Günter Grass‘ Roman „Ein weites Feld“ als Versuch, den Mythos Fontane zu stürzen

Wie einflussreich Theodor Fontane wirklich war, lässt sich ablesen an den Dichtern, Filmemachern und anderen Kunstschaffenden, die sich auf ihn beziehen. Zahlreiche Adaptionen finden sich, die alle mehr oder minder auf ihn selbst oder sein Werk eingehen und es gewissermaßen fortschreiben. Eins dieser Werke ist der Roman Ein weites Feld von Günter Grass, der 1995 erschien und sofort große Aufmerksamkeit auf sich zog. Dabei wurden nicht nur Lorbeeren verteilt, sondern auch einige starke Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki traten auf.

Fontane-Denkmal in Neuruppin
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor-Fontane-Denkmal_(Neuruppin)#/media/File:Fontane_denkmal.jpg

Was aber ist das Besondere an Grass‘ Roman?

Schon der Titel des Romans entstammt einem Roman Fontanes, Effi Briest nämlich, deren Vater den Schlusssatz: „Ach Luise, lass … Das ist ein zu weites Feld.“ sagt. Aber auch der Name des Protagonisten, Theo Wuttke, dessen Spitzname Fonty sich durch den Roman zieht, lässt eindeutige Schlüsse auf Theodor Fontane zu. So dient die Konstruktion des Romans als Spiegelung der Person Fontane in Gestalt des DDR-Bürgers Theo Wuttke. Die Geschichte des Romans, zur Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten angesiedelt, verbindet dieses große geschichtliche Ereignis mit den Geschehnissen des 19. Jahrhunderts zur Zeit Fontanes. Es wird immer wieder auf die Unsterblichkeit Fontanes hingewiesen, als großer deutscher Dichter. Viele öffentliche Medien seiner Unsterblichkeit nehmen eine große Rolle im Roman ein: Das Neuruppiner Fontane-Denkmal, das Berliner Grab und viele

Fontanes Grab in Berlin
Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cc/Fontane_denkmal.jpg

Porträts sind dafür zu nennen. So wird Fonty schon als Kind an die zukünftig den Vater ersetzende Figur Fontanes herangeführt, indem er mit seinem leibhaftigen Vater dessen Denkmal besucht und dort „auf die ewige Dichtkunst eingeschworen“ wird. Er identifiziert sich mit Fontane und wird ihn fortan als Vorbild Zeit seines Lebens bewahren. Interessant ist hierbei, warum Grass nach eigenen Angaben gerade Fontane als Vorbild seines Romans benutzte, und nicht einen der anderen großen deutschen Dichterfürsten. Schiller oder Goethe wären doch dafür ebenso geeignet gewesen?

„Fontane wäre mir näher. Ich teile seine Scheu vor Weimar. Zwar hat er noch im Alter den Schiller-Preis bekommen, aber gleichzeitig über ‚Schillers perpetuierten Lorbeerzustand‘ gespottet. Das zeigt seine Distanz zu dieser Art von Unsterblichkeit.“ (Interview vom 17.08.1995, Oskar Negt (Hg.): Der Fall Fonty. »Ein weites Feld« von Günter Grass im Spiegel der Kritik. Göttingen 1997. S. 411f)

Günter Grass möchte in seinem Roman den großen Kult und den Mythos um eine einzelne Person aufheben. Seinem Verständnis zufolge ist der Mythos ein integraler Bestandteil der Realität. Goethe und Schiller sind dabei aber schon so sehr in das kollektive deutsche Gedächtnis integriert, dass deren Mythos nicht mehr ironisiert und auch entmythologisiert werden kann, wie es mit Fontane geschieht. Thomas Mann, dessen grundlegender Mythosbegriff ein „Leben als Zitat“ beinhaltet, ein „In-Spuren-Gehen“, bildet damit die Abgrenzung zu Grass‘ Konzept des vitalen Mythos.

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