… noch keine 199: Fontane-Biographien im Herbst 2018

Fontane, dem das Militärische zeitlebens ein Gegenstand von Interesse und dem dessen Jargon geläufig war, hätte vielleicht angesichts des „Jubeljahrs 2019“ formuliert: „Die Geschütze sind in Stellung gebracht.“ Und dann noch gleich eins draufgesetzt: „Was sag‘ ich – in Stellung gebracht, sie schießen auch schon los.“ Wem es friedlicher lieber ist, der wird von einem langsam und stetig wachsenden Fontane-Boom sprechen. Die Verlage wägen, wann der günstigste Zeitpunkt ist, mit ihrem Fontane-Repertoire herauszurücken. Ihre Kataloge sind – um noch einmal mit soldatischer Zunge zu sprechen – stattlich aufmunitioniert. Dabei steht, scheint es, die Lebensgeschichte Fontanes obenan. Das ist erstaunlich. Es fehlt ja keineswegs an überzeugenden Biographien des Dichters: Helmuth Nürnbergers Fontanes Welt (München: Siedler 1997, 448 S., im Angebot 10 €!) etwa oder, noch immer einer Lektüre wert, Hans-Heinrich Reuters zweibändige Lebensdarstellung Fontane (Berlin: Verlag der Nation 1968, 1108 S., im Angebot 15 €!). Um nur diese zu nennen …

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin und Lehrerin Regina Dieterle, die vor Jahren ein in seiner souveränen Kenntnis und stilistischen Klarheit so gewinnendes Buch über Fontanes Tochter Martha (Mete) verfasst hat, ließ sich von solchen Vorgaben nicht irritieren. Gerade hat sie im Münchner Hanser Verlag ihre Fontane-Biographie veröffentlicht: auf 832 Seiten (34 €).

Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie (Verlagscover)
Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie (Verlagscover)

Wohl nicht nur ein Werk über ein Leben, sondern gleichermaßen ein Lebenswerk. Und der Rowohlt Verlag, unbekümmert aller seiner Haus-Turbulenzen, schickt gleich zwei Fontane-Lebensgeschichten in den Kampf um den Buchmarkt: Unter dem Titel Der Wanderer. Das Leben des Theodor Fontane (400 Seiten, 26 €) hat der 1954 geborene, auf ostdeutsche und osteuropäische Zeitgeschichte spezialisierte Dramaturg und Autor Hans-Dieter Rutsch ’seinen‘ Fontane erzählt – und Iwan D’Aprile (Jahrgang 1968), Professor und Experte für die Literatur- und Kulturgeschichte des Aufklärungsjahrhunderts, legt dort das Buch Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung (544 Seiten, 28 €) vor.

Habe ich gerade eben „Kampf um den Buchmarkt“ geschrieben? Du lieber Himmel, natürlich nicht. Es geht um die Leserschaft. Sie soll unterrichtet werden über alles, was in den letzten zehn, zwanzig Jahren Neues über Theodor Fontane gefunden wurde. Und wir dürfen sicher sein: Sie wird es. Vorfreude ist berechtigt, Neugier auch.  Wie wird Dieterle die noch immer geheimnisvolle Vater-Tochter-Beziehung erzählen, wie wird der akademisch-geprägte D’Aprile (dessen Vorfahr übrigens Fontanes Beerdigung als Pfarrer begleitete) mit dem akademisch ungebildeten Fontane verfahren, und was steckt hinter jenem „Wanderer“ von Rutsch, wo doch Fontane mehr Bahn gefahren ist  …

Nachsatz: Als ich 2010 eine fünfbändige Chronik zu Leben und Werk Fontanes (Berlin, New York: Walter de Gruyter, 3905 Seiten, rein fakten- und quellenorientiert, streng nach Rubriken gegliedert) veröffentlicht – und endlich von der erschöpften Arbeitsseele – hatte, meinten nicht wenige, nun werde ich doch gewiss an eine Biographie gehen.  Doch schon der Gedanke schreckte mich tief. Eins nämlich war mir während des Arbeitsjahrzehnts klar geworden: Je mehr ich von diesem Leben en détail wusste, umso entschiedener entzog es sich mir – und umso größer wurde die Scheu, es mir (und anderen) erzählend anzueignen. Sie ist geblieben, wie aber auch die Neugier blieb, wenn es andere, mit schönem Mut und sorgsamem Kalkül, wieder und wieder versuchen. Ich bin gespannt.

2 comments

  1. Adi und Rosi Henke says:

    Achtung , ansteckend !
    An uns selbst spueren wir den besonderen „Fontane. 200 – Effekt “ . Die vielen
    Informationen ueber Aktivitaeten aller Art im Fontaneland sind allseits zu
    vernehmen. Toll ! Auch wir,in Berlin-Buch, berreiten ein Depot von Granaten
    fuer unser „Geschuetz “ vor.
    Uebrigens, wir haben Respekt vor der sich da anbahnenden Kanonade und
    werden wohl nicht alles annehmen, was der Buechermarkt so anbietet.
    Doch das „Fontane-Fieber. 200 “ ist ansteckend. Dagegen sind wir nicht geimpft. Adi und Rosi Henke

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