Goethe fand darin Platz) folgten also Erzählungen bzw. Novellen sowie ein Roman in einem Band, allesamt Vorläufer der heute so populären Kriminalliteratur.

Wie wurde das Buch von der slowakischen Leserschaft und insbesondere von Ihren Studenten aufgenommen?

Ľ.P.: Wir sollen uns nichts vormachen: Klassik ist nicht gerade „in“, ihre Herausgabe wird nicht geradezu üppig gefördert. So habe ich lediglich eine Rezension, allerdings eine überaus kompetente, im Literaturmagazin Fraktal verzeichnet, ein paar andere sind mir womöglich entgangen. Allerdings habe ich potentielle Rezensenten auf den Titel nicht extra aufmerksam gemacht.  Immerhin wurde aus dem Buch im Funk auf Fortsetzung gelesen. Freilich steht zu befürchten, dass Der Schuss von der Kanzel in der Flut der slowakischen Buchproduktion womöglich untergeht. So oder so ist der Titel in Bibliotheken zugänglich, Buchhandlungen können ihn problemlos besorgen. Ich wünschte, zuständigen Kollegen anderswo würde er ebenfalls nicht entgehen. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass der Leser, an den raffinierten Plots der zunehmend brutaleren Kriminalgeschichten geschult, nicht enttäuscht sein wird. Jenen Klassikern ging es doch um mehr, als lediglich Spannung zu erzeugen und des Rätsels Lösung zu finden.

Kommen wir nun auch zur Übersetzung. Da wir hier im Fontane-Blog sind, würde mich natürlich vor allem Theodor Fontanes Unterm Birnbaum interessieren. Wie übersetzt sich Fontane? Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Schwierigkeiten in der Überführung seiner Sprache ins Slowakische? Und was hat Ihnen bei der Übersetzung besondere Freude bereitet?

Ľ.P.: Eine übliche Schwierigkeit bei der Übersetzung der Klassik ist es, den richtigen Ton zu finden. Unmöglich, wenn nicht unsinnig wäre der Versuch, den Text im Modus des Slowakischen am Ende des vorvorletzten Jahrhunderts herzustellen. Andererseits wäre auch keine gute Lösung, sich allzu sehr sprachlicher Modernisierungen zu bedienen. Der Leser soll sich bewusstwerden, dass die Entstehungszeit des Textes über ein Jahrhundert zurückliegt. Mitunter empfand ich Fontanes Stil – der Meister möge es mir verzeihen – hie und da als irgendwie ungelenk, was man jedoch in der Übersetzung beheben kann. Besondere Freude hat mir bereitet, dass ich keine fremde Hilfe benötigte, um die gereimten Passagen nachzudichten, ob ein Liedchen aus dem Tingeltangel oder das Gedicht von A. von Droste-Hülshoff, als Motto der Judenbuche vorangestellt. Was auch dem Rezensenten nicht entgangen ist.

Ist Unterm Birnbaum auch Ihr Lieblingswerk von Fontane oder würden Sie bei dieser Frage doch einen seiner größeren Romane nennen? Oder vielleicht seine Lyrik?

Ľ.P.: Ich finde es schade, dass Effi Briest nicht die gleiche Stellung in der Weltliteratur wie Anna Karenina oder Madame Bovary einnimmt. Unterm Birnbaum halte ich eher für ein Intermezzo in Fontanes Gesamtwerk, zwischen, sagen wir, L’Adultera und Irrungen, Wirrungen, denen doch eine größere Bedeutung zukommt. Nichtsdestotrotz halte ich die Kriminalgeschichte – im Übrigen nicht die einzige im Schaffen des Dichters – keineswegs für ein belangloses Nebenwerk. Künftighin würde ich mich bei Gelegenheit an seiner Lyrik versuchen.

Mit der Übersetzung wollten Sie Ihren Studenten helfen, gewisse Schwierigkeiten bei der Originallektüre zu überwinden. Im Rahmen Ihrer Lehre haben Sie aber sicher Seminare angeboten, wo ein konkreter Autor im Mittelpunkt stand. Gab es bei Ihnen auch Seminare mit Schwerpunkt auf Fontane?

Ľ.P.: Der Lehrplan ermöglichte es mir leider nicht, Fontane mehr als zwei Stunden im Rahmen des Seminars zur deutschen Literatur des 19. Jh. zu widmen; es ging vielmehr darum, die Orientierung in der Literatur des betreffenden Zeitraums zu vermitteln. Hoffentlich kamen wir dabei über die bloße Handlung hinaus, bestimmte Aspekte – die Figurenzeichnung etwa, Stellung der Frau, das Motiv des rätselhaften Chinesen – wurden herausgegriffen.

Als Übersetzer haben Sie vielleicht schon konkrete Pläne oder noch nicht verwirklichte Träume. Wäre auch etwas von Theodor Fontane dabei? Glauben Sie eigentlich, dass dieser deutsche „Klassiker“ noch Leser in der Slowakei hat oder weitere mit einer neuen Übersetzung gewinnen könnte?

Ľ.P.: Ich mache mir keine Illusionen: der Leser bevorzugt die neuere, ja die neuste Literatur, Verlage kommen ihm darin entgegen. Andererseits dürfte Fontane, genauso wie andere Klassiker, nach wie vor seine Leser finden. Einiges von ihm liegt bereits auf Slowakisch vor, freilich ältere Ausgaben: außer Effi Briest auch Irrungen, Wirrungen, Frau Jenny Treibel, Der Stechlin. Vielleicht lohnte es sich sie neu herauszugeben, eventuell neu zu übersetzen. Immerhin ist Effi Briest hierzulande aus dem Kino und vom Bildschirm bekannt, auch für den slowakischen Funk wurde sie adaptiert.

 

Ľudovít Petraško, 2022 (Foto privat)

Ľudovít Petraško (1949) ist slowakischer Germanist, Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. Er studierte Germanistik und Slovakistik an der Philosophischen Fakultät der Pavol-Jozef-Šafárik-Universität in Prešov, die letzten vier Semester an der Universität Rostock. Nach dem Studium arbeitete er im Literaturmuseum, als Verlagslektor sowie in einer Wissenschaftsbibliothek. Ab 1990 war er als Dozent an der Universität in Prešov am Institut für Germanistik tätig, wo er deutsche Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts betreute. Zurzeit unterrichtet er am Fremdspracheninstitut der Pädagogischen Fakultät der Palacký-Universität in Olmütz. Als Autor veröffentlichte er u.a. zwei Prosabände, den Roman Lanské snehy (Schnee von gestern, 2009), Hörspiele. Petraško übersetzt aus dem Deutschen und dem Englischen und schreibt Rezensionen für literarische Zeitschriften.

 

Ľudovít Petraško (Hrsg.): Výstrel z kazateľnice. Kriminálne novely z nemeckej klasiky. Pectus, Košice 2017. 264 Seiten, 13,90 EUR, ISBN 978-80-89435-30-2

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