Fontane, der Visionär

Kleinmachenow oder Machenow auf dem Sande

Kleinmachenow ist ein reizend gelegenes Dorf, das sich an einem vom Telte-Fließ gebildeten See hinzieht […]. Das Dorf ist alter Besitz der von Hakes. Diese Familie, die drei Gemshörner (Haken) im Wappen führt, war früher wie im Havellande so auch im Teltow reich begütert, besitzt aber in letztrem Kreise, nach Einbuße von Genshagen und Heinersdorf, nur noch Kleinmachenow und das Patronat über das angrenzende Stahnsdorf.

Fontane schließt die Beschreibung seiner Pfingstfahrt in den Teltow und die Wanderung im südwestlichen Zipfel dieser Region Brandenburgs 1882 mit den Zeilen

Machenow auf dem Sande ist nur eine gute halbe Stunde vom Wann- und Schlachten-See und all jenen andern im Grunewald gelegenen Wald- und Wasserpartien entfernt, die, wenn längst gehegte Wünsche sich erfüllen (erfüllten sich seitdem) , über kurz oder lang vor die Tore Berlins gerückt sein werden. Dann, wenn die steil abfallende Hügelreihe, die das weite Becken des Wannsees von Osten her umfaßt, zu einem Quai für heitre, vom wilden Wein umlaubte Villen geworden sein und Forst und Fluß nach allen Seiten hin durchstreift werden wird, dann wird auch das hübsche Dorf am Telte-Fließ seine Besucher und Verehrer gefunden haben. Mögen diese dann an der alten, efeuversteckten Kirche und an dem Steinkreuz des gefallenen Schlabrendorf nicht vorübergehen.

Wie Recht er hatte! Aus dem hübschen Dorf am Telte-Fließ mit nicht mehr als 200 Dorfbewohnern, die Gutsherrenfamilie derer von Hake inbegriffen, ist eine Gemeinde von fast 21.000 Einwohnern geworden.

Machnower See Nordufer

Den Grundstein dafür legten die verschuldeten Brüder Dietloff und Georg von Hake. Sie teilten 1895 einen Teil ihrer Ländereien, die sich von Kleinmachnenow bis nach Stahnsdorf erstreckten, in fast gleich große Flurstücke von ca. 900m² auf und verkauften sie mit beträchtlichem Gewinn. Nun war wieder Geld in der Kasse! Die Schulden wurden beglichen und Dietloff von Hake ließ im Jahr 1908 am gegenüberliegenden Nordufer des Machnower Sees die sogenannte Neue Hakeburg, entworfen vom Architekten Bodo Ebhardt, im neuromanischen Burgenstil errichten. Sie blieb bis 1936, das Hauptgut, bestehend aus Herrenhaus und altem Schloss (heute Alte Hakeburg genannt) bis zur Enteignung 1945 im Besitz der Familie.

Neue Hakeburg Eingangsportal
Medusentor

Das Herrenhaus, 1803 erbaut von dem Architekten David Gilly, dem Lehrer Schinkels, und die Alte Hakeburg haben den Krieg und die wechselnden Zeitereignisse nicht überstanden. Vom vormals pompösen Eingang zum Herrenhaus und zur Alten Hakeburg steht nur noch das Medusentor. Den Spuren Fontanes kann man jedoch noch bis heute Schritt für Schritt folgen.

Der frühe Abend des Pfingstsonntags und unser Blog waren für meinen Mann und mich eine gute Gelegenheit, um nach 20 Jahren genau diesen Weg mit einem durch Fontane geschärften Blick zu gehen. Schon im Jahr 1997 sind wir am Nordufer des Machnower Sees spazieren gegangen, jedoch ohne Wissen um die Geschichte des Ortes, in den wir aus Berlin bald ziehen wollten. Damals spielte die Neue Hakeburg für uns eine große Rolle, denn wir feierten dort unsere Hochzeit.

Neue Hakeburg Seeseite

Nun sahen wir mit Wehmut an diesem Ort Spuren von Zerfall und Zerstörung. Seit 1990 wechselte sie mehrmals den Besitzer. Dem jetzigen Eigentümer fehlt es wohl an Geld, so dass Burg und Grundstück verwahrlosen. Im Unterschied zu Dietloff von Hake darf er den Besitz von fast 38.000m² nicht in einzelne Flurstücke aufteilen. Dieses Objekt gibt es nur ganz oder gar nicht. Pläne, dort Luxuswohnungen zu bauen scheiterten bislang. Zu absurd ist wohl auch die Behauptung der „selbsternannten Exilregierung der Mikronation Sealand“  im Oktober 1999 einen Pachtvertrag über 99 Jahre abgeschlossen zu haben. 2016 berichtete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über den Zustand der leerstehenden Immobilie unter dem Titel Eingestiegen in Ruinen. Da dieser Beitrag in Anlehnung an die Anfangszeile der Nationalhymne der DDR Auferstanden aus Ruinen eine Assoziation zur Geschichte der Neuen Hakeburg vor 1989 sein sollte, ein Lesetipp: Die Publizistin und Journalistin Carola Stern beschreibt in ihrer Autobiografie Doppelleben, erschienen 2001 bei Kiepenheuer und Witsch, Köln, ihre Arbeit als Lehrerin an der Parteihochschule der SED, die Anfang der 1950er Jahre im ehemals adligen Herrensitz gegründet wurde.

Alte Kirche

Der alten Kirche fehlt heute der Efeubewuchs, der sie 1882 noch versteckt hatte; im Kirchhof aber kann man, wie einst Theodor Fontane, durch die Leben derer von Hake wandern. Ist die Kirche sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet, sind in einem separaten Raum im linken Teil außerhalb des Kirchenschiffs Epitaphien der Hakes zu besichtigen. Nicht mehr gefunden haben wir das Steinkreuz des Schlabrendorf, der in einem Duell mit einem von Hake auf offener Dorfstraße getötet worden war. Sporen und Degen hingen zu Fontanes Besuch noch in der Kirche, sind heute aber nicht mehr auffindbar. Das Gebiet am Südufer des Machnower Sees lässt die Geschichte des Ortes wieder lebendig werden .

Machnower See Südufer

Auf Initiative des Heimat- und Kulturvereins Kleinmachnow haben die Ausgrabungen der Alten Hakeburg begonnen. Interessierte können sich zu einer Führung auf dem ehemaligen Besitz der von Hakes beim Verein unter der Telefonnummer 033203-609606 anmelden. Jeden 1. und 3. Sonntag im Monat ist die Ausgrabungsstätte am Nachmittag auch ohne Anmeldung zu besichtigen.

Beginn Ausgrabung Alte Hakeburg
Detail Ausgrabung Alte Hakeburg Stand Juni 2018

 Quelle: Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Vierter Teil, Spreeland, Hrsg. G. Erler und R. Mingau, Aufbau-Verlag GmbH, 1. Auflage 1997

©Fotos privat

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