Die Dame hinter dem Paravent

Effi und der Film

Das Theodor Fontanes Roman Effi Briest (1896 gedruckt) eine passable Filmvorlage bietet, zeigen die vielfachen Inszenierungen der letzten einhundert Jahre. Nicht zuletzt der satirische Kurzfilm Jan Böhmermanns im Neo Magazin Royal Letzte Stunde vor den Ferien: Effi Briest (2017) verdeutlichte die Aktualität des dem Roman innewohnenden Themas. Selbstredend finden sich in der Liste der filmischen Aufarbeitungen auch ernsthaftere Bemühungen, der Buchvorlage gerecht zu werden. Beispielhaft zu nennen, wären der 2009 ausgestrahlte Film Effi Briest von Hermine Huntgeburth mit Julia Jentsch in der Rolle der Effi oder der 1974 von Rainer Werner Fassbinder inszenierte Film Fontanes Effi Briest. Doch den Stein des Anstoßes, die Effi auf die Leinwand zu bringen, bewegte ein weitaus älterer Film.

Im Jahre 1938 arbeitete sich Gustav Gründgens am Stoff Fontanes ab. Unter dem Titel Der Schritt vom Wege drehte der als Schauspieler bekannte Gründgens sein ambitioniertestes Kinoprojekt. Ebenso namenhaft wie der Regisseur waren die beteiligten Schauspieler. In die Rolle der Effi schlüpfte Gründgens angetraute Marianne Hoppe, den Instetten verkörperte Karl Ludwig Diehl. Darüber hinaus wirkten Paul Hartmann und Elisabeth Flickenschildt mit. Letztgenannte übernahm die Rolle der Sängerin Marietta Tripelli, die unter anderem das französische Volkslied „Auprès de ma blonde“ zu singen hatte. Die Schauspielerin trug dieses aber nicht selbst vor, sondern wurde synchronisiert.

Besetzung Oper „Zauberflöte“ Koblenz, Foto: Privat

Hinter einem Paravent versteckt, gab eine gewisse Margarethe Molzen, genannt Gerty, das Lied anstelle von Elisabeth Flickenschildt zum Besten. Eine Gelegenheitsarbeit der ausgebildeten Opernsängerin, die Anfang der 30er Jahre noch die Konzerthäuser Europas bereiste und beispielsweise in Koblenz bei der Zauberflöte oder im Züricher Stadttheater bei der Zigeunerbaronin mitwirkte. Aber die Erfolge verflüchtigten sich und ihre Engagements wurden rarer. Schließlich verdiente sich Gerty Molzen als Aushilfe, mit Gastauftritten oder als Synchronsängerin ihre Bröttchen.

Das Leben der Gerty Molzen

Was ihr weiteres Leben jedoch vollkommen verändern sollte, war ihr scheinbar unscheinbares Mitwirken an Gründgens Film. Denn genau jener soll ihr bei ihren Tagen am Drehset geraten haben, ins komische Fach zu wechseln. Eine Legende, die sich nicht mehr genauso rekonstruieren lässt. In ihrem Tagebuch vermerkte Gerty Molzen aber zumindest den Tag (6. Oktober 1938), an dem sie beim Film war: „Synchronisieren bei Gründgens die Flickenschildt – ‚Sapphische Ode – Dans les jardin d’mon père'“. Darüber hinaus bleibt rückblickend auf ihr Leben festzuhalten, dass ihre künstlerische Laufbahn einen komischen Einschlag erfuhr.

Gerty Molzen, Fotos: Fotostudio Sahm in München und Privat

Als Truppenbetreuerin erheiterte sie die Soldaten der Wehrmacht, ihre kabarettistischen Auftritten waren in der Nachkriegszeit in jedem deutschen Kurhotel bekannt und in einigen kurzen Filmrollen glänzte sie mit einem erfrischend ungewollten Humor. Auch ihre letzter großer Wurf war davon durchzogen. Im zarten Alter von 80 Jahren sang Gerty Molzen auf Anraten eines befreundeten Produzenten Musikklassiker wie Lou Reeds „Take a Walk on the Wild Side“. Das Ergebnis war und ist schlichtweg unbeschreiblich. Die ehemalige Opernsängerin tourte unter dem Deckmantel der Rock-Oma durch die ganze Welt. Auftritte in Wien, London und New York meisterte sie mit Bravour, immer verbunden mit einem Hauch Komik, wenn sie über die englischen Songzeilen stolperte.

Die verträumte Stadt

Denn eigentlich war die gebürtige Glücksburgerin mit Liedern wie „Gerty von der Waterkant“ oder „Ich bin nicht schön, ich bin viel schlimmer“ bekannt, statt mit englischen Remakes. Und darüber hinaus war sie als Petuhtante des verträumten Städtchens im Schatten Flensburgs unterwegs. (Petuh, das ist eine Mischform des Hochdeutschen, Plattdeutschen und Plattdänischen.)

Ehemaliges Haus in der Nerongsallee 13, Foto: Privat

Gerty Molzen gab dieser Sprache ein Forum, war die berühmteste Person in der Öffentlichkeit, die sich durch einige Buchpublikationen zu dieser Minderheiten Sprache bekannte.

Bis fast an ihr Lebensende verbrachte sie die Sommer in ihrem Haus in Glücksburg an der Flensburger Förde. Dieses existiert heute nur noch in Fotoalben. Besuche beim ehemaligen  Lebenshort der Stadtikone verraten lediglich in Maßen, wie Gerty einst residierte: Mit einem atemraubenden Blick auf die Strandpromenade und den Segelhafen, mit der Möglichkeit nach nur ein paar Schritt in das kühle Nass zu tauchen und mit dem Fernweh nach der am Horizonten zu vermutenden Küste Dänemarks.

Fontane überall, auch im Irgendwo

Ein Lidschlag zurück – zurück zu der Dame hinter dem Paravent – führt in das kleine Städtchen Glücksburg. Hierhin, könnte geglaubt werden, hat Fontanes Gesellschaftsroman keinerlei Bezüge. Und das stimmt auch im nahen Sinne, verliert sich dennoch im weiten. Denn Glücksburg verbirgt vielmehr Fontane hinter dem Paravent, als der offensichtliche Blick auf ihn zutage bringt. Einerseits ist dort die Abteilung der Fontane Gesellschaft „Theodor-Fontane-Sektion Schleswiger Land“ beheimatet,

Blick auf den Hafen, Foto: Privat

weiterhin die zahlreichen historischen Bezüge der Stadt in Fontanes Werken (beispielsweise in Unwiederbringlich) und andererseits auch der Theodor-Fontane-Wanderweg auf der Halbinsel Holnis einige Kilometer oberhalb von Glücksburg gelegen.

Schließlich bleibt nicht mehr zu sagen, als Theodor Fontane auprès de ma blonde, Gerty Molzen.

 

 

Großer Dank gelten Martin Lempelius in Glücksburg und dem Fotostudio Sahm in München!

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