Fontane als Schriftsteller

Theodor Fontane war ein deutscher Schriftsteller.

Dieser Satz, der so oder so ähnlich in zahlreichen Enzyklopädien und Schulbüchern steht, ist zweifelsohne richtig. Was hier jedoch so nonchalant als Tatsache präsentiert wird, ist in Wahrheit das Produkt eines langen und mühsamen Prozesses, die Kumulation eines ganzen Lebens. Denn Fontanes Schaffen als freier Schriftsteller und Romanautor beginnt erst in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens. Die großen, weltberühmten Romane wie Effi Briest oder Der Stechlin entstanden gar wenige Jahre vor Fontanes Tod. Die Anerkennung als Autor und Dichter fiel Fontane nicht wie selbstverständlich in den Schoß, tatsächlich hat er bis zuletzt darum gekämpft.

Theodor Fontane mit Feder und Notizbuch (Gemälde von Carl Breitbach 1883)
Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Die Schriftsteller in der Literaturlandschaft des 19. Jahrhunderts kann man grob in zwei Arten einteilen: zum einen die Romanautoren und Dichter aus bürgerlichen oder adeligen Kreisen, überwiegend mit Hochschulbildung, die das Dichten als eine Art Hobby ausübten, während sie auf eine höhere und angesehenere Karriere zustrebten, oder im Staatsdienst Auftragswerke verfassten, und zum anderen Berufsschreiber, etwa von Zeitungsartikeln, Reiseberichten oder Unterhaltungsliteratur, die mit dem Schreiben oft mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt bestritten. Die Letzteren waren in der Gesellschaft nicht so hoch angesehen wie die Ersteren. Tatsächlich begegneten Journalisten oft einer großen Skepsis und Misstrauen ihrem Berufsstand gegenüber. Fontanes schriftstellerische Karriere begann als ein solcher Berufsschreiber und Journalist.

Suche nach Bestätigung im „Tunnel“

Als nicht studierter Sohn eines Apothekers – was im 19. Jahrhundert kein akademischer, sondern eine Art Handwerksberuf war – hat auch Fontane zunächst eine Apothekerausbildung absolviert. Statt jedoch den Fußstapfen seines Vaters zu folgen und eine eigenen Apotheke zu eröffnen, begann er für Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Kontakte zur journalistischen Berufswelt fand er durch Bekanntschaften im literarischen Verband „Der Tunnel über der Spree“, dem er sich schon während seiner Apothekerausbildung anschloss. Die Nähe zu solchen literarischen Verbänden suchte Fontane sein Leben lang. Dort fand er die Inspiration und die kritische Auseinandersetzung mit seinen dichterischen Werken, die seinen Traum vom Schriftstellertum nährten.

Als fast Siebzigjähriger schrieb er im Gedicht Lebenswege über den Tunnel und die Schriftstellerei:

Fünfzig Jahre werden es ehestens sein,
Da trat ich in meinen ersten „Verein“.
Natürlich Dichter. Blutjunge Ware:
Studenten, Leutnants, Referendare.
Rang gab’s nicht, den verlieh das „Gedicht“,
Und ich war ein kleines Kirchenlicht.
So stand es, als Anno 40 wir schrieben;
Aber ach, wo bist du Sonne geblieben?
Ich bin noch immer, was damals ich war,
Ein Lichtlein auf demselben Altar,
Aus den Leutnants aber und Studenten
Wurden Generäle und Chefpräsidenten. […][1]

Es lässt sich daraus eine große Sehnsucht nach Gleichstellung herauslesen, die im „Tunnel“ zunächst auch erfüllt schien: Die Mitglieder vergaben sich Decknamen – Fontane selbst war unter dem Namen „Lafontaine“ bekannt – wodurch Standes- und Bildungsunterschiede nicht mehr so deutlich erkennbar waren. Nur das eigene Schaffen zählte. Und doch wurden die Unterschiede im Verlauf der Jahre deutlich: Geld, Titel und Ansehen spielten in der Gesellschaft trotz allem eine große Rolle und all das fehlte Fontane bis zuletzt.

Lithographie, Widmungsblatt Moritz Lazarus des Vereins „Tunnel über der Spree“
© Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsbibliothek

Die Arbeit für Zeitungen und Staatsorgane, die teilweise sogar seinen eigenen politischen Überzeugungen widersprachen, trat Fontane in erster Linie aus Geldnot an. In Ausgleich dazu stand sein literarisches Schaffen, das er im „Tunnel“ und anderen literarischen Verbänden bestätigen ließ. Erfolgreiche Projekte wie die Kriegsgeschichtsschreibung und die Reiseberichte Wanderungen durch die Mark Brandenburg ermöglichten erst, dass er zum Ende seines Lebens hin es wagen konnte, sich völlig dem Schreiben von Romanen zu widmen.

Die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller

Und doch wird er auch weiterhin von Selbstzweifeln und Frust über die mangelnde Anerkennung des Schriftstellerberufs geplagt. In dem 1891 anonym veröffentlichten Aufsatz Die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller zeigt er mehrere Problemfelder auf, die der Anerkennung des Schriftstellers im Wege stehen. Zum einen der scheinbar fehlende gesellschaftliche Nutzen von Schriftstellerei: „Schreiben kann jeder. Und außerdem ist das Schriftstellern so nutzlos, es ist das einzige Metier, das ganz überflüssig dasteht und mit einem ernsten Bedürfnis der Menschen nicht recht zusammenhängt.“[2]

Ein klar definierter Mangel des Menschen, die Berufe wie etwa die des Arztes oder Apothekers legitimieren, fehlt dem Schriftsteller also. Auch die hobbymäßig ausgeübte Dichtkunst scheint dem Profi-Schriftsteller im Weg zu stehen. Wenn jeder schreiben kann, werden Profis nicht gebraucht. Diese beiden vermeintlich verbreiteten gesellschaftlichen Ansichten machen Schriftstellern um 1900 das Leben schwer.

Der Lösungsvorschlag Fontanes ist dabei sehr überraschend:

Es giebt nur ein Mittel: Verstaatlichung, Aichung, aufgeklebter Zettel. Vielleicht ist das Mittel schlimmer als der gegenwärtige Zustand. Aber dann müssen wir uns getrösten und es lassen wie es ist. Wollen wir Aenderung schaffen, so giebt es keinen anderen Hülfweg. […] Die Anschauung, daß nur Examen, Zeugnis, Approbation, Amt, Titel, Orden, kurzum alles das, wohinter der Staat steht, Wert und Bedeutung geben, beherrscht die Gemüter mehr denn je und die freien Genies, die ‚Wilden‘, immer süspekt gewesen, sind es jetzt mehr denn je.[3]

Der Beruf des Schriftstellers soll also staatlich anerkannt und ihm damit durch eine Autorität gesellschaftlicher Status verliehen werden. Fontane sieht dabei zwar ein, dass das vielleicht ganz eigene Probleme mit sich ziehen könnte, sieht es aber dennoch als die effektivste Lösung an. Die Alternativlösung dazu wäre schlicht: „größere Achtung vor uns selber“[4].

Das scheint vielleicht der größte Problempunkt bei Fontane gewesen zu sein. Sein Misstrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Missachtung und Hintanstellung der eigenen Wünsche und Träume angesichts der finanziellen Verantwortung für die Familie und die stetige Suche nach Bestätigung und Legitimation von außen. Thomas Mann beleuchtet in seinem Essay Der alte Fontane eine Anekdote, laut der Fontane zu seinem siebzigsten Geburtstag den Gästen folgende Worte in den Mund gelegt haben soll: „Und eigentlich ist es doch ein Jammer mit ihm; er hat nicht mal studiert.“[5] 

Dieser Komplex über den eigenen Bildungsmangel hat Fontane stets verfolgt. Sein Leben lang strebte er nach dem Status eines anerkannten Schriftstellers – ein Traum, der sich ihm zu Lebzeiten nie als erfüllt erschien. Umso mehr ist er heute als Schriftsteller bekannt, sogar derart, dass all sein anderes Schaffen im Vergleich zu seinen Romanen in den Schatten tritt. Und doch darf man nicht vergessen, wie Komplex Fontanes Werdegang in Wahrheit war.


[1] Zitiert nach Helmuth Nürnberger: Fontanes Welt. Berlin 1997, S. 335 f.
[2] Theodor Fontane: Die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller. In: Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1890-1910. Hrsg. von Erich Ruprecht und Dieter Bänsch. Stuttgart 1981, S. 2.
[3] Ebd., S. 3.
[4] Ebd., S. 4.
[5] Thomas Mann: Der alte Fontane. In: Ders.: Essays. Bd. 1 Frühlingssturm 1893-1918. Hrsg. von Herrmann Kurzke und Stephan Stachorski. Frankfurt am Main 1993, S. 132.

Literaturverzeichnis

Theodor Fontane: Die gesellschaftliche Stellung der Schriftsteller. In: Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1890-1910. Hrsg. von Erich Ruprecht und Dieter Bänsch. Stuttgart 1981, S. 1-4.
Thomas Mann: Der alte Fontane. In: Ders.: Essays. Bd. 1 Frühlingssturm 1893-1918. Hrsg. von Herrmann Kurzke und Stephan Stachorski. Frankfurt am Main 1993, S. 124-149.
Helmuth Nürnberger: Fontanes Welt. Berlin 1997.

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