Komplett fontanisiert?

Der Berliner Tagesspiegel leistete sich in seiner sonntäglichen Ausgabe zwei Seiten „Fontane“ – natürlich mit Blick auf das Jubiläumsjahr und natürlich, muss man hinzufügen, auf Brandenburg geeicht. Denn „Berlin“ hält sich zurück, und die brandenburgische Region als stattliches Bundesland zieht, salopp gesprochen, vom Leder. Der Journalist Christoph Stollowsky hat sichtlich Spaß an allem, was ihm vorgeführt wird: sei es die Villa Quandt, wo das Theodor-Fontane-Archiv zu Hause ist, sei es Neuruppin, wo der Schriftsteller vor bald 199 Jahren geboren wurde, sei es Paretz, wo der „Verein Historisches Paretz“ seinen Sitz und allen Grund zur Dankbarkeit hat, weil man mit Fontane den Beginn der touristischen Ära feiert, sei es im Städtchen Plaue, über das der so schwärmerisch schrieb, dass noch heute die Nachwelt nicht anders kann, als einzustimmen – trotz aller nicht zu übersehenden Spuren von Verfall und Morbidität. Und Freude findet der Journalist auch in Karwe, wo die literarischen Wanderungen durch die Mark Brandenburg 1859 ihren Ausgang nahmen. Dort hegt und pflegt nicht nur der „Parkverein Karwe„, was von jener einstigen Herrlichkeit noch geblieben ist, dort werden 2019 auch Seiten aus Notizbüchern gezeigt, auf denen Fontane nicht nur geschrieben, sondern freiweg skizziert hat. Die ebenso renommierte wie engagierte Editorin Gabriele Radecke (Fontane-Forschungsstelle, Universität Göttingen) und Günter Rieger, ein alteingesessener Verleger von Format, bereiten Stollowsky Vergnügen. Etwas vom Geist der 10.000 digital aufbereiteten und kommentierten Notizbuchseiten wird auch durch die „Leit-Ausstellung“, die im Neuruppiner Museum (Leiterin: Maja Peers-Oeljeschläger, Kuratorin: Heike Gfrereis) vorbereitet wird, wehen.  Und einmal in der Fontane-Stadt angekommen, lässt Stollowsky seine Leserschaft an der freundlichen Bekanntschaft mit der Kulturmanagerin, Uta Bartsch, teilhaben, die seit einigen Jahren mit ihrem Team den Fontane-Festspiele überregionalen Glanz verleiht: und die neben Lektürehappen auch Lukullisches zu beschwören weiß.

Wäre noch ein wenig Zeit gewesen, hätte sich ein Besuch in der Geschäftstelle der Theodor Fontane Gesellschaft empfohlen (Leiterin: Vanessa Brandes). Sie hat ihren Sitz im Alten Gymnasium – und für das Jubiläumsjahr natürlich auch einiges in petto: So hebt sie zwischen dem 19. und 22. September 2019 in Neuruppin eine „Fontane-Akademie“ aus der Taufe, organisiert mit dem Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität eine Ring-Vorlesung (die ihren Abschluss am 10. Juli 2019 in der Französischen Friedrichstadtkirche finden wird, wo Fontane konfirmiert und getraut wurde) und hat u.a. den Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Prof. Ernst Osterkamp, zu einer Veranstaltung im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee (11. April 2019) geladen.

Das letzte Wort räumt Christoph Stollowsky Fontane selbst ein. Alles, was er geschrieben habe, so der Dichter an seinen Verleger Hertz am 9. November 1889, werde sich – von einigen Gedichten abgesehen – nicht weit ins kommende Jahrhundert hineinretten. Und damit hat Stollowsky, ohne es zu wollen, eine Leerstelle seines schönen Artikels markiert: die Romane. Sie sind es, die das Jubiläumsjahr in diesem Ausmaß rechtfertigen. Mit ihnen hat Theodor Fontane sich in die europäische Literatur dauerhaft eingeschrieben. Von dort her rührt sein Rang. So sehr die Region auch fontanisiert wird, mit beherztem Engagement und beseeltem Forscherdrang, die Folge darf nicht sein, dass der Autor regionalisiert wird.

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